Marc Stucki: interview mit dem Schweizer Saxofonisten

Anlässlich eines Konzerts mit KAOS Protokoll weilte der aus Bern gebürtige Marc Stucki in Münster; für mich der Anlass, ihn zu seinem letzten Album aber auch zur Musik von KAOS Protokoll zu befragen.

In Abwandlung einer Songzeile die Frage "Is there a thing called Jazz"? Mit anderen Worten: Wie würdest du Jazz für dich in Worte fassen?

MS: Ich habe ein Kollektiv in Bern. Das nennt sich Jazzwerkstatt Bern. Wir haben für uns mal versucht, den Begriff Jazz für uns zu definieren. Für mich – wir sind uns da auch nicht einig – ist es eine Art Haltung gegenüber der Musik, eine Art suchende Haltung gegenüber der Musik. Das zeichnet für mich aus, was vielleicht den Jazz in der Musik ausmacht. Ansonsten kann ich eigentlich keine Schublade erkennen. Die Schublade Jazz ist so groß geworden und beinhaltet so viele andere Schubladen, dass es schwierig geworden ist, das in musikalischen Kriterien zu definieren.

Wann und wie bist du erstmals mit Jazz im weitesten Sinne in Berührung gekommen?

MS: Ja, ich kann mich erinnern. Das war ein Konzert, ich glaube mit Brötzmann. Das war mit meinem Vater. Mein Vater war in der Kunsthalle Bern im Verwaltungsrat. Er hat mich da in eine Ausstellung mitgeschleppt. In einem Saal war Brötzmann mit einem italienischen Gitarristen. Ich war damals erst neun Jahre alt. Ich weiß nicht mehr wirklich, wer da gespielt hat, aber das Saxofon hat mich sehr beeindruckt. Ich habe dann einige Jahre später angefangen, Saxofon zu spielen, allerdings aufgrund eines Konzerts im Fernsehen von Coltrane. Das Brötzmann-Ding habe ich nie vergessen, aber ich habe mich immer gefragt: „Was soll denn das?“ (Lachen) Später dann habe ich mehr verstanden und heute finde ich Brötzmann super.

Welches Jazz-Album hast du dir als Erstes gekauft und warum?

MS: Ja, das ist lustig. Ich habe es kürzlich gesucht und nicht mehr gefunden. Es ist ein Album aus den 90er Jahren, ich glaube von 1993, von Sonny Rollins. Es heißt Sonny Rollins Plus 3.

Du hast augenscheinlich eine große Affinität zur Bassklarinette und zum Saxofon?

MS: Ja das ist richtig.

Sind es auch diese beiden Instrumente, die du gerne hörst?

MS: Jetzt nicht mehr. Ich habe immer wieder meine Bob-Dylan-Phase, dann habe ich meine Hip-Hop-Phase. Ich habe viel Vinyl, und dann höre ich meine Hip-Hop-Platten aus den 90er Jahren. Ich höre aber auch viel Soul. Ich bin ein großer Stevie-Wonder-Fan.

Wie kam es denn überhaupt zur Wahl der Instrumente? Wie kommt es dazu, dass du nicht Bass oder Trompete, sondern Holzblasinstrumente spielst?

MS: Meine Kumpels und ich – ich war da so 12 Jahre alt – hatten alle Blockflöte gespielt. Dann hat jeder gewechselt, der eine zum Schlagzeug, der andere zur Trompete. Mein Bruder spielte dann Gitarre. Ich habe dann gedacht, ich müsse etwas spielen, was noch keiner spielt. Ich habe zuerst gedacht – das ist kein Witz – Dudelsack. Dann war das aber nicht so praktisch, und ich habe nach dem Konzert mit John Coltrane im Fernsehen entschieden, dass ich mal das Saxofon ausprobiere. Die Bassklarinette ist eine logische Folge des Saxofons. Es hat mich später genervt, dass ich nicht mit Klarinette angefangen hatte. Das wäre eine gute Grundlage gewesen. Ich habe während der Musikhochschule mit dem Klarinettenspiel angefangen.

Du spielst kein Bass- oder Baritonsaxofon?

MS: Ich spiele auch Sopran- und Altsaxofon. In einer Band spiele ich Soprano. Tenor ist immer dabei. Ich hatte mal eine Band, in der ich nur Bassklarinette gespielt habe.

