Felix Petry, Hannover 11.12.2022

Gespräch mit dem Tenorsaxofonisten, Querflötisten und Klarinettisten







Zum Gespräch trafen wir uns in der Tonhalle Hannover. Dort organisiert Felix Petry die Tonhallenkonzerte. Für das vielfältige Programm ist diese Spielstätte 2022 mit dem sogenannten „Applaus-Spielstättenpreis“ der höchsten Kategorie ausgezeichnet worden.


Wie kamst du denn überhaupt dazu, Saxofon, Klarinette und Querflöte zu spielen? Hast du vorher andere Instrumente ausprobiert?

Felix Petry: Ich habe als kleines Kind mit Trompete angefangen. Mein Vater war klassischer Trompeter. Jazz habe ich damals noch nicht gespielt, sondern einfache Lieder. Dann wollte ich aber unbedingt Fußball spielen (FP lacht). Da aber der Trompetenunterricht über meinen Vater lief – das ist nie eine gute Idee -, habe ich mit dem Trompetespielen aufgehört. Eigentlich war mein Traum immer Saxofon. Ganz bitter, das durfte ich erst nicht und musste nach der Trompete erst einmal Querflöte lernen. (Lachen) Es hat überhaupt keinen Sinn gemacht, und ich weiß auch nicht warum. Erst als meine Eltern, mein Vater, merkten, ich nehme das Spielen der Querflöte ernst, kam ich zum Saxofon. Mit 13/14 habe ich mit der Querflöte begonnen und mit 17 mit dem Saxofon. Nach dem Studium habe ich noch Unterricht in klassischer Klarinette genommen.

Wie würdest du die drei oben genannten Instrumente charakterisieren und in welcher Beziehung stehen diese zu deiner Persönlichkeit?

Felix Petry: Die Frage hätte ich mir vorher noch einmal überlegen sollen. Ich bin bei der Wahl des Instruments gar nicht so auf das Instrument fixiert, sondern ich versuche, einen transzendenten Weg einzuschlagen und mich selbst zu vergessen. Ich möchte durch das Instrument, das ich gerade spiele, ich will mal sagen, meine Seele sprechen zu lassen. Es ist ansonsten eher eine klangliche Wahl. Saxofon, Klarinette, Querflöte suche ich so aus, dass ich denke, es passt zur Musik, die ich spielen möchte.

Wann hast du überhaupt angefangen, Musik zu machen? Musikalische Früherziehung? Schülerbands, ob Big Band oder Rock Band?

Felix Petry: Zum Zeitpunkt, als ich Flöte gespielt habe, gab es eine Schülerband, die uns alle weitergebracht hat. Die Band hieß Belgravia, so wie ein Stadtteil in London. Wir haben mit der Band im hessischen Raum viel gespielt. Es war eine Band, die relativ aktiv war und über die ich dann zum Saxofon gekommen bin. Das war sozusagen das Vortraining, um dann über das Landesjugendjazzorchester Hessen irgendwann das Musikstudium in Köln aufzunehmen. Ich komme, um die Frage auch gleich zu beantworten, aus der Nähe von Frankfurt und bin in Rodgau aufgewachsen.





Welche Rolle spielte dein Elternhaus dabei, dass du dich der Musik und speziell dem Jazz verschrieben hast?

Felix Petry: Mein Vater war ein Jazzfan und hat meine Mutter bei einem Auftritt von Woody Herman kennengelernt. Damals tanzte man zu Big Band-Musik. Das war, um es genau zu sagen, beim Silvesterball in der Jahrhunderthalle in Höchst. Mein Vater war im Übrigen auf jedem Jazzkonzert, das er sehen konnte. Miles und Coltrane hat er schon sehr früh gesehen und gehört. Ich war bei einem Konzert von Louis Armstrong als Kind, außerdem bei Ella Fitzgerald, bei Lionel Hampton. Auch Musiker der Frankfurter Szene wie Albert Mangelsdorff haben wir häufig gesehen, auch das HR Jazz Ensemble, das United Rock & Jazz Ensemble. Mein Vater hatte eine riesige Jazzplattensammlung, und es lief zuhause auch oft Jazz, aber auch klassische Trompetenmusik. Obgleich er klassisch ausgebildeter Musiker war, wollte er eigentlich gerne Jazz spielen.

