Die Konzertreihe JazzToday hat eine ausgewiesene Tradition.

Beinahe überfüllt war die Black Box, als der in der Schweiz beheimatete, aus Braunschweig gebürtige Posaunist Nils Wogram mit seinem Trio zu Gast war. Auch Musiker der hiesigen Münsteraner Szene waren unter den Zuhörern. Einsteigen in den Expresszug namens Vinograd Express hieß es, als Annette Maye (Klarinetten), Udo Moll (Trompete), Oliver Lutz (E-Bass) und Max Andrzejewski (Schlagzeug) als musikalische Zugbegleiter anwesend waren. Auf dem Programm des Abends stand “Remembering Masada - John Zorn Sounds and more“. In Erinnerung ist noch das Ensemble No Tango der Kölner Saxofonistin und Klarinettistin Christina Fuchs, WDR-Jazzpreisträgerin 2014. Christina Fuchs hat mit der Kontrabassistin Ulla Oster eine Jazzmusikerin in ihrer Band, die wie sie auch für die Kompositionen verantwortlich ist. Zur paritätischen weiblich-männlichen Besetzung des 4tetts gehören obendrein der Bonner Akkordeonist Florian Stadler und der Kölner Schlagzeuger und Kalimba-Spieler Christoph Hillmann.

Nils Wogram
Die NRW-Szene war mit tunnel & meadow zu hören. Da war zum einen der Saxofonist Jan Klare; zum anderen gehörten zum Quartett der Gitarrist Serge Corteyn, der Bassist Johannes Nebel und der Drummer Marvin Blamberg. Jüngst war der aus Münster stammende Drummer Christian Marien mit seiner Band zu Gast, um seine aktuelle Veröffentlichung vorzustellen. Mit Sinn für Augenzwinkern präsentierten die aus Frankreich und Italien stammenden Hochstapler ihr Programm, das dem Free Jazz ein neues Gesicht gab. Samuel Blaser & Marc Ducret waren in Münster als Reisende in Sachen Gegenwarts-Jazz unterwegs. Vor Jahren ergründeten der Kontrabassist Reza Askari und seine Mitstreiter die Tiefen und Untiefen von Bebop und Modern Jazz reloaded – und das nicht nur bei „Bottrop Bebop“.
Und was uns in der nahen und weiteren Zukunft erwartet, das versuchte ich, vom Kurator der Reihe, Philipp Buck, im Folgenden in Erfahrung zu bringen.

Marc Ducret
20 Jahre BLACK BOX – was bedeutet das für dich?
Sehr viel. Spannend, weil ich damit gar nicht so lange zusammenhänge, sozusagen – eigentlich erst seit vier/fünf Jahren. Die BLACK BOX im cuba ist ein wahnsinnig toller Raum und war für mich eine echte Entdeckung. Der Raum klingt sehr besonders und bietet darüber hinaus eine intime Konzertatmosphäre. Eine sehr schön treffende Beschreibung kam mal von Elias Stemeseder. Der sagte so in etwa, dass jede Aktion, jedes Geräusch und jeder Ton in dem Raum zu einem eigenen Event wird. Es ist mir also eine Freude, diesen Raum bespielen zu dürfen.
Was verstehst du unter JazzToday?
JazzToday ist sozusagen mein „Adoptivkind". Ich möchte mich da nicht mit fremden Lorbeeren schmücken.
Du kannst besser wohl bei 20 Jahren BLACK BOX von einem Adoptiv-Heranwachsenden reden, oder?
Ja, könnte man. Erhard Hirt hat ja die Reihe neben STAGE off LIMITS ins Leben gerufen und über Jahre betreut. Und ich habe sie übernehmen dürfen. Ich verstehe unter der Reihe eine Plattform, den aktuellen Jazz zu erkunden und zu zeigen, wer da so unterwegs ist. Ja, junge und ältere Musiker*innen auf die Bühne zu bringen, die etwas zu sagen haben.
Ist Fusion und Elektronika sowie Synth-Ambient in dem genannten Programmmodul der BLACK BOX angesagt? Erhard Hirt hatte mich im Gespräch auf Folgendes hingewiesen: „Was die elektronische Musik angeht, gab es bereits eine eigene Reihe „AufAbwegen“ kuratiert von Til Kniola – (im Moment etwas stiller).“ Daher: Willst du in Kooperation mit Til den spezifischen Programmteil wiederbeleben? Wenn ja, wie?
Fusion, Elektronische Musik und Ambient – das sind weite Begriffe. Was Fusion und Elektronisches angeht, gibt es Bands, bei denen derartige Elemente eine Rolle spielen. Ich habe noch zwei Bands in diesem Jahr im Programm, die sich in diesen Feldern austoben. Eine spannende Band ist da zum Beispiel „Beatdenkers POLYPLAY". Das Trio spielt rhythmisch superkomplexe, texturell reizvolle Musik, die perfekt in unser Programm passt. Was Til Kniola angeht, der ist mittlerweile am Kulturamt Köln tätig. Ich kenne ihn auch nur daher. Er hat früher viel in der BLACK BOX gemacht bzw. Erhard hat ihn dort machen lassen, wenn ich das aus Erzählungen richtig in Erinnerung habe. Er war in der zeitgenössischen elektronischen Musik unterwegs. Jetzt ist die Frage, ob er wieder etwas in dieser Richtung machen wollte – wenn ja, würden wir uns natürlich freuen. Wir müssten allerdings auch schauen, wie man so etwas dann finanziert bekommt.

