Christian Marien : Interview mit dem aus Münster gebürtigen, in Berlin lebenden Drummer







Wie kam es eigentlich zur Wahl des Instruments Schlagzeug ? Gab es auch andere präferierte Instrumente? Wenn ja, welche und warum ist es dann doch das Schlagzeug gewesen, das dich faszinierte ?

Ich wollte schon als Kind Schlagzeug spielen. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, habe ich mir aus Kisten und Tonnen ein Schlagzeug gebaut. Ich gehöre zur Generation Mixtape, habe also Radio gehört und alles auf Kassette mitgeschnitten, was mir gefiel und dann auf meinem selbstgebauten Schlagzeug mitgespielt. Für unsere Mietwohnung war ein richtiges Schlagzeug zu laut, also haben mir meine Eltern ein Keyboard geschenkt, das hat dann aber eher nicht so gefruchtet ...

Irgendwann sind wir umgezogen, und meine Eltern haben mir nach langem Bitten und Betteln ein Schlagzeug gekauft. Da war ich 13. Unser blinder Nachbar war begeistert! Und ich auch. Und ich hatte das Glück auf eine sehr musikalische Schule zu gehen; es gab viele Bands und Schulkonzerte, tolle Schlagzeuger. Die waren Vorbilder für mich, und ich habe mich bestärkt gefühlt, weiter zu machen und Unterricht zu nehmen. Ein Grund, warum mir das Schlagzeug gefallen hat, war sicher auch der: Ich war ein schüchternes Kind, wollte nicht im Mittelpunkt stehen. Da war mir die Rolle des Schlagzeugers sympathisch. Man spielt zwar eine tragende Rolle in der Musik, muss aber nicht in der ersten Reihe stehen. Die Schüchternheit habe ich dann im Laufe der Zeit abgelegt, aber nach wie vor ist es das, was mich auch generell am Musikmachen fasziniert, sich als Teil einer Gruppe zu verstehen und zusammen etwas zu schaffen. Diese Rolle passt zu mir. Ich spiele ja schon auch oft solistisch, aber es geht mir immer um die Musik und nicht so sehr um mich.

Welche Einflüsse gab es auf dem Weg, Musiker zu werden ?

Wir waren per se keine besonders musikalische Familie, aber trotzdem glaube ich, die frühen Einflüsse durch mein Elternhaus sind groß. Meine Mutter hat Gitarre gespielt und mit uns gesungen. Und meine Eltern haben viel Musik gehört. Beatles, Jimi Hendrix, Pink Floyd, Blood, Sweat & Tears. Gerry Mulligan und John McLaughlin standen auch im Plattenschrank, obwohl meine Eltern eigentlich keine Jazzfans waren, aber zu der Zeit waren die Genres noch nicht so streng getrennt.

Tony Oxley war daher der erste Jazz-Schlagzeuger, den ich gehört habe, ohne mir dessen bewusst zu sein. Diese Musik steckt tief drinnen. Und die schon angesprochene Schule und die Musikschule im selben Gebäude waren auch immens wichtig. In dem Zusammenhang muss ich Ben Bönniger hervorheben, meinen ersten Lehrer, von dem ich viel gelernt habe. Und zwar nicht nur die technischen Grundlagen. Ben hat mir von Anfang an das Schlagzeug nicht nur als Taktgeber vermittelt, sondern als eine Stimme, als ein Instrument, mit dessen Hilfe ich Geschichten erzählen kann. Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass mich das stark geprägt hat. Es ist ein großes Glück, wenn man jemanden hat, der einen in jungen Jahren auf die richtigen Gleise setzt.


Stand schon immer fest, dass nicht Rockmusik, sondern Jazz und freie Improvisation das ist, was dich begeistert ? Warum ?

