Luise Volkmann: im Gespräch mit der Saxophonistin

Unter der Überschrift „Bandleaderinnen Festival“ traten Liz Kosack (Synthesizer), Tilo Weber (Schlagzeug) und Luise Volkmann (Saxophon) mit ATTIKA in Münsters Black Box auf. „Post-experimental-punk-jazz-band“ mit Musiker_innen aus Leipzig, Berlin und New York“ hieß es in der Ankündigung. In Bielefeld hingegen war sie anlässlich der Weihnachtsmatinee gemeinsam mit Xu Fengxia (Guzheng, chin. Wölbbrettzither und Sanxiang, chinesische Langhalslaute) zu hören. Dabei trafen sich zwei Generationen mit verschiedenem kulturellen Hintergrund: Xu Fengxias Wurzeln liegen in China, Luise Volkmanns in Bielefeld. Die eine entwickelt aus der chinesischen Tradition neue Musik, die andere transportiert die Geschichte des Jazz ins Heute.

Ist der Bandname Attika wegweisend für deine Musik? Wenn ja, inwieweit? Für mich klingt der Bandname nach Griechenland. Möglicherweise bin ich ja auch ganz und gar auf dem Holzweg?

LV: Mir hat der Name auf mehreren Ebenen gefallen: Die erste Assoziation „Griechenland“, die ja eigentlich in die falsche Richtung geht und etwas dem Trash-Charakter der Band entspricht. Dagegen „Attica“ mit c geschrieben, ist eine Stadt in der Nähe von New York, in der ein großer Gefängnisaufstand zur Zeit der Rassentrennung stattfand. Dieses Ereignis war Inspiration für viele zeitgenössische Komponisten. Das hat mich interessiert. Und dann gefällt mir der Klang des Namens. Das ist im Grunde die Geschichte des Bandnamens.

„Schmalzgeigen“ und andere Stücke sind Kompositionen, die du mit Attika aufgenommen hast. Es gibt bei „Schmalzgeigen“ keine Geigen und auch schmalzig sind die Stücke nicht. Willst du den Zuhörer in die falsche Richtung lenken? Wenn ja, warum?

LV: Es ist vor allem ein bisschen Humor. Viele Leute würden sich weigern, unsere Musik Free Jazz zu nennen, weil sie dafür zu viele „Pop-Passagen“ hat. An der Band interessiert mich vor allem das Forschen: Wie kann man Formen aufbrechen, wie findet man Kompositionen, die in die Improvisation übergehen.

Was machen die Kompositionen mit Attika aus? Es ist über Attika bisweilen von Punk-Jazz die Rede, obgleich mehr als die beim Punk eigentlich üblichen Akkorde zu hören sind. Punk-Jazz meint dann mehr die Attitüde, als die eigentlichen „Kompositionen“. Ist es denn nun Free Jazz, was ihr macht oder doch nicht?

LV: Ich stehe da durchaus zu der Bezeichnung „Punk-Jazz“. Ich komme ja auch so ein bisschen aus der Punk-Szene (Anm.: Gesagt mit einem herzhaften Lachen!). Das hat mich wahrscheinlich auch zum Free Jazz gebracht.
Was bei dieser Band für mich wichtig war, war meine eigenen Grenzen im Kopf aufzulösen. Ich habe im Prozess des Komponierens versucht mich gegen meine Klischees und meine Gewohnheiten zu wenden und wirklich etwas zu schaffen, das ich vorher so noch nicht komponiert habe. Außerdem suche ich als Bandleaderin nach einem Statement. Einen Standpunkt zu beziehen, das ist vielleicht das „punkige“.
Ich möchte in der Musik alles verbinden können, ohne sofort in eine Schublade gesteckt zu werden: Also ruhige Passagen und schöne Kompositionen, aber auch Free Jazz und Energie.

Als ich die vier Stücke von Été Large hörte, hatte ich den Eindruck, dass elisabethanische Musik auf die Vielfalt des Gegenwarts-Jazz stößt. Ich dachte auch an Schubert und deutsches Liedgut, aber vielleicht liege ich ja auch da ganz falsch. Aufgrund des Gesangs kam mir auch der Gedanke an Renaissancemusik generell. Vielleicht könntest du das in den richtigen Bezug bringen.

LV: Été Large ist als Ensemble für mich die Möglichkeit, viele Musiker zusammenzubringen, die mir gefallen. Für mich bedeutet es, dass ein Musiker, der mich berührt, genauso aus Klassik wie aus Jazz, Pop oder Rock kommen kann. Deshalb habe ich zwei klassische Musiker in diesem Ensemble. Diese Art des Musizierens interessiert mich total, genauso wie die Orchestration. Von daher gibt es auch immer ein Moment in der Musik, das klassisch anmutet, weil jeder Musiker seine eigene Nuance in die Musik einbringt.
Das Kompositionsprojekt, an dem ich gerade arbeite, heißt Eudemonia. Das ist ein Begriff von Aristoteles, der die Frage behandelt, wie man sein Leben gut leben kann. Das Projekt besteht aus einer Reihe von Porträts meiner Freunde und Familie, verklanglicht aber auch imaginäre Zwiegespräche von Rainer Maria Rilke und Charles Bukowski.

Siehst du deine Musik als eine durch und durch urbane Musik, sprich eine Musik der Metropolen?

