Pierre Vervloesem – Ruder

Pierre Vervloesem – Ruder

P

Off Records

Das aktuelle Album des belgischen Multiinstrumentalisten Pierre Vervloesem ist das Nachfolgealbum von „Rude“, aufgenommen im Jahr 2005. In nur einem Tag und ohne vorherige Proben mit unbekannten Musikern wurde das genannte Album eingespielt. In gleicher Weise gilt das auch für „Ruder“, diesmal allerdings unter den Bedingungen eines pandemischen Geschehens. Einen Unterschied gibt es zwischen „Ruder“ und „Rude“: Diesmal ist Pierre Vervloesem als „Alleinunterhalter“ unterwegs. Zu hören sind Tracks wie „Utograph“ und „Varibotation“ sowie „Ternation“ und „Nonagintism“.

Harte Saitenfolgen treffen auf klirrende Klangstäbe, so hat es beim ersten Stück „Utograph“ den Anschein. Akkordschlag folgt auf Akkordschlag, ehe es dann mit gemischtem Hard Rock  und differenziertem Punk weitergeht. Da geht gehörig die Post ab, macht Vervloesem Alvin Lee, Gary Moore und andere Saitenvirtuosen vergessen. Headbanging steht auf dem Programm, auch ohne Ozzy Ozbourne. Allerdings versteht es Vervloesem, auch feine und schrille Gitarrenklänge zu einem ansprechenden Netzgewebe des Klangs zu verknüpfen. Zwischendrin meint man, ein Synth sei als Anreicherung auch mit im Spiel ebenso wie elektronische Klangwelten, die stetig oszillieren. Streicher gibt es, so scheint es, als Bereicherung außerdem zu hören, oder? Mit gängigem Jazz Rock hat Vervloesem nichts im Sinn. Er scheint eher bei Mike Oldfield und Alan Parson Anleihen zu nehmen und neben den oben genannten Rockgitarristen auch bei Deep Purple. Vervloesem schwimmt dabei in einem urbanen Klangkosmos, der gewiss für Begeisterung unter Rock affinen Musikfreunden sorgt. Starke Schlagwerkakzente treffen auf einen eher linearen Saitenklang, der von sirenenhaften Klangwellen überflutet wird, wenn „Varibotation“ auf dem Programm steht. Bisweilen mag der eine oder andere Zuhörer auch an Frank Zappa und dessen Musik erinnert werden. Doch Vervloesem ist Vervloesem mit einem eigenen Malstrom des Klangs. Da schwirren Saiten, heult die Gitarre, hört man einige Tasteninterventionen, sorgt die Rhythmusmaschine für die feste Struktur. Orchestral mutet die Musik bisweilen an, die einem Vollrausch des Klangs gleichkommt. Da geht es nicht um feine Klangschlieren, sondern um schiere Klangeskapaden, von denen Black Sabbath nur träumen kann.

Wie eine Gitterverbindung in einem Benzolring erscheint das Gitarrenspiel in „Phagoracismic“. Wildes Getrommel verbindet sich mit flüchtigen Synth-Linien. Sanfte Passagen einer jaulenden Gitarre schließen sich an. Unaufhörlich ist das aufdringlich wirkende Drumming zu hören. Wie einen Wellenzyklus entwickelt Vervloesem sein weiteres Klangwerk. Da lässt er auch mal die Gitarre ausbrechen, schreien und grölen oder aber in steter, wiederholter Rhythmik hörbar werden.

Bei „Ternation“ scheint es, als lausche man anfänglich einem präparierten Hammerklavier und nachfolgend einem Synthesizer, der ein flottes Liedchen zum Mitsummen anstimmt. Auf ein jaulendes Saiteninstrument verzichtet Vervloesem im Fortgang des Stücks nicht. Slade und Status Quo scheinen hier und da im Hintergrund zu agieren, oder? Und auch Pete Townshend scheint irgendwie eine Patenschaft angetreten haben. Gibt es musikalische Zitate? Möglicherweise. Doch Vervloesem faltet auch in diesem Stück ein komplexes Origami des Rock bzw. Jazz Rock, ohne an den späten Miles Davis oder an Colosseum und andere Giganten des Jazz Rock der 1970er und 1980er Jahre anzuknüpfen. Und das ist gut so!

Abschließend noch ein paar Worte zu „Nonagintism“. „Grunzlaute“ vereint mit Rockeruptionen – das scheint das Thema zu Beginn. Auch dieses Stück ist temporeich. Da Rasen die Klänge im Sturmlauf dahin, wird ein rockiger Parforceritt unternommen. Hard Rock und R&B gehen im Verlauf des Stücks eine harmonische Beziehung ein. Das ist alles nicht leise, sondern laut. Da werden die Gehörknöchelchen beansprucht. Es geht nicht um ein Feingewebe, sondern um einen groben Rock, den Vervloesem auf ganz brillante Weise präsentiert. Es gibt keine thematischen Wiederholungen, kein ewiges Jaulen und Heulen, sondern einen steten Klang- und Tempowechsel. Dramatik wird kultiviert, und die klangliche Eruption stets vollzogen. Das ist gewiss nichts für Jazzpuristen, sondern nur für diejenigen, die ihre eingespielten Hörgewohnheiten abzulegen bereit sind. 

© ferdinand dupuis-panther

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https://pierrevervloesem.bandcamp.com/album/ruder


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