Alexander von Schlippenbach
Hat auch Post Bop und Post Modern bei JazzToday einen Raum? Wenn nein, warum nicht?
Es kommt rein auf die Spielhaltung an. Es gibt ja Bands, die einen eigenen Umgang mit der Tradition suchen und dabei eine eigene Sprache entwickeln. Das hat bei uns auf jeden Fall einen Platz. Als Alexander von Schlippenbach das letzte Mal mit seinem Trio bei uns war, konnte man auch einige Monk-Stücke hören – die waren bloß in größere Improvisationen integriert und nicht wie aus dem Real Book gespielt. Die meisten Musiker*innen, die sich mit zeitgenössischem Jazz beschäftigen, haben ja einen Bezug zur Tradition und gehen verschieden damit um.
Welche Musiker sind im Rahmen von JazzToday zu erwarten? Nenne doch mal bitte einige Namen, die in der BLACK BOX auftreten werden. Versuche mal bitte deren Musik zu beschreiben…
Wir werden eine tolle Combo der europäischen Avantgardszene hören, bestehend aus dem jungen Kölner Schlagzeuger und Bandleader Hendrik Eichler, der auch Konzerte organisiert und elektronischer Musik mit rockigen Einflüssen und Jazz zu mischen versteht. Der hat ‘ne tolle Truppe mit der estnischen Pianistin Kirke Karja, mit dem tollen Gitarristen Teis Semey (Dänemark/ Niederlande), der auch ein super eigenes Quintett hat, mit der belgisch-niederländischen E-Bassistin Louise van den Heuvel und als Star die Saxofonistin Angelika Niescier. Dann wird es einen Auftritt des Saxofonisten Ignaz Schick mit einem Trio geben. Ich habe ihn bisher nur als DJ erlebt und freue mich daher ganz besonders. Das Trio, zu dem auch der norwegische Bassist Ingebrigt Håker Flaten und der Schlagzeuger Oliver Steidle gehören, spielt “richtigen” Free Jazz. Auch noch zu erwähnen ist der Auftritt des Drummer Bill Elgart, der in der Band des Gitarristen Andreas Willers zu hören ist. Das ist eine Mehrgenerationsband, denn da spielt auch sein Sohn mit, den man am Piano hört. Die Band befasst sich mit der Musik von Carla und Paul Bley. Die klingen für mich total nach Berlin.

