Mareille Merck : Interview mit der in der Schweiz lebenden Gitarristin







Das Interview führte Ferdinand Dupuis-Panther während der Jazzahead in Bremen im April 2023.


Wie bist du eigentlich zum Erlernen des Gitarrenspiels gekommen ?

Klassisch über die Musikschule. Ich habe aber erst einmal Keyboards gespielt, auch in der Musikschul-Band. Ich habe den Gitarristen und die Gitarristin ein wenig beneidet, könnte man fast sagen, weil ich gedacht habe, das wäre doch mega cool. Irgendwann habe ich dann zuhause es ein bisschen ausprobiert. Ich hatte Zugang zu Gitarren durch meine Familie. Mein Vater hat selber klassische Gitarre gespielt, wie auch meine kleine Schwester. Wie gesagt, ich habe halt rumgespielt und irgendwann durfte ich der Band auf einer E-Gitarre ein Stück vorspielen. Dann ging es eigentlich ziemlich schnell, weil ich das dann öfter machen durfte. Da war ich Teenagerin. Das ist spät passiert, aber ab dem Moment, an dem ich es ausprobieren durfte, gab es keinen Stopp mehr.

Es gab auch nie einen Zweifel ? Gitarre war dann das Instrument der ersten Wahl ?

Ich habe noch Keyboards und Klavier weiter gespielt. Das braucht man sowieso zum Musikstudium. Die Gitarre war schon klar mein Hauptinstrument. Das ist dann ziemlich schnell ernst geworden.

Wie wichtig war das Elternhaus für dich und deine Karriere als Musikerin ? Vielleicht auch in dem Sinne, dass Eltern unterstützende Begleiter sind, Musik mögen, aber nicht unbedingt selbst Musik machen ?

Ich denke schon, dass es eine Rolle gespielt hat, weil ich aus einer musikalischen Familie komme. Es gab immer die Möglichkeit, ein Instrument zu spielen, und die Möglichkeit, in die Musikschule zu gehen. Wir sind dahingehend auch gefördert worden. Es war nicht so, dass ich eine größere Anzahl von Berufsmusikern oder -musikerinnen in der Familie habe. Das jetzt nicht, aber die Liebe zur Musik und das Interesse an der Musik sowie die Möglichkeit, etwas machen zu können, was einfach Spaß macht. Das war klar und wurde unterstützt. Das war ganz wichtig für mich.

Hast du jemals überlegt, Rock- oder Popmusik zu machen? Die Gitarre ist ja klassisch Teil der Instrumentierung einer Schülerband, die Covermusik macht...

Ich habe solche Musik auch gespielt, und ich mache das hin und wieder auch gerne, sprich bin immer noch damit in Kontakt. Das Stück, mit dem ich wirklich begonnen habe, Gitarre zu lernen und bei dem der Funke übergesprungen ist, war eines von Santana. Das kann man auf meinem YouTube Channel sehen. Das habe ich irgendwann mal eingespielt. Es ist nicht so, dass ich immer nur Jazz gespielt habe. Niemand kann anfangen, ein Instrument zu erlernen und gleich mal Charlie Parker spielen. Beruflich war für mich klar, dass ich mit Jazz zu tun haben will. Ich denke, wer meine Musik und meine Kompositionen hört, der hört, dass da viele verschiedene Einflüsse zusammenkommen.


Was ist denn für deine Kompositionen und das Komponieren wichtig ? Eine Melodie im Kopf ? Eine Inspiration von außen ? Bei Shorter war es teilweise wesentlich, dass er sich mit Literatur beschäftigt hat, die ihn zu Kompositionen angeregt hat.  Wie ist es bei dir ?

Es gibt unterschiedliche Inspirationsquellen. Was mir zuletzt häufig aufgefallen ist, dass ich sehr kreativ werde, nachdem ich eine Pause gemacht hatte, z. B. wenn ich aus dem Urlaub komme und gar nichts musikalisch gemacht habe. Wenn ich alles beiseitegelassen habe und nach Hause zurückkommen, dann habe ich unglaublich viele Ideen. In dem Moment, in dem ich mein Instrument in die Hand nehme, kommen die Ideen teilweise von alleine; auch beim Üben fließen Ideen, die sich aus einem Thema ergeben.

Wie wesentlich sind die sogenannten Legenden des Gitarren-Jazz wie Django Reinhardt, Jim Hall, Joe Pass oder aber John Scofield für dich ? Oder hast du dich von diesen völlig freigemacht ?

Doch, auf jeden Fall. Ich denke, dass man viel lernen kann aus der Beschäftigung mit anderen Musikern und Musikerinnen. Es sind sicherlich Gitarristen. Es können aber auch andere Instrumentalisten sein. Das Zuhören und das Transkribieren sind unheimlich wichtige Dinge auf dem Weg zur Entwicklung einer eigenen Sprache. Was für mich wichtig war, nachdem ich mich solange mit jemand beschäftigt hatte, dass man dies an meinem Spielen hört, und dann möchte ich weiterziehen und mich etwas anderem zuwenden, um nicht eine Kopie zu werden. Ich möchte nicht ein Vorbild haben und dieses kopieren, sondern ich möchte mich inspirieren lassen, lernen und schauen, dass ich meinen eigenen Stil finde.