Ist es eigentlich zwingend, dass eine musikalische Karriere auf einem Musik affinen Elternhaus basiert?

Felix Petry: Eigentlich nicht. Ich kenne viele Kollegen, die nicht aus einem Musik affinen Elternhaus stammen. Kulturaffin jedoch ist wichtig. Kollegen, deren Eltern keine kulturelle Bindung haben, kenne ich nicht.

Warum fiel deine Wahl auf den Studienort und die Kölner Musikhochschule, wo du Unterricht bei Wolfgang Engstfeld und Frank Gratkowski genommen hast? Standen Berlin mit der Universität der Künste oder Essen mit Folkwang-Universität nicht zur Wahl?

Felix Petry: Die Frage habe ich mir, als ich jung war, nicht gestellt. Für die, die aus Region südlich von Köln bis Würzburg kamen, war Köln das Mekka des Jazz. In Frankfurt konnte man nicht so recht studieren. Damals waren die „Helden“ eigentlich in Köln. Die dortige Musikszene war riesig. Man kannte die Berliner nicht so in unserem Raum. Die spielten zwar mal, aber waren dann auch wieder von der Bildfläche verschwunden, Am verheißungsvollsten war Köln! Ich wollte halt zu Engstfeld, damals für mich ein deutscher Saxofonheld.

Kannst du dich daran erinnern, wann du erstmals mit Jazz in Berührung gekommen bist? Über das Radio, einen Konzertbesuch oder ein Album? Und, wenn Letzteres, welches Album war das?

Felix Petry: Ich hatte ja schon als Kind eine Jazzvergangenheit, wenn man das mal so bezeichnen kann. In der Pubertät gab es dann den kompletten Gegenentwurf. Deep Purple und Heavy Metal! Mein Vater hatte auch die meisten Platten der Brecker Brothers. Darüber bin ich dann wieder zum Jazz gekommen. Das war zudem die Zeit, als Michael und Randy Brecker Fusion hinter sich ließen und wieder zum Jazz zurückfanden. Über Weather Report und Wayne Shorter ging es dann immer weiter in die Geschichte des Jazz zurück. Das Spannende jetzt ist, wenn ich mir Jazz erschließe, noch einen weiteren Schritt in die Jazzgeschichte zurückgehe. Zum Beispiel höre ich mir Louis Armstrong an und achte mehr darauf, was er denn genau an dieser oder jener Stelle spielt. Ich kann nur jedem empfehlen, mal Louis Armstrong am Klavier zu spielen und auf die Harmonien zu achten. Es wird teilweise mit wenigen Tönen Musik gemacht, aber die harmonischen Optionen sind so toll.





Welche Rollen spielten die sogenannten Legenden des Jazz für dich? Namentlich seien Cannonball Adderley, Paul Desmond, Gerry Mulligan, John Coltrane oder Ben Webster genannt. Sprich, welche Rolle spielt der US-amerikanische Jazz von Bebop bis Modern Jazz für dich?

Felix Petry: Natürlich eine große Rolle. Beim Saxofon sind nach wie vor die alten Meister immer präsent, weil sie eine eigene Stimme entwickelt haben. Von der künstlerischen Entwicklung war es schön, dass ich schon jung eine so gute Ausbildung erhalten habe und ich mir die Lehrer so ausgesucht habe. Wenn Christof Lauer gespielt hat, dann bin ich da hingegangen. Das ist auch einer meiner Heroes.

Seit den 1950er Jahren ist der Jazz kaum noch im Radio präsent, ist als intellektualisiert und verkopft verschrien. Stimmst du dem zu?

Felix Petry: Das ist so ein subjektiver Eindruck. Ich würde Musik nicht als verkopft bewerten, wenn sie kompliziert ist. Jazz war schon immer eine Musik, bei der es ums Experiment geht. Es ist Musik, mit der man nach neuen Wegen sucht. Das gilt ja für die moderne Klassik auch. Lernen, nach etwas zu suchen und sich weiterzuentwickeln – das birgt für viele heutzutage den Eindruck, dass es zu abgefahren ist, für den Hörer, der nicht die Hörgewohnheit hat. Das Forschen nach neuen Dingen, das haben wir schon seit der ersten Stunde im Jazz. So gehört es auf eine gewisse Art und Weise dazu, das Vokabular zu erweitern.