Philipp Buck
Wie grenzt sich die BLACK BOX vom Hot Jazz Club Münster ab?
Der Hot Jazz Club ist im Gegensatz zu uns eine frei wirtschaftlich agierende Kneipe mit Konzertbetrieb. Das sorgt für einen anderen Schwerpunkt in der Programmgestaltung. Da wir zum Glück durch Kulturförderung unabhängig von Einnahmen sind, können wir uns einem sehr viel radikaleren Programm widmen. Das hat auch seine negativen Seiten, da das Programm von Jahr zu Jahr infrage steht, aber es gibt uns die Möglichkeit, eine Musik zu präsentieren, die kommerzielle Musikveranstaltende gar nicht präsentieren könnten.
Werden unter deiner Kuratierung auch Studenten der hiesigen Musikhochschule in Master- und Bachelorkonzerten in der BLACK BOX zu hören sein?
Ich habe da etwas Neues in der Mache. Das steckt aber noch in den Kinderschuhen. Auf jeden Fall werden Studierende ihren Platz finden. Das betrifft aber erst einmal die Pop-Abteilung der Musikhochschule Münster. Es gibt aber auch den Studiengang Klassik und Neue Musik, aber dahin habe ich noch nicht meine Fühler ausgestreckt. Außerdem wird auch immer eine Band des Instituts für Musik der Hochschule Osnabrück auftreten. Übrigens, die neue Reihe wird eine eigenständige Reihe von cuba kultur sein und nichts mit JazzToday zu tun haben. Wir wollen mit diesen Konzerten ein neues Publikum gewinnen und es auch für unsere anderen Reihen begeistern – also nicht nur jungen Musiker*innen eine Bühne bereiten, sondern auch ein junges Publikum für die anderen Konzertreihen gewinnen.
Gib mal einen generellen Ausblick auf das Programm über 2027 hinaus und formuliere mal deine Wünsche…
Ich wünsche mir, Zugänge zu schaffen, auch bezogen auf JazzToday, und zwar für Menschen, die mit dieser Musik sonst noch nicht in Berührung gekommen sind. Eine generelle Aufgabe sehe ich darin, die Avantgarde-Jazzszene im Programm abzubilden. Das bezieht sich auf Deutschland, aber auch auf international Künster*innen. Ich versuche zudem, mehrere Generationen abzubilden, auch um eine Vielschichtigkeit zu haben, wie die “alten Hasen” der Berliner Szene und jungen Jungen Musiker*innen aus NRW. Ein wichtiges Anliegen ist es mir, die großartigen Frauen unserer Musikszene zu präsentieren, Musikerinnen mit Bands und eigener Perspektive, die in Konzertprogrammen und auf Bühnen noch immer zu selten vertreten sind.
Besten Dank für das Gespräch.
Interview & Fotos © Ferdinand Dupuis-Panther
Info
Infos zur Geschichte des cuba und der BLACK BOX siehe das Interview mit Erhard Hirt.
Ausblick JazzToday 2026
12.06. Mareille Merck - LARUS
Mareille Merck – Gitarre
Louise Knobil – Bass
Hendrick Eichler – Schlagzeug
03.09. Metamorphmanic Anomaly
Hendrik Eichler – Schlagzeug, Komposition
Kirke Karja – Klavier, Synthesizer
Teis Semey – Gitarre
Louise van den Heuvel – Bass
Angelika Niescier – Saxophon
04.10. Schick / Flaten / Steidle
Ignaz Schick – Alt & Tenor Saxophon
Ingebrigt Håker Flaten – Kontrabass
Oliver Steidle – Schlagzeug & Percussion
24.10. Platz / Dávilla / Furtado
Jeff Platz – Gitarre
Pacho Dávilla – Saxophon
Vasco Furtado – Schlagzeug
28.11. Andreas Willers’ ONQ feat. Bill Elgart
Andreas Willers – Gitarre
Jan Lukas Roßmüller – Klavier
Meinrad Kneer – Bass
Bill Elgart – Schlagzeug
19.12. Trio Pollon
Theresia Philipp - Saxophon, Klarinette
David Helm – Bass
Thomas Sauerborn - Schlagzeug
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