Kalle Kalima: Viertes Würzburger Jazzgespräch

Vor dem Abschlusskonzert auf dem Jazzfestival Würzburg 2015 hatte ich die Gelegenheit, den aus Helsinki stammenden, aber seit Jahren in Berlin heimisch gewordenen Jazz- und Rockgitarristen Kalle Kalima vor mein Mikrofon zu bekommen.

Zu Finnland fallen mit Ari Kaurasmäki und Leningrad Cowboys ein, in Sachen Jazz Jukka Perko und Iiro Rantala. Ist Jazz in Finnland von Bedeutung oder eher eine Randerscheinung? Ich beziehe mich auf Finnland, wohl wissend, dass du seit Jahren in Berlin lebst, aber aus dem hohen Norden stammst.

KK: Wir hatten mit dem Schlagzeuger Edvard Vesala von den 1960er Jahren bis zu seinem Tod 1997 eine ganz starke Figur, der in Richtung freie Musik gearbeitet hat. Er hatte eine große Band mit bekannten Musikern Finnlands, die viel gemacht haben, so auch Raoul Björkenheim, der mein Lehrer war. Ich würde sagen, Edvard Vesalas Musik war, glaube ich, auch sehr finnisch. Er war der einzige finnische Künstler, der auf internationalem Level zu sehen war. Er war damals bei ECM. Außer Perko und Rantala gibt es noch viele, die sehr gut sind, zum Beispiel Timo Lassy, ein Saxofonist, der auch viel unterwegs ist. Jazz hat auf alle Fälle eine gewisse Szene und Bedeutung. Es ist aber auch so, dass Finnland ein kleines Land ist. Deswegen war es für mich sinnvoll nach Berlin zu gehen, vor 18 Jahren.

Noch einmal ein Blick auf deine Biografie, denn wir werden ja nicht als Musiker geboren, sondern zu solchen gemacht. Wie entscheidend war es für dich im Laufe deines Heranwachsens von Musik umgebenzusein? War Musik so etwas wie das täglich Brot? Hatte Jazz schon früh eine Bedeutung?

KK: Meine Eltern sind keine Musiker, und ich musste Musik selber entdecken. Wir haben aber in Finnland ein sehr gutes Musikschulsystem. Ich habe angefangen, mit sechs Jahren Klavier zu spielen, und dann habe ich erst einmal fünf Jahre lang Klavier gespielt. Danach habe ich zur Gitarre gewechselt. Ich habe dann klassische und Jazz-Gitarre in so verschiedenen Musikschulen studiert. Wir hatten auch da die Möglichkeiten für Orchesterspiel, Gehörbildung und Theoriestudium. Später war ich auf einem Musikgymnasium und der Musikuniversität. Ich habe dann in Berlin weiterstudiert. Ich bin so jemand, der immer zum Unterricht ging und die gestellten Aufgaben anzugehen. Ich habe mich also so langsam hochgearbeitet.

Kannst du dich an das erste Jazzalbum erinnern, das du je gehört hast?

KK: Ich war bei einer Tagesmutter, und da hat der Ehemann Louis Armstrong und so Swing von Count Basie und Benny Goodman gehört, auch Jazz-Sängerinnen der alten Schule wie Sarah Vaughan. Das war das erste Mal, dass ich Jazz gehört habe. Wirklich Bock zum Musizieren hatte ich erst mit 11 oder 12 Jahren. Ich habe damals The Beatles und Pink Floyd gehört. Dann habe ich Gitarrenunterricht genommen und hatte einen guten Lehrer, der mir empfohlen hat, Wes Montgomery und B. B. King anzuhören. Kurz darauf habe ich dann „Bird of Fire“ vom Mahavishnu Orchestra gehört. Das war eine wichtige Erfahrung, der psychedelische Aspekt der Musik. Das hat mich sofort ganz intuitiv interessiert, dass Musik merkwürdig ist und irgendwie nicht so glatt wie das normale Zeug, das im Radio zu hören war. Es war irgendwie Musik, die unter die Haut geht und irgendwie das Gehirn erweitert. Das hat mich bei der Musik der 1970er Jahre sehr interessiert. Ich war ein großer Fan von psychedelischem Rock. Das waren meine Teenager-Jahre.

Was war dann der Moment zu entscheiden, Jazzgitarrist sein zu wollen und nicht Rockgitarrist? Oder wie würdest du dich selbst sehen?

KK: Genau. Ich bin auch ein Rockgitarrist. Ich bin beides; vielleicht bin ich auch ein Jazzrockgitarrist dadurch. Ich arbeite in beiden Feldern. Ich arbeite aber auch mit klassisch ausgerichteten Musikern zusammen. In Richtung Neue Musik habe ich zum Beispiel mit dem Ensemble Resonanz zusammengearbeitet und z. B. Stücke von Steve Reich aufgeführt.