Wie würdest du denn deine Sprache, deine Sprache auf den Saiten in Worten beschreiben ?

Ich denke, mein Stil ist auf jeden Fall davon geprägt, dass ich offen bin für Einflüsse aus verschiedenen Stilen und ich versuche, mich nicht von Genrebegriffen eingrenzen zu lassen. In meinem Spiel gibt es auch eine technische Sprache, die mit Flageolett- und Tremolo-Techniken oder offenen Saiten und mit einer gewissen Fingerstyle-Technik charakterisiert werden kann und die sich so in den letzten Jahren herauskristallisiert hat.

Ist das American Songbook wichtige Grundlage für jede Jazzmusikerin? Gehört das gleichsam zum guten Ton, zum Kanon eines jeden Jazzmusikers ? Oder ist das längst abgelöst worden durch all das, was in Europa als Jazz formuliert wird ?

Ich finde es sehr wichtig, sich mit dieser Tradition zu befassen. Und viele dieser Songs werden heute noch auf Jamsessions interpretiert und das ist etwas sehr Verbindendes.

Gibt es einen eigenständigen Weg des Jazz in Europa ? Anders gesagt: Unsere musikalische Tradition ist sehr stark von klassischer Musik geprägt. Da mag man bei Bach anfangen und bei Mahler und Schönberg aufhören. Ich habe den Eindruck, dass europäische Jazzmusiker in Teilen immer auf der Suche sind, Jazz und Klassik miteinander zu verschmelzen, jenseits von Bach-Adaptationen eines Jacques Loussier. Kurzum: Ist die Klassik das musikalische Grundgerüst in Europa, auf das sich auch der hiesige Jazz bezieht ?

Das ist eine komplexe Frage und sicher schwierig, das in knappe Worte zu fassen. Es gibt besonders im europäischen Jazz auf jeden Fall Bezug zur klassischen Musik, vor allem die Harmonik von Bach lässt sich ja in Vielem wiederfinden. Als Grundgerüst stehen für mich aber klar Improvisation, das traditionelle Jazz-Vokabular und die spezifische Rhythmik im Fokus. Dazu kommt die Entwicklung – und hierzu passt, dass sich Musiker:innen mit möglichen Verknüpfungen zur Klassik wie auch zu anderen Genres beschäftigen – des Suchens nach Verknüpfungen und Überschneidungen zu anderen Stilen.


Ist Jazz männlich, sprich ist die Debatte über Geschlechterrollen im Jazz überfällig? Noch ein Zusatz: Zumeist sind Frauen im Jazz Vokalistinnen und seltener Instrumentalistinnen. Welche Erfahrungen hast du gemacht ?

Ja, der Jazz sollte diverser werden. Als ich angefangen habe, Gitarre zu lernen, gab es nur eigentlich kaum Gitarristinnen als Vorbilder. Ich wünsche mir, dass dies für nachfolgende Generationen anders sein kann.

Es ist ein gestaffeltes Problem, aber wir sind zum Glück in einer Zeit, in der sich langsam etwas tut. Ich sehe Clubs und Festivals, die aktiv dafür etwas tun, dass mehr Bands mit Bandleaderinnen und Instrumentalistinnen gebucht werden und dass sich dahingehend auch politisch etwas tut. Das empfinde ich, als positiv und es gibt Energie, aktiv zu sein. Es gibt aber auf jeden Fall noch viel zu tun.

War es denn für dich im Umfeld der Musikhochschule schwierig, deutlich zu machen, dass du nicht im Stil von Fitzgerald oder Holiday singen willst, sondern dass deine Gitarre deine Stimme ist ?

Ich habe die Entscheidung nicht davon abhängig gemacht;  mir war absolut klar, dass ich Gitarre spielen will. Es ist mir auch erst während des Studiums bewusst geworden, als ich dann die einzige Jazzgitarristin in der einen wie auch der nächsten Hochschule war, wie krass das eigentlich ist.
Im Hochschulumfeld selbst war aber immer klar bekannt, dass ich Gitarre studiere und nicht Gesang. Im sonstigen Berufsalltag gibt es aber auch jetzt noch oft die Situation, dass ich zuerst gefragt werde, ob ich singe, und sogar auf die Antwort hin, dass ich Gitarre spiele, oft nochmals nachgehakt wird, ob ich meinen Gesang begleite. Es braucht wohl noch etwas Zeit, bis das bei allen auch zur Gewohnheit gehört, dass man Gitarristin sein kann.

Sind Projekte wie SOFIA dringend erforderlich, um Musikerinnen zu fördern ?

SOFIA ist ein tolles Projekt zur Förderung angehender Berufsmusikerinnen. Solche Projekte sind super wichtig und brauchen unbedingt Unterstützung!

Ich danke dir für das Gespräch.

Text  © Ferdinand Dupuis-Panther -  Fotos © Arthur Häberli




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