Ist im Jazz angesichts dessen Geschichte alles gesagt? Gibt es denn nach Modern, Cool und Fusion noch eine Entwicklung im Jazz oder nur Remakes und Adaptationen?

Felix Petry: Ja, das hat Herbie Hancock mal schön zusammengefasst, dass es beim Jazz darum geht, Mensch zu sein. Bestimmte Themen wird es wie in der Literatur immer wieder geben. Es wird auch immer wieder eine neue Sicht auf die Dinge geben. Es ist der Kunst immanent, dass sie nicht aus dem Nichts kommt, sondern sich immer auf Dinge in der Vergangenheit bezieht.

Muss man nicht sagen, dass es nach Monk und dem Bebop eigentlichen keinen wirklichen Quantensprung im Jazz gegeben hat? Und dann gilt das vielleicht noch für den späten Miles, für Weather Report und Fusion?

Felix Petry: Bei mir ist die Frage der Stilistik für das, was mir wichtig ist, relativ egal. Ich habe das Gefühl, wenn ich Musiker*innen zuhöre, dass ich etwas ausmache, was Coltrane in die Musik gebracht hat, eine Art Göttlichkeit, sprich Spiritualität. Das hat mit persönlichem Geschmack zu tun. Wenn ich beim Hören von Musiker(innen) den Eindruck habe, dass sie mit der Spiritualität leben, dann ist es für mich egal, ob es besonders neu oder ein Quantensprung ist. Was zählt ist das, was hinter der Musik oder der Band steht wie ein besonderer Klang. Der Prozess des Musikmachens ist im Kern ein magischer. Dieser wird besonders gut, wenn jeder der beteiligten Musiker(innen) sich vergisst, wenn man merkt, dass aus vielen Leuten eine Einheit wird.

Siehst du eine Eigenständigkeit des Jazz in Europa und in welcher Art und Weise ist diese ausgeformt? Oder ist der europäische Jazz allein ein Derivat des us-amerikanischen Jazz?

Felix Petry: Der europäische Jazz ist aus meiner Sicht schon lange eigenständig. Ich denke unter anderem an Albert Mangelsdorff, Rolf Kühn, Jan Garbarek und auch französische Jazzmusiker oder auch Musiker(innen) aus Skandinavien wie Palle Danielsson und Hildegunn Øiseth oder wie sie auch alle heißen. Ich höre zurzeit sehr viel Albert Mangelsdorff, weil die Projekte, die er entwickelt hat, immer noch so modern und frisch klingen. 

Mit den Tonhallenkonzerten gibst du Jazzmusiker(innen) verschiedener Genres eine Bühne. Nach welchen Kriterien wählst du die Musiker(innen) aus z. B. Next Generation vs. etablierte Musiker, Free Jazz vs. Straight ahead, freie Improvisation vs. Fusion?

Felix Petry: Neben mir bucht der Klangkünstler Eberhard Meisel und seit zwei Jahren die Kontrabassistin Clara Däubler. Jeder von uns hat da so seine Felder. Clara übernahm zu Beginn das Booking für unsere beiden Festivals. Eberhard bucht hauptsächlich die frei Improvisierenden. Als ich 2018 das Konzertprogramm übernommen habe, habe ich schon forciert, dass mehr Frauen auftreten. Bei mindestens 50 % der Konzerte war dann auch zumindest eine Musikerin vertreten. Wir bekommen viele Konzertanfragen und suchen die spannendsten Projekte mit hohem improvisatorischem Anteil, teilweise auch kombiniert mit bildender Kunst, aus. Es gibt durchaus auch Angebote von etablierten Musiker(innen), aber wir sind finanziell nicht so ausgestattet, dass wir jeden verpflichten können. Wir sind nicht kommerziell ausgerichtet. Abstrakte Neue Musik oder Klanginstallationen sind auch willkommen. Unterhaltsamen Mainstream haben wir nur selten im Programm. Da gibt es genug andere Angebote.




Ich danke für das Gespräch.


Das Interview führten Anne Panther und Ferdinand Dupuis-Panther für Jazzhalo  -  Fotos © Ferdinand Dupuis-Panther



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