172 Tage in Paris heißt dein letztes Soloalbum. Welche Intention stand hinter dem Projekt? Warum waren es gerade 172 und nicht 365 Tage oder gar nur 24 oder 48 Stunden? Es ist ja ein Projekt, in dem Paris als Klangkörper eine Rolle spielt. Wäre da nicht ein Tag ein geeignetes Maß gewesen? Warum also 172 Tage?

MS: Das war die Zeit, die ich zur Verfügung hatte. Ich hatte ein Atelier des Kantons, in dem ich wohne. Wir haben ja die Kantone und dann die Gemeinden. Der Kanton hat mir das Atelier für ein halbes Jahr gegeben. Das halbe Jahr sieht dann so aus: Du kannst am 5. Januar einziehen und am 26. Juni bist du wieder draußen. Das sind halt 172 Tage.

Die Beziehung zu Paris war Zufall, weil der Kanton dort ein Atelier besitzt? Oder hast du eine frankophile Neigung?

MS: Ich habe ganz klar eine frankophile Neigung, weil meine Frau bilingual ist, sprich beide Sprachen spricht. Ich mag das Französische ,und ich habe mich genau für dieses Atelier beworben. Es gibt noch welche in New York und ich glaube auch in Kairo.

Ist dieses Album auch eine Referenz zur urbanen Musik? Du beziehst ja Paris in deine Musik ein und die Stadt ist deine Projektionsfläche.

MS: Nein, ich habe das nicht auf die Urbanität bezogen. Es gibt zwei ältere Alben, für die ich mit einem Tontechniker ein Konzept entwickelt habe, draußen aufnehmen zu können. Für Paris habe ich mir ein einfacheres System überlegt – ich habe da ja alles selbst aufgenommen. Ich wollte aber unbedingt draußen aufnehmen. Ich mag Paris, und Paris ist eine sehr laute Stadt. Paris, das wusste ich schon, ist wahnsinnig klein. Da leben wahnsinnig viele Leute auf einem Ort. Das macht Paris zu einer extrem lauten Stadt. Du hast da nie deine Ruhe. Du findest dort sehr viele verschiedene Orte, die nach etwas klingen. Ich habe zuerst diese Orte gesucht, die ich wollte, auch Orte, an denen es zum Beispiel einen Hall gibt, aber auch Orte, die immer klingen, also Orte, von denen ich weiß, dass es so und so klingt, wenn ich hingehe. Dazu habe ich mir überlegt, welche Improvisation oder welches Konzept ich an welchem Ort aufnehmen will. Aufgenommen habe ich alles innerhalb von vier Wochen. Ich hatte viel mehr Stücke als auf dem Album. Es waren 20!

Die Musik an dem jeweiligen Ort ist eine, die aus dem Moment entstanden ist?

MS: Ja, genau. Ich habe schon Stücke mit Heads, aber dann habe ich mir auch die Freiheit genommen, diese zu verlassen. Es gibt ein Stück über die tanzende Oma, das ist ein Stück. Das habe ich aber auch für einen Ort geschrieben, an dem ich es aufgenommen habe.

Wie wesentlich ist für dein eigenes Werk die Verwurzelung im afroamerikanischen oder europäischen Jazz? Und in welcher Weise?

MS: Ich bin Europäer. Ich hätte gerne in meinen Wurzeln mehr von afroamerikanischer Musik. Ich spiele ja auch mit Afrikanern und Amerikanern. Wenn ich mich darauf einlasse, merke ich: „Hej, ich bin Europäer.“ Ich habe einen anderen Background. Das ist etwas, was ich mir nicht aussuchen kann. Das geht so tief. Ich merke, dass es für mich anders ist als für die. Das ist ok. Wie man das Ganze fühlt, das kann man nicht lernen. Das sind die Roots. Das bekommst du auch nicht weg.

Wie entscheidend bist du von der europäischen Klassik Bach, Mozart, Bruckner oder Schönberg geprägt und ist das etwas, was dich umtreibt? Akkorde und Noten – das ist beispielsweise Bach und nicht der Work Song.

MS: Ich mag die europäische klassische Musik sehr und sie beeinflusst mich auch sehr. Ich übe sehr viel Bach, weil das wahnsinnig schöne Melodien sind. Ich höre im Moment mehr – ich habe einen acht Wochen alten Sohn – Beethoven. Wenn mein Sohn Klaviersonaten von Beethoven hört, dann wird er ganz ruhig. Das habe ich herausgefunden und finde es toll. Das höre ich sonst nicht. Im Moment hören wir viele Klaviersonaten. (Lachen) Ich stehe auf die kompositorische Herangehensweise der klassischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, Schönberg oder auch Boulez. Die Leute aus der Aleatorik – ich stehe darauf. Als ich entdeckt habe, dass ich das cool finde, habe ich mir ein 12-Ton-Improvisation-System zurechtgelegt. Damit kannst du eigentlich nicht wirklich improvisieren, aber es hat mir gut getan, damit herumzuspielen.

