Joscho Stephan: Interview mit dem aus Mönchengladbach gebürtigen Gitarristen






Im Kontext der Konzertreihe JazzLuck in Münster hatte ich Gelegenheit mit Joscho Stephan zu sprechen. Über ihn war im Vorwege des Konzerts Folgendes zu lesen: „Wie kein anderer prägt Joscho Stephan mit seinem Spiel den modernen Gypsy Swing: Durch seinen authentischen Ton, mit harmonischer Raffinesse und rhythmischem Gespür, vor allem aber mit atemberaubender Solotechnik hat sich Stephan in der internationalen Gitarrenszene einen herausragenden Ruf erspielt. Er versteht es wie kein Zweiter, aus der Vielzahl aktueller Gypsy-Swing-Adaptionen herauszuragen, indem er neben den vielen Interpretationen der bekannten Klassiker des Genres den Gypsy Swing mit Latin, Klassik und Pop liiert.“


Wie wesentlich ist es, in einem Elternhaus aufzuwachsen, das eine Affinität zur Musik, zum Jazz, zum sogenannten Gipsy Jazz hat?

JS: Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, das eine Affinität zu Musik hatte, aber tatsächlich nicht zum Jazz. Gypsy Swing war zwar meinem Vater bekannt – er wusste, wer Django Reinhardt war –, aber ich bin tatsächlich musikalisch anders sozialisiert worden. Aufgewachsen bin ich erst einmal mit Pop und Rock, … Beatles, Santana, also zum damaligen Zeitpunkt sehr populär, heute schon Klassiker. Da ich schnelle Fortschritte auf dem Instrument gemacht habe, hat mein Vater sich entschieden, mir professionellen Musikunterricht an der Musikschule geben zu lassen. Da ging es dann zurück zur klassischen Gitarre, die bei mir zuhause überhaupt keinen Background hatte. Da ich da schon gemerkt habe, dass mir Improvisation mehr liegt oder meine Sache ist, bin ich wieder zurückgekehrt zur Rockgitarre und dann eigentlich mit 13/14 zum Jazz und Gipsy Swing. Das Elternhaus war musikalisch sehr sehr wichtig, es war  auch wichtig, dass mein Vater mir die ersten Sachen zeigen konnte, aber die Richtung habe ich dann selbst für mich gefunden.


Wäre Deine Karriere anders verlaufen, wenn Du nicht schon in sehr jungen Jahren mit Musik in Berührung gekommen wärest? Oder sind musikalische Früherziehung und das Vorhandensein von Musikschulen eine Garantie dafür, dass sich Kinder und Jugendliche musikalisch entwickeln können?

JS: Ich muss dir sagen, dass ich im Prinzip durch meinen Vater, weil er mit seiner Band geprobt hat und ich dabei war, die Faszination für die Musik und für das Instrument kennengelernt habe. Eigentlich wollte ich Schlagzeuger werden. Da haben meine Eltern allerdings gesagt, Schlagzeug ist viel zu laut. Gitarre spielen konnte mein Vater, hat aber in seinen Cover Bands eher Bass gespielt. Ich denke, dass es schwer ist, wenn man nicht aus einem musikalischen Elternhaus kommt, weil die Unterstützung zuhause da sein muss. Die war hundertprozentig von meinem Vater da, nie mit Druck. Obwohl er mit mir seit 20 Jahren auf der Bühne steht und wir beide uns dem Gypsy Swing gewidmet haben, war das nie sein Wunschtraum, mit dem Sohn auf Tour zu gehen. Ich habe ihn mehr oder minder dahin geführt. Er hat Musik als Hobby betrieben, mehr war es für ihn nicht. Für mich war es mehr, aber er hat mir alles ermöglicht, so auch Besuche von Konzerten in ganz jungem Alter, so zu Konzerten von Biréli Lagrène oder Philip Catherine. Das war schon entscheidend, weil solche Momente halt prägen.


Wann wuchs Dein Wunsch, professioneller Musiker zu werden? Was war der konkrete Anlass?

JS: Im Alter von sechs Jahren war mir irgendwie schon klar, dass ich mal Musiker werden möchte. In dem Alter denkt man, man werde berühmt und der fünfte Beatle! Ich bin ja mit der Musik der Beatles groß geworden. Je älter ich wurde, desto mehr schälten sich meine Stärken und Fähigkeiten heraus. Mit dem Gesang ist es nach dem Stimmbruch nichts geworden. Ich habe einfach gemerkt, dass ich keine Singstimme habe. So habe ich mich viel mehr auf das Instrument konzentriert.

Irgendwann habe ich die Nische "Gypsy Swing" für mich entdeckt. Dabei dachte ich schon, dass es etwas sein könnte, um davon leben zu können. Ich habe aber erst einmal auf Anraten meiner Eltern eine kaufmännische Ausbildung gemacht, für die ich sehr dankbar bin. Darüber bin ich überhaupt nicht traurig und denke auch nicht, dass das verschenkte Zeit war. Ich habe nebenbei schon immer halbprofessionell Musik gemacht. Es gab dann in der Firma, in der ich als Kaufmann gearbeitet habe, ein einschneidendes Erlebnis: Mein Chef ist mit der Concorde abgestürzt. So schlimm dieses Ereignis auch war, war dies das erste Mal, dass ich dachte, wie schnell das Leben vorbei sein kann. Man hat dann nicht das gemacht, was man eigentlich machen wollte. Ich dachte in dem Moment, ich bin eigentlich doch kein Kaufmann, sondern Musiker. Es hat noch zwei Jahr gedauert und dann habe ich mich als Musiker selbstständig gemacht.


Gab es Vorbilder in Deinem Leben? Wer und warum gerade der oder diese?

