Philipp Schiepek & Walter Lang – Cathedral

Philipp Schiepek & Walter Lang – Cathedral

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ACT

„Philipp Schiepek erzielt mit vergleichsweise wenigen Tönen eine große Spannung (…). Es geht (…) um Klangschönheit und um Klangsinnlichkeit.“ So äußert sich Matthias Wegner im Deutschlandfunk Kultur zu dem in Würzburg und München ausgebildeten Gitarristen. Anfang 2020 wurde er dann mit dem BMW Welt Young Artist Jazz Award ausgezeichnet. Dass Schiepek, der mit Klavier und Akkordeon groß geworden und mit zwölf Jahren zur Gitarre gekommen war, über das wichtigste Gut eines Musikers verfügt, seine eigene Handschrift, war und ist keine Frage, wenn man sich dem aktuellen Duo-Album mit dem Pianisten Walter Lang widmet. Mit „Cathedral“ gibt Schiepek nunmehr sein ACT-Debüt.

Der Pianist Walter Lang ist aufgrund seines erfolgreichen Trios Elf bekannt, mit dem er jüngst bei Enja das Album „Fram“ herausgebracht hat. In einem Interview mit Jazzreporter äußert sich Lang zu seinen musikalischen Wurzeln wie folgt: „Das war ganz früh. Ich bin auf einem Bauernhof bei Schwäbisch Gmünd aufgewachsen. Mein Opa hat Klavier gespielt und mein Vater Ziehharmonika. Dann war es kirchliche Musik, vor allem Bach, die mich bis heute noch prägt. Das erste, was ich an populärer Musik gehört habe, war Heintje und im Teenageralter ging es los mit den Glam-Rock-Bands wie Sweet und auch Queen und die Beatles.“ Kurz war sein Studienaufenthalt am Berklee College of Music. Die Studiengebühren waren einfach für Lang zu hoch, sodass er nach Europa zurückkehrte und in Hilversum studierte. Lang spielte im Rick-Hollander-Quartett, aber er ist auch mit eigenen Formationen bei Konzerten zu hören. Nunmehr liegt Schwaben hinter ihm, und er ist ebenso wie Philipp Schiepek in München sesshaft geworden.

Bis auf „Pilgrimage“ (comp Ph. Schiepek) stammen alle anderen Kompositionen des Albums von Walter Lang, der am Flügel spielt. Philipp Schiepek ist mit der mit Nylonsaiten bespannten Gitarre zu hören, wenn Tracks wie „Sumniran“. „Cathedral“ oder „Estrela Cadente“, aber auch „Pilgrimage“, „Gliding over Meadows“, „Prelude To the World Is Upside Down“, „The World Is Upside Down“ und zuletzt „The Encourager“ zu hören sind.

Was „imitiert“ Walter Lang in „Sumniran“ eigentlich? Den Lauf der Zeit? Den schweren Schlag einer Pendeluhr? So hat es den Eindruck, wenn man den ersten Takten des Stücks folgt, das sehr konzertant angelegt ist. Das wird noch durch die Gitarrensequenzen unterstrichen, die eher nach klassischer Barockmusik klingen und an André Segovia denken lassen. Im Hintergrund schlägt Walter Lang den Basston, derweil sich Philipp Schiepek der Ziselierung einer fein ausgeschmückten Melodie widmet. Diese nimmt nachfolgend Lang auf, auch mit kleinen Trillerfigurationen. Meditativ ist die Ausstrahlung dessen, was wir vernehmen. Man könnte auch von Musik der Stille sprechen, einer Musik, die besinnlich ist, die den Hörer auf sich zurückwirft und die eigene Kontemplation befördert. Psalm oder Choral – das ist die Frage zu Beginn von „Cathedral“, einem Stück mit starker sakraler Ausstrahlung, in dem die Zweistimmigkeit des Duos sich in Gänze entfaltet. Standen gar Bach oder Buxtehude Pate bei der Komposition? Man müsste Walter Lang dazu befragen, so bleibt nur der erste Höreindruck, der sich manifestiert. Seelenmusik könnte man denken, ist das, was uns die beiden Musiker präsentieren. Es ist Musik, die beinahe als höfisch zu bezeichnen ist, ohne gleich in den Kanon elisabethanischer Musik zu passen. Weiche Melodielinien dringen ans Ohr des Hörers, scheinen zerbrechlich, gläsern und kristallin. Sie haben so gar nichts von der mächtigen Höhe einer gotischen Kathedrale mit Bündelpfeilern und Sternengewölbe, von der allgegenwärtigen Resonanz derartiger Kirchbauten.

Nachfolgend wird eine Sternschnuppe „besungen“: „Estrela cadente“. Dank des feinfühligen  Saitenspiels von Philipp Schiepek meint man, das Funkeln einer am Himmel dahinfliegenden Sternschnuppe zu sehen.  Wenn auch die Ansicht einer Sternschnuppe nur für einen Moment denkbar ist, vermitteln uns die Musiker zudem, dass der Nachthimmel einem Meer von Sternenlichtern gleicht. Im Duktus und von den Harmonien her fühlt man sich bei diesem Stück bisweilen an Lars Danielssons Liberetto erinnert. Das Kammermusikalische ist auch bei dem schwedischen Bassisten und seinem Ensemble sehr präsent. Gleiches gilt für das Münchener Klavier-Gitarren-Duo.

Auf eine musikalische Pilgerreise werden wir vom Duo Schiepek/Lang bei „Pilgrimage“ mitgenommen. Dabei sind auch dunkle Klangfärbungen auszumachen. Bedächtig und getragen ist das Tempo, so als würden die schweren Schritte eines Pilgers eingefangen, der nach Santiago de Compostela unterwegs ist und für den auch der Weg das Ziel ist. Frühlingshaftes scheint außerdem mitzuschwingen, wenn Philipp Schiepek in die Gitarrensaiten greift und wenn Walter Lang am Flügel perlende Sequenzen entwickelt. Das Urbane ist völlig fern. Der Mensch ist auf sich selbst und die raue Natur geworfen, so könnte man beim Zuhören meinen. „Gliding over meadows“ ist ein weiterer Titel des Albums. Und tatsächlich die Melodielinien, die uns Philipp Schiepek präsentiert, lassen uns ins Schweben kommen. Um ein Bild zu nutzen: Im Gleitschirm hängend sind wir dem Thermischen ausgesetzt. Lauer Wind umspielt uns, so signalisiert es wohl der Pianist mit seinem bewegten Spiel im Diskant. Hier und da meint man auch, Aufwinde herauszuhören, wenn das Tastenspiel ein wenig an Energie zulegt. Ansonsten scheint das Stück vom Duktus auch etwas Liedhaftes zu haben, denkt man an die Blütezeit der deutschen Liedermacher. Nach einem Vorspiel heißt es dann „The World Is Upside Down“. Der Rezensent musste bei diesem Stück an den italienischen Cantautore Angelo Branduardi denken, der in seinen gesanglichen Darbietungen dem klassischen Chanson sehr nahe kommt. Gleichsam poetisch erscheint die Musik, die man auch als musikalische Erzählung verstehen kann. Abgerundet wird das Album mit dem Stück „The Encourager“. Damit endet ein Album, das durchaus meditativ ausgelegt ist, zumindest aber Momente der Stille einfängt. In der Alltagshektik bildet die Musik von Schiepek und Lang einen Kontrapunkt, geben sich die beiden Musiker allein dem Akustischen hin, lassen schöne Melodie erklingen, ohne in Richtung allgefälliger banaler Popmusik und Kitsch abzugleiten.

© ferdinand dupuis-panther




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