Was ist das Faszinierende an Neuer Musik, die Berührungen mit der improvisierten Musik hat, aber auch in der Tradition der europäischen Klassik steht?

KK: Mit der E-Gitarre ist es ganz natürlich, glaube ich. Es ist ein junges Instrument, das eigentlich nicht durch Jazz, sondern Blues, Country und Rock geprägt ist. Das Instrument wurde da in seinen Klangmöglichkeiten erweitert. Es gab tolle Jazzgitarristen, aber klangmäßig ist da nicht so viel passiert. Die Jazzgitarristen haben das Instrument eher als Klavier- oder Saxofonersatz gesehen. Wenn man sich für die klanglichen Möglichkeiten der Jazzgitarre interessiert, dann ist es ganz natürlich, Rockmusik zu spielen. Wenn man sich andererseits für den psychodelischen Aspekt von Musik interessiert und die Weiten, die darinstecken, dann ist es natürlich, Klassik und Neue Musik zu studieren. Das hat sich so ergeben.

Hast du dich je mit „Soft Machine“ beschäftigt?

KK: Ja, so ein bisschen. Ich kenne aber die Musik zu wenig. Robert Wyatt ist mir ein Begriff, aber ich habe eher Pink Floyd, Yes, Genesis gehört. Das waren die Bands damals. Jetzt gibt es heute viele spannende junge Bands, die ziemlich alternativ sind und merkwürdige Sachen spielen.

Warum war die Wahl Berlin, als du von Helsinki weggegangen bist?

KK: Da habe ich erst einmal ein Austauschstudium absolviert und so hat es sich ganz natürlich angeboten, dort zu bleiben. Hier habe ich das Gefühl, alternative Sachen machen zu können, die spannend sind.

Beim Hören der jüngsten Veröffentlichung von Perko/Rantala ist mir aufgefallen, dass auf Jean Sibelius und auf finnische Volkslieder zurückgegriffen wird. Ist das etwas, was dich interessiert oder ist das von einer anderen, dir fremden Welt? Bei uns ist dieses Genre ja wegen der Zeit 1933 bis 1945 eher verpönt. In Skandinavien scheint man da eher unverkrampft heranzugehen.

KK: Das ist eine witzige Frage. Ich habe gerade ein Album mit Road und Country Songs gemeinsam mit dem Bassisten Greg Cohen eingespielt, der auch mit John Zorn zusammengearbeitet hat. Es ist ein Trio-Album, das bei ACT erscheinen wird. Es sind amerikanische Volkslieder, kann man sagen, und es gibt tatsächlich auf dem Album auch ein Stück von Sibelius, aber sehr merkwürdig gespielt. Insofern kann ich sagen, dass ich so etwas zum ersten Mal mache. Es war eher Zufall, denn ich wusste gar nicht, dass die Kollegen auch Sibelius eingespielt haben. Ich würde sagen, es ist nicht so wichtig, was für Material ein Musiker verwendet. Hauptsache es ist authentisch, man fühlt sich wohl damit und es kommt irgendwie von der Seele. Deswegen kann das gut funktionieren. Es kann aber auch fürchterlich sein. Es ist wichtig, dass die Musiker auf der Suche bleiben.

Kannst du bitte abschließend zu deinem aktuellen Projekt mit dem Namen KUU etwas Näheres sagen?

KK: KUU heißt auf Finnisch Mond. Es ist ein Projekt mit dem Gitarristen Frank Möbus und dem Schlagzeuger Christian Lillinger sowie der Sängerin Jelena Kuljić. Es ist eine Band, mit der wir im Grenzgebiet von Jazz und Rock forschen. Ich habe die meisten Stücke geschrieben, aber wir haben die Musik gemeinsam arrangiert und seit fünf Jahren auf unseren Sound gesucht. Wir arbeiten gerade an unseren zweiten Album.

Ich dachte beim Hören eurer Musik spontan an Punk-Jazz.

KK: Richtig, ganz genau. Das ist ein guter Punkt. Punk ist ein guter Punkt. Jelena Kuljić zum Beispiel ist ein Punk, auch wenn sie eine fantastische Jazzsängerin ist.

War die Bandzusammensetzung Zufall?

KK: Nee, wir waren an der gleichen Hochschule und haben uns bei einem Musiktheater-Projekt noch besser kennengelernt. Da gab es einfach eine Seelenverwandtschaft, so eine Art gewisser Energie. Das haben Christian Lillinger und Frank Möbus genauso empfunden.

Danke fürs Gespräch.

Text/Fotos: ferdinand dupuis-panther

Informationen

Kalle Kalima
http://www.kallekalima.com


Besetzung beim Jazzfestival Würzburg 2015
Nastja Volokitina (Gesang), Kalle Kalima (Gitarre), Frank Möbus (Gitarre), Christian Lillinger (Schlagzeug)

 


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