Nein, das war ein Prozess. Meine erste Band war so eine Art Skate-Punk Band. Da war ich ungefähr 14 Jahre alt. Es gab ganz in meiner Nähe ein freistehendes Haus, da wohnte ein Freund, dessen Eltern nie zuhause waren, nur seine älteren Brüder, die beide Punks waren. Wir hatten quasi dauerhaft sturmfrei. Traumhaft. Das war schon mal ein schön anarchischer Einstieg ins Musikmachen.

Dann gab es eine Schulband und Musikschul-Combos. Ich hatte eigentlich im Kopf irgendwie in Richtung Rock, Pop etc. zu gehen. Aber die ersten Musiker, mit denen ich dann zusammen kam, um ernsthaft Musik zu machen, waren Jazzmusiker. Das war eher ein Zufall. Ich hatte eigentlich keine Ahnung von dieser Musik. So kam ich durchs Machen zum Jazz, denn ich habe schnell gemerkt, dass die gestalterischen Möglichkeiten beim Spielen, das Solieren, die Freiheit, die in dieser Musik steckt, mir Spaß macht. Wir haben eigene Kompositionen gespielt aber auch Jazz-Standards. Ich wollte dann wissen, was das für Stücke sind und habe so über die Plattensammlungen meiner Mitmusiker den Jazz kennengelernt.

Frei improvisierte Musik ist mir erst später begegnet, nämlich in Amsterdam, wo ich ab 1998 Musik studiert habe. Da habe ich Misha Mengelberg, Han Bennink, Tobias Delius und viele mehr zum ersten Mal erlebt, eben die freie Szene Amsterdams. Und dort hatte ich dann auch meine erste Band, mit der ich frei gespielt habe.

Kannst du dich daran erinnern, wann du erstmals mit Jazz und freier Improvisation in Berührung gekommen bist ? Ein Konzert ? Eine Platte ? Musiker ?

Mein schon erwähnter erster Schlagzeuglehrer Ben Bönniger hat in den 90er Jahren für den Westfälischen Kunstverein in Münster Jazz-Konzerte veranstaltet. Da kamen die ganz Großen und obwohl ich noch nichts mit Jazz am Hut hatte, bin ich oft hin, weil ich freien Eintritt hatte, und natürlich weil Ben mir die Konzerte ans Herz legte. Das waren für mich teils tolle, teils verwirrende, in jedem Fall neue und sehr eindrucksvolle Erfahrungen. Da hab ich Elvin Jones gesehen, Jack DeJohnette, Dewey Redman, Cedar Walton, Archie Shepp und viele mehr.

Ein besonderes Konzert für mich und vermutlich meine erste Begegnung mit freier Improvisation war ein Solo-Konzert von Pierre Favre. Das war 1990. Er hatte ein riesiges Instrumentarium dabei, Gongs in allen Größen, Trommeln aus aller Welt; es war faszinierend. Im zweiten Set gab es ein Duo mit der Sängerin Tamia, aber im ersten Set Schlagzeug-Solo, alles improvisiert. Es war eine irre Klangreise, mein erstes Impro-Konzert, das mich sehr inspiriert hat.


Gab es Vorbilder, an denen du dich als junger Schlagzeuger orientiert hast ?

Was das Jazzschlagzeug angeht war ich schon früh großer Fan von Elvin Jones und Jack DeJohnette, die live zu erleben ich, wie gesagt, schon als junger Mensch das Glück hatte. Diese gravitätische Power und der Sog, die sie jeder auf seine Weise entwickeln, das fand und finde ich außergewöhnlich.

Später habe ich dann Joey Baron kennengelernt. Seine oft reduzierte aber gleichzeitig powervolle, super groovige und positive Art hat mich schwer beeindruckt, bis heute. Aber auch die unfassbare Dringlichkeit von Steward Copeland von The Police war für mich schon früh prägend. Später kamen andere hinzu, die ich vorher noch nicht auf dem Schirm hatte. Allen voran Han Bennink, der mit seiner Bühnenpräsenz und immer wieder überraschenden performativen Art ein großer Künstler ist, gleichzeitig aber auch wie der Teufel Schlagzeug spielen kann, an den Besen unerreicht.