KAOS Protokoll heißt das Trio, mit dem du auch auftrittst. Ist Chaos das Konzept?

MS: Lachen. Ja, die Musik ist ja sehr organisiert. Es wird ja schon protokolliert. Es ist mit viel Humor zu verstehen.

Man kann ja das Chaos festhalten, aber das heißt ja nur, dass man das Wirrwarr in eine Form bringt. Es bleibt aber immer noch Wirrwarr?

MS: Wir haben viele offene Teile, und wir lassen uns gerne auch vom Chaos inspirieren. Wir haben schon einen Plan, wenn wir etwas komponieren.

Kannst du das bitte mal anhand von „Scharmützel“ ein wenig erläutern?

MS: „Scharmützel“ ist eine Melodie, die Benedikt Wieland mitgebracht hat. Das ist ein gutes Beispiel: Er hat die Melodie mitgebracht, aber alles andere in dem Stück ist improvisiert. Wir spielen die Melodie gemeinsam am Anfang und am Ende. In der Mitte spielen wir irgendetwas. Da lassen wir uns immer wieder etwas anderes einfallen. Das ist dann völlig frei und hat auch keine harmonische Struktur.

Als ich es hörte, dachte ich an „Attacke, Attacke“. Mir kam auch „Adelante“ in den Sinn. Es waren Schlagwörter aus politischen Kontexten.

MS: Ich glaube, es kommt von der Ansage, die Benedikt mal im Konzert gemacht hat. Es war, als so links-autonome Unruhen in Bern stattfanden. Er hat dann gesagt, dass es der Soundtrack zu den Unruhen sei. Das hat mich nachhaltig beeinflusst. Dann ging es halt in diese Richtung.

Welchen Charakter hat die Musik des Trios? Freie Musik? Inszenierte Dramatik?

MS: In der Band diskutieren wir sehr lange darüber. Wir merken dann, dass wir immer besser werden. Es ist immer ein Diskussionspunkt, auch jetzt auf der Tour. Im Bus geht es dann so: „Also gestern bei dem Teil habe ich es nicht so gefühlt wie du.“ - „Was meinst du? Wie kannst du dir vorstellen, wir es dann machen sollen?“ Wir probieren es dann aus, aber es heißt nicht, dass wir das festnageln. Es gibt eine wachsende Vertrautheit, und ich weiß dann besser, ah der Benedikt meint das so, und es könnte in die Richtung gehen - nicht so hoch hinaus und vielleicht eine Kurve. Es kann aber gut sein, dass etwas anderes passiert.

Wie würdest du mit dem Begriff „narrative Musik“ in Bezug auf KAOS Protokoll und auch dein Solospiel umgehen? Ich meine damit bildhafte Erzählformen in der Musik.

MS: Davon habe ich noch nie gehört. Ich weiß, dass Benedikt Wieland, wenn er komponiert, Bilder im Kopf hat. Wenn ich komponiere, ist es meistens nicht so, weil ich viele Sachen konstruiere, weil ich aus den Kompositionen der klassischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts etwas heraushole. Ich schaue, was passiert, wenn ich das und das mache. Für mich ist es eher konstruiert. Wenn ich improvisiere, versuche ich immer einfachere Sachen zu spielen. Ich mag es, wenn einzelne Sachen nachvollziehbar bleiben, was mir nicht immer gelingt. Manchmal geht es auch mit mir durch. Dann transportiere ich nur Energie. Das ist aber auch eine einfache Form.

Wie groß ist in der Musik von KAOS Protokoll der Anteil an elektronischen Modulierungen? Delays, Distortions, Loops, Triggers? Ist es auch ein Markenzeichen?

MS: Markenzeichen weiß ich nicht, aber unsere Musik ist so angelegt, dass sie ohne Elektronik nicht funktioniert. Sie ist in die Kompositionen schon einbezogen. Es gibt Stücke, die auf einem bestimmten Delay oder Sound basieren. Das ist sehr wichtig für die Band. Ohne Soundsystem wäre unsere Musik nicht möglich.

Danke für das Gespräch.

Interview und Fotos © Ferdinand Dupuis-Panther

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Marc Stucki
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