LV: Ich suche die Großstädte, weil ich dort anderen Musikern begegne und Inspiration finde. Andererseits brauche ich auch die Natur. Ich bin im Wald groß geworden und kann aus der Natur sehr viel Ruhe schöpfen - ein wichtiger Gegensatz zur Zivilisation. Wobei mich auch die menschlichen Diskurse berühren. Mich inspiriert das „moderne“ Leben, das sich natürlich in den Städten und in der Begegnung zwischen Menschen abspielt, weshalb die Begegnungen mit Menschen sehr wichtig sind. Ich bin zwar auch immer wieder von der Natur unglaublich beeindruckt, aber die Auseinandersetzung mit Menschen hat den stärksten Einfluss auf meine Musik.

Was ist denn jetzt dein Lebensmittelpunkt? Bielefeld, Berlin …?

LV: Paris.

Warum Paris und nicht New York, wohin ja viele junge Jazzmusiker gehen?

LV: New York ist ja sozusagen die ganz große Nummer. Das spare ich mir noch ein bisschen auf. Das ist eine große Reifeprüfung, aber ich bin sehr gespannt darauf, New York irgendwann kennenzulernen. Paris ist so die erste Etappe im Ausland. Ich habe in den letzten Jahren in Leipzig studiert und bin jetzt im Rahmen eines Austausches in Paris. Es ist wunderbar, in dieser Metropole zu wohnen und mit den Musikern dort eine Verbindung aufzubauen?

Jazz von heute fußt auf der langen Geschichte des Jazz jenseits des Atlantiks. Daneben gibt es den europäischen Jazz, der sich auch auf die europäische Klassik bezieht. Wo siehst du dich? Worauf fußt deine Musik?

LV: Ich muss sagen, dass ich mich der Generation zugehörig fühle, die ihre Basis nicht so sehr in den allerersten Wurzeln des Jazz hat. Natürlich habe ich mich damit auseinandergesetzt, aber mich haben zeitgenössische und moderne Musiker immer mehr angesprochen. Ich habe sehr schnell mein Fundament im Free Jazz gefunden, der ja nicht der eigentliche Ausgangspunkt des Jazz ist: Free Jazz ist zu der Zeit entstanden, als der Jazz sich intellektualisiert hat. Dort konnte ich anknüpfen, da diese Musik immer eine starke Verbindung zu gesellschaftlichen Themen hat. Ich fühle mich dem Swing der 20er Jahre entfernter.

Siehst du dich dann eher an der Seite von John Coltrane, Miles Davis oder Ornette Coleman oder von Schlippenbach und Brötzmann?

LV: Ja, genau.

Kannst du dich an das erste Jazz-Album erinnern, das du gekauft oder geschenkt bekommen hast? Wenn ja, wie heißt das Album?

LV: Ich weiß, dass die ersten zwei Jazzplatten, die ich bekommen habe, von Ornette Coleman und Albert Ayler waren. Das waren die Ersten, die mir mein Saxofonlehrer in die Hand gedrückt hat. Der hat mich also ein wenig vorgeprägt.

War dies prägend für deine weitere musikalische Karriere und auch dafür, dass du nicht ins klassische Jazzfach als Pianistin oder Vokalistin eingestiegen bist? Wenn ja, in welcher Art und Weise?

LV: Für mich war das Thema Jazz und „Frau“ oder „Mann sein“ erst viel später relevant. Das wurde für mich erst ein Thema, als ich an die Hochschule kam und merkte: „Huch, ich bin ja die einzige Saxofonistin.“ Davor habe ich mich dafür eigentlich überhaupt nicht interessiert. Ja, wie kommt man zum Instrument? Ich habe auch mal Klavier und Gitarre gespielt, was man halt alles so macht, und dann ist die Wahl irgendwie aufs Saxofon gefallen. Das war bei mir damals weder mit Jazz verbunden noch mit einem „Gender“-Statement. Dann hätte ich wahrscheinlich Trompete gewählt.

Kommt denn das Saxofon nach deiner Meinung der menschlichen Stimme sehr nahe?

LV: Es ist vom Prinzip her nahe, weil die Spielweise durch das Atmen sehr organisch ist. Dadurch, dass der Klang des Instruments aus dem Körper produziert wird, klingt es natürlich bei jedem total anders. Die Unterschiede sind größer als bei anderen Instrumenten. Auch jeder Pianist klingt anders, aber da sind die Unterschiede nicht jedem Hörer offensichtlich.

Ist deine Musik, auch die im Zusammenspiel mit Xu Fengxia, eine, die aus dem Moment geboren ist und nur im Moment besteht? Wie kommt man dann dennoch gemeinsam zu einer Struktur?

LV: Für mich besteht die Herausforderung an Improvisation, vor allem vor Publikum darin, in einem großen Bogen zu denken, im Kopf eine Form zu finden und zu wissen, wo man hin will. Für mich ist die Improvisation total meditativ, die absolute Kreativität: Man steht mit nichts in den Händen da und hat nur seine Kreativität.
Es ist wie das Abbild eines menschlichen Dialoges. Man muss wirklich aufeinander hören, man kann total aufeinander eingehen, kann auch einfach das Publikum mit einbeziehen. Ich finde, das ist eine superschöne Art und Weise, Musik zusammen zu erleben.

Ich danke dir für das Gespräch.

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther

Informationen

Musikerinnen

Luise Volkmann
http://luisevolkmann.jimdo.com/
http://attika-band.jimdo.com/
https://soundcloud.com/luisevolkmann

Xu Fengxia
http://www.xu-music.de/deutschstart.htm


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