Und erst später habe ich Milford Graves entdeckt, der mich auch sehr inspiriert. Seine spirituelle ganzheitliche Art, Musik zu begreifen und diese Mischung aus totaler Freiheit im Kopf und gleichzeitig sehr erdigem Schlagzeugspiel bringt für mich vieles zusammen, was ich musikalisch spannend finde. Und auch Paul Lovens muss ich nennen, mit seinem unfehlbaren Gefühl für den Fluss der Musik und gutes Timing, auch ohne Metrum.

Welche Rolle spielten die Legenden des Jazz für deine musikalische Laufbahn ?

Die eben genannten Schlagzeuger haben mir viel Inspiration mitgegeben. Aber natürlich waren es nicht nur Schlagzeuger, die für mich eine große Rolle gespielt haben. Und es waren auch nicht nur die Legenden des Jazz. Natürlich waren und sind die wichtig für mich, Mingus, Coltrane, Ornette, Monk.

Aber mir scheint, es ist eher die Gesamtheit der vielen verschiedenen Musiken und Musiker, die allesamt dazu gehören und das musikalische Mosaik bilden, das mein musikalisches Verständnis ausmacht. Das ist schon im Wesentlichen ein Kanon europäischer und nordamerikanischer Musik, von den Beatles bis Messiaen, von Can bis von Schlippenbach, von Sonic Youth bis Ellington, Dolphy bis Schostakowitsch. Und darüber hinaus habe ich natürlich vieles jenseits der sogenannten westlichen Musik gehört, marokkanische Gnawa-Musik, anatolische Lieder, Musik aus Indien und aus vielen anderen Ländern. Ich kann nicht behaupten, ich hätte diese Traditionen studiert. Trotzdem ist alles Teil einer großen Hörerfahrung, alles fließt ein in mein musikalisches Selbstverständnis.


Lass uns mal bitte über die einzelnen Bandzusammenhänge sprechen, in denen du eingebunden bist ? Fangen wir mal bei der Insomnia Brass Band an, die ja 2023 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde. Welche Rolle spielst du in diesem Trio ? Welche Anteile hast du an der Ausgestaltung ? Bist du lediglich Sideman ?

Bei der Insomnia Brass Band bin ich seit fünf Jahren dabei. Zunächst war ich ein klassischer Sideman. Die Stücke für die erste CD haben Anke und Almut geschrieben. Ich habe mich natürlich in den kreativen Prozess eingebracht, aber im Wesentlichen war ich fürs Trommeln zuständig. Diese Rollenverteilung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Wir haben sehr viele Konzerte gespielt, viel Zeit miteinander verbracht und sind als Band zusammengewachsen. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass wir zu gleichen Teilen involviert sind, weil Anke und Almut doch die Hauptarbeit machen, sprich Konzertbooking und die ganze organisatorische Arbeit. Aber wir entscheiden die wichtigen Dinge mittlerweile gemeinsam, und ich versuche mich unterstützend einzubringen, wenn wir z.B. Anträge schreiben oder ähnliches. Außerdem schreibe ich mittlerweile auch Stücke für die Band. Auf der zweiten CD sind ein paar dabei. Und für die dritte planen wir ein Arbeitsphase, zu der wir unsere Kompositionsideen mitbringen, und sie gemeinsam entwickeln bzw. sie auch erst gemeinsam im Proberaum entstehen lassen.

Wie kam es zur Gründung deines eigenen Quartetts ? Welche musikalischen Linien verfolgst du mit diesem ? In welchem musikalischen Kontext siehst du diese Band ?

Den Wunsch, eine eigene Band zu gründen, hege ich schon seit vielen Jahren und hatte auch schon eine heimliche Traumbesetzung im Kopf: Tobias Delius an Tenor und Klarinette, Jasper Stadhouders an der Gitarre und Antonio Borghini am Kontrabass.