JS: Ja, Django Reinhardt, weil er am kompaktesten das macht, was mir gefallen hat. Es gab aber auch Vorbilder aus anderer Richtung: Im Bereich Rock war das gewiss Carlos Santana. Erst vor ein paar Jahren habe ich mich  intensiver mit Jimi Hendrix beschäftigt, um zu verstehen, was das für ein Typ war und warum er so viel hinterlassen hat.

Wen ich als Parallele zu Django Reinhardt sehe, ist Wes Montgomery. Was Django auf der akustischen Gitarre geschaffen hat, dies hat Wes auf der E-Gitarre, die er revolutionierte. Ich bin außerdem  ein riesiger Fan von George Benson. Mich haben aber auch Stochelo Rosenberg und Biréli Lagrène geprägt. Django war schon lange tot, als ich mit dieser Musik angefangen habe. Rosenberg und Lagrène waren präsent, auch im Fernsehen, so in Aufzeichnungen im WDR.

Gestern habe ich mir in Köln den Rhythmusgitarristen Cory Wong angehört, mit dem viele nichts anfangen können. Er spielt in einer Funk-Band namens Vulfpeck, die im Internet stark vertreten ist. Das ist auch eine spannende Musik, aber ganz andere als die, die ich mache. Ich bin aber noch neugierig auf das, was es da so alles gibt.


Was verstehst Du unter den Begriffen Gipsy Jazz und Gipsy Swing? Darunter werden ja Django und Stephane Grappelli subsumiert.

JS: Na ja, man verwendet den Begriff, um nicht das schlimme Wort vom Zigeuner-Jazz zu benutzen. Was die beiden gemacht haben, ist eigentlich eine eigenständige europäische Form des Jazz bzw. Swing. Das ist eigentlich die Basis meiner Musik. Diese bereichere ich allerdings auch mit anderen Stilistiken.


Schwingt in diesem Begriff nicht auch etwas Diskriminierendes mit?

JS: Ich glaube, dass sich das aufgelöst hat. Ich selbst habe ja auch einen Roma-Hintergrund. Vielfach gab es die Bemerkung, dass ja Gott sei dank etwas da sei, diese Musik spielen zu können. Durch die Kommunikation per Internet hat sich aber vieles getan. Es gibt heute französische Musiker ohne Sinti-Hintergrund, die fantastisch Gipsy Swing spielen, desgleichen auch Amerikaner. Es ist also nicht mehr so, dass nur Afro-Amerikaner Blues und Jazz spielen können und Sinti und Roma Gypsy Swing. Es geht weg davon, dass Musik einer bestimmten Nationalität oder einer Ethnie zugeordnet werden kann, weder im Flameco und im Finger Style noch im Blues oder Gypsy Swing.

Du bist mit Paquito D’Rivera, James Carter, Charlie Mariano und Grady Tate aufgetreten und hast mit dem australischen Gitarristen Tommy Emmanuel Konzerte gegeben, fürwahr keine Vertreter des sogenannten Gipsy Swing. Hat das Dein Konzept von Musik verändert, also mehr in Richtung Latin Jazz und Salsa, Post-Bop und Modern Jazz vielleicht?
JS: Man kann immer von anderen Musikern lernen, ob die nun große Namen haben oder nicht. Das sind nun große Namen. Ich habe aber auch Musiker kennen gelernt, die nicht diese Namen haben, aber mich nichtsdestoweniger geprägt haben. Auf der anderen Seite bin ich ich; meine Persönlichkeit kommt immer zum Vorschein. Man hört immer heraus, wer ich bin. Ich probiere also nicht, wie ein Bebop-Gitarrist zu klingen, sondern mache das, was ich kann.


Django Reinhardt wurde und wird vielfach wegen seiner Spieltechnik bewundert. Wie wichtig erscheint Dir die spieltechnische Fähigkeit, für die Du 1997 beim Django Reinhardt Memorial Festival in Augsburg Lob der Kritik erhalten hast?

JS: Die Spieltechnik hat für mich in keiner Weise mit der Schnelligkeit zu tun, sondern eher mit seinem Anschlag. Für mich kommt es auf den Ausdruck an, den Django mit der Rechten auf das Griffbrett gelegt hat. Mit der Linken hat er mit den zwei Fingern, die er einsetzen konnte, das wahnsinnige Vibrato gespielt hat. Das ist schon wichtig für den Klang.


Wie gehst Du mit Einschätzungen wie der Folgenden um: “Neben Biréli Lagrène gilt der Mönchengladbacher Meistergitarrist als legitimer Kandidat für die Thronfolge Djangos, als berufener Erbe und Hüter des Grals.“

JS: Das klingt ja so, als hätte ich es selbst geschrieben. Nein! (Lacher). Das kann man als schönes Kompliment sehen. In meiner 20-jährigen Karriere bin ich immer am Boden geblieben. Ich weiß, was ich kann und was ich nicht kann. Letzteres ist noch viel mehr. Ich habe natürlich auch versucht, mich von Bireli und Stochelo abzugrenzen. Es gibt eigentlich keinen wirklichen Nachfolger von Django Reinhardt. Er hat etwas Einzigartiges geschaffen. Wir folgen seinen Pfaden und müssen gucken, dass diese nicht weiter ausgelatscht werden. Wir müssen etwas Neues dazugeben. Gypsy Swing ist für mich ein Stil wie Cool Jazz oder Modern Jazz. Überleben kann man nur, wenn man diesen Stilen Neues dazugibt.


Ich danke für das Gespräch.


Fotos © ferdinand dupuis-panther – Die Fotos sind nicht public commons! Interview: Joscho Stephan (JS) und ferdinand dupuis-panther


Informationen

https://www.joscho-stephan.de




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