Ich wollte aber auch Kompositionen schreiben. Darin hatte ich keine Routine. Das war eine Schwelle, die zu überschreiten für mich schwierig war, vor allem wegen der Zeit, die es braucht, um sich da reinzuarbeiten. Diese Zeit hat mir im Alltag einfach gefehlt bzw. habe ich sie mir nicht genommen, sicher auch, weil ich ein wenig Angst vor der eigenen Courage hatte. Dann kam der Corona-Lockdown. Und auf einmal tat sich dieses Fenster auf. Ich hatte Zeit und Muße, um mein Klavierspiel aufzufrischen und mich mit Komposition zu beschäftigen. Ich habe viel Musik gehört, mir Noten bestellt, analysiert und schließlich angefangen selber zu schreiben und einen eigenen Workflow zu entwickeln. Und mitten in der Pandemie, also ziemlich antizyklisch, hab ich dann die drei gefragt, ob sie Lust haben, mit mir ein Quartett zu gründen. Das hatten sie glücklicherweise!

Wenn Du nach den musikalischen Linien und dem Kontext fragst, muss ich sagen: In dieser Band suche ich die größtmögliche musikalische Freiheit, möglichst wenig Schublade, Linien und Kontext. Natürlich bewege ich mich in bestimmten Bahnen und natürlich nicht kontextfrei. Aber für mich hat diese Vorstellung, in einer Zeit des „Post-Genre” zu leben, in der wir so gut informiert sind, global denken und die Genrebegriffe eigentlich nicht mehr in der Form gelten, etwas Positives, Bereicherndes und Befreiendes. Wir, damit meine ich die Improvisierenden bzw. die JazzmusikerInnen heutzutage, sind Experten in so vielen Bereichen der Musik, nicht nur des Jazz oder der Improvisierten Musik. Und an sehr vielen Orten fühlen wir uns zuhause. Wir machen uns die Musik zu eigen und dann ist sie einfach da, wenn wir improvisieren. Da kann man zwar Wurzeln erkennen, aber mit Genres hat das nicht mehr so viel zu tun. Mit meinem Quartett möchte ich aus diesem Verständnis heraus musizieren und improvisieren. Und Toby, Antonio und Jasper sind alle drei sehr offene Geister, die, das behaupte ich jetzt einfach mal, ganz ähnlich über Musik und Improvisation denken. Abgesehen davon sind sie natürlich ganz großartige Persönlichkeiten und fantastische Spieler.


Könntest du mal bitte Superimpose (Matthias Müller), Cranes (Eve Risser, Matthias Müller), The Astronomical Unit (Clayton Thomas, Matthias Müller) und I Am Three (Silke Eberhard, Nikolaus Neuser) charakterisieren, auch vergleichend miteinander ?

Superimpose ist meine älteste aktive Band, ein Duo mit Matthias Müller an der Posaune. Wir arbeiten seit 2006 zusammen und spielen Improvisierte Musik. Die mittlerweile 5 CDs dokumentieren, denke ich, sehr schön, wie wir unseren Bandsound über die vielen Jahre immer weiterentwickelt haben. Da steckt viel Arbeit drin. Wir haben auch viel Zeit im Proberaum verbracht, um an den unterschiedlichsten Aspekten unserer Musik zu arbeiten, an Form, Struktur, Textur. Vor allem aber waren wir von Anfang an darauf aus, einen gemeinsamen Klang zu entwickeln, so dass Posaune und Schlagzeug wie aus einem Guss klingen.

Wir haben dann auch schon recht früh damit begonnen, immer wieder Gäste einzuladen, was ein inspirierendes und auch herausforderndes Unterfangen ist. Wir mussten auf diese Weise immer wieder raus aus unserer Komfortzone, wach und flexibel bleiben. Oft waren das einmalige Begegnungen. Es ist aber auch vorgekommen, dass sich die Trio-Situation als so vielversprechend herausstellte, dass eine neue Band daraus hervorging. Auf diese Weise ist dann auch die Band Cranes entstanden, in der neben Matthias und mir Eve Risser am Piano spielt. Wir haben eine tolle CD produziert und auf einigen Festivals gespielt. In letzter Zeit gibt es aber kaum mehr Konzerte, weil alle drei so beschäftigt sind. Eve hat einige Großprojekte in Frankreich, das macht es nicht leichter.

Bei The Astronomical Unit, ebenfalls mit Matthias Müller und Clayton Thomas am Bass könnte man vermuten, dass es genauso gelaufen ist, stimmt aber nicht. Diese Band ist auch schon sehr alt, gegründet 2007, kurz nachdem Clayton aus Sydney nach Berlin gezogen war. Diese Band war von Anfang an eigenständig und unabhängig von Superimpose, spielte mit einer großen Portion mehr Freejazz und auch perkussiver. Leider ist diese Band nicht mehr aktiv, weil Clayton 2014 wieder zurück nach Sydney gezogen ist. Matthias und ich haben 2019 eine Australien Tour gespielt und bei der Gelegenheit auch noch einmal mit The Astronomical Unit gespielt, das war aber nur eine Ausnahme. Die Distanz ist leider zu groß für eine working band.

I Am Three ist eine gemeinschaftliche Band von Nikolaus Neuser, Silke Eberhard und mir. Musikalisch ist das Projekt mehr im Jazz verankert als die vorher beschriebenen. Wir sind ursprünglich an den Start gegangen, um eine zeitgenössische Version der Musik von Charles Mingus zu spielen. Die Instrumentierung mit Trompete, Altsaxofon und Schlagzeug, also ohne Harmonieinstrument und auch ohne Bass, macht die Band sehr flexibel. Andererseits waren wir so gezwungen, die Songs auf das Wesentliche herunterzubrechen und uns etwas einfallen zu lassen, wie man die Stücke umsetzen kann. Das hat zu interessanten Lösungen geführt und mir auch nochmal klar gemacht, wie toll Mingus geschrieben hat. Seine Stücke sind so stark, dass sie eben auch in dieser Besetzung funktionieren. Wir haben eine CD als Trio veröffentlicht.

Danach gab es eine Zusammenarbeit mit Maggie Nicols, die vielen als eine herausragende Figur der ersten Generation des europäischen Freejazz bekannt sein dürfte, und natürlich als eine kompromisslose politische Kämpferin, Kommunistin und Feministin. Mit ihr haben wir uns an die textbasierten Stücke von Mingus gemacht und ebenfalls eine CD veröffentlicht. Mittlerweile haben wir als Trio einen weiteren Schritt gemacht, haben Mingus hinter uns gelassen und ein eigenes Programm geschrieben. Alle drei haben Kompositionen beigesteuert. Der Geist Mingus' steckt da aber schon noch drin und natürlich basiert alles auf dem Bandsound und dem gemeinsamen musikalischen Verständnis, das wir uns über die Jahre erarbeitet haben.


Zudem spielst du mit Hans Zerbe und auch mit Z Country Paradise bzw. hast mit den Genannten gespielt. Beschreibe doch mal deine Rolle in diesen beiden Ensembles bitte...

Im Hannes Zerbe Jazz Orchester und in Frank Gratkowskis Z Country Paradise spiele ich schon seit vielen Jahren mit. Wenn Du nach meiner Rolle fragst, ist natürlich der entscheidende Unterschied zu den vorhergenannten, dass ich nicht organisatorisch oder als Komponist verantwortlich bin. Das heißt ich kann mich voll und ganz auf das große Vergnügen konzentrieren, Schlagzeug zu spielen!

Das HZJO ist ein großes Ensemble. Hannes Zerbe, der 2022 den Berliner Jazzpreis verliehen bekommen hat, hat dieses Ensemble 2011 gegründet, quasi als Nachfolger seiner legendären Blech-Band. In diesem großen Jazzensemble ist die Rolle des Schlagzeugs naturgemäß anders als in einem Duo. Ein Stück weit muss man da „den Laden zusammenhalten”. Das gilt aber eigentlich nur für die auskomponierten Teile. Sobald es ums Solieren bzw. Improvisieren geht, ist es dann auch wieder gar nicht so sehr anders. Das HZJO ist ein Ensemble voller Solisten und Bandleader, da kann man gemeinsam viel anzetteln und gestalten.  

Z Country Paradise ist eine Art Krautrockband 2.0, die „Rockband”, die sich Frank Gratkowski immer gewünscht hat, mit Frank an den Reeds, Jelena Kulic am Gesang, Kalle Kalima an der Gitarre und Oli Potratz am Bass. Kerngedanke dieser Band ist, mit Texten und Kompositionen als Ausgangsmaterial zu arbeiten, aber im Wesentlichen improvisatorisch zu agieren, was in den Ursprüngen der Rockmusikgeschichte nicht ungewöhnlich war, aber mittlerweile verloren gegangen ist. Diesen Faden haben wir wieder aufgenommen. Frank ist der Bandleader und Jelena eine starke Stimme, aber letztlich sind alle gleichberechtigte ImprovisatorInnen. Die Stücke, die wir spielen, gehen in Teilen auf die Impros zurück, die bei unserer ersten Studiosession entstanden sind, sie klingen aber jedes Mal anders. Eine sehr spannende Band, die leider viel zu selten spielt, weil es so schwierig ist, alle zeitlich unter einen Hut zu bekommen.

Du hast ein Soloalbum eingespielt. Welche Herausforderungen gab es dabei ? Ist ein solistisches Projekt nicht eigentlich konträr zu dem auf Interaktion basierenden Jazz ?

Ja, das ist wohl so. Das Arbeiten ist ganz anders, sehr selbstbezogen. Improvisation war die Keimzelle für die Stücke, aber die Inspiration entzündet sich nicht im Zusammenspiel, klar. Man ist  ganz auf sich zurückgeworfen. Das ist auch spannend und kann eine starke Konzentration erzeugen. Andererseits birgt es die Gefahr, im eigenen Saft zu garen und den Abstand zu verlieren. Ich habe das versucht so zu lösen, indem ich Improvisationen gespielt und aufgenommen habe. Die habe ich dann mit zeitlichem Abstand gehört und versucht das Beste herauszufiltern, um dann mit diesem Material weiterzuarbeiten und erneut zu improvisieren. Das war also auf eine Weise eine zeitversetzte Interaktion mit mir selbst. Und so haben sich aus den Improvisationen Kompositionen herausgeschält. Für mich war das eine tolle Erfahrung. Daraus ist dann eine CD geworden, die ich auf meinem neugegründeten Label Marmade Records veröffentlicht habe. Vor ein paar Wochen habe ich das ganze Programm zum ersten Mal live auf die Bühne gebracht, beim JOE Festival in Essen. Das war schon sehr fordernd, hat aber auch großen Spaß gemacht. Ich hoffe, dass ich in Zukunft noch häufiger die Gelegenheit haben werde.

Was bedeutet überhaupt Jazz für dich ?

Für mich persönlich ist der Kern des Jazz eine Haltung. Ich möchte meinen Mitmusikern und Mitmusikerinnen in größtmöglicher Offenheit begegnen, in eine ergebnisoffene Kommunikation auf Augenhöhe treten. Das heißt nicht, dass ich nicht eine klare Position beziehe. Dabei möchte ich aber nicht starr sein, sondern jederzeit zulassen, dass das Gespräch eine andere Richtung nimmt. Die Geschichte wird gemeinsam erzählt. Ich denke, das ist eine zukunftsweisende Form des Musizierens. Und die Kunst steht für sich, aber darüber hinaus glaube ich, dass wir mit unserer Musik diese Haltung in die Gesellschaft tragen können, gerade in Zeiten, in denen die Gegensätze größer werden und sich manche Fronten verhärten. Das ist vielleicht etwas viel gewollt, aber ich würde mir wünschen, dass wir im Zusammenleben in diesem Land etwas mehr Jazz walten lassen, sozusagen.


Gegenwärtig gibt es eine heftig geführte Debatte über die sogenannte kulturelle Aneignung. Da Jazz im Kern afro-amerikanische Musik war und ist, bezieht sich das auch auf Jazz. Welche Position hast du zum Thema ? Kurzum: Gibt es nicht längst einen Jazz in Europa, der sich von den us-amerikanischen Vorbildern gelöst hat ?

Sobald du ein Bild malst und es öffentlich aufhängst, ist es Teil des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit. Das gilt auch für jeden Song und jeden erzeugten Klang, der öffentlich gemacht wird. So hat sich der Jazz in der ganzen Welt und auch in Europa verbreitet, weil er eine große Kraft in sich trägt. Und da gibt es so viele Entwicklungen. Schau z.B. nach Polen, nach Norwegen, in die Niederlande, überall haben sich eigene erkennbare Spielarten des Jazz entwickelt. Und in den Ländern differenziert es sich weiter. In Deutschland gibt es natürlich die Besonderheit, dass die DDR ihre ganz eigene Jazzgeschichte hat. Dann fährst du nach Berlin, und es klingt irgendwie anders als in Köln oder Leipzig. Das ist alles schwer zu greifen. Am Ende landest du bei den einzelnen Jazz-MusikerInnen, die jeder seinen oder ihren Weg gehen und eine eigene Sprache entwickeln. Jazz ist letztlich ein übergeordneter Begriff, der eine sehr breite, vieladrige musikalische Strömung zusammenfasst, die sich in großen Teilen weit von ihren Ursprüngen wegbewegt hat.

Gleichzeitig gibt es so etwas wie eine Verantwortung vor der Geschichte, auch der Geschichte des Jazz. Ich denke als Jazzmusiker muss man sich dieser Verantwortung bewusst sein und sich entsprechend verhalten. Ein Beispiel: Ich habe, wie schon erwähnt, mit Maggie Nicols, Nikolaus Neuser und Silke Eberhard eine Mingus-Platte veröffentlicht, mit einer Auswahl der wenigen Stücke, zu denen es auch Lyrics von Mingus selber gibt. Da war vollkommen klar, dass Maggie manche Texte nicht singen kann und will, weil diese von Kämpfen und Problemen erzählen, die nicht ihre eigenen sind. Insofern wäre es schon eine Form von kultureller Aneignung gewesen, wenn wir diese Stücke gespielt hätten. Das wollten wir nicht.

Dann haben wir aber beispielsweise den 'Haitian Fight Song' gespielt, einen Song, der eigentlich keine Lyrics hat. Maggies Mutter war mit einem Aktivisten der haitianischen Unabhängigkeitsbewegung befreundet und so hatte auch Maggie einen starken Bezug zu diesem Thema, hat einen eigenen Text geschrieben, und wir haben den Song in dieser Version aufgenommen. Auf die Weise empfinde ich es nicht als kulturelle Aneignung, sondern im Gegenteil, ich glaube, so haben wir den Freiheitswillen und die Kraft, die in diesem Song steckt und allgemein gesprochen, die im Jazz steckt, auf unsere und ich denke auf eine legitime Weise weitergetragen. Jetzt könnte man einwenden, dass wir uns immer noch mit fremden Federn geschmückt haben. Da würde ich dann aber widersprechen und sagen: Es kommt darauf an, dass man der Kunst eines anderen oder auch einer anderen Kultur mit Respekt begegnet und nicht Profit zieht aus einem ungleichen Machtgefälle. Wenn das nicht gegeben ist, und das sehe ich so in diesem Fall, ist es meiner Meinung nach in Ordnung.

Ich danke für das Gespräch.

Interview Ferdinand Dupuis-Panther / Christian Marien  -  Fotos: © fdp 2023
Ich danke Christian Marien ganz herzlich für seine Zeit und Mühe, die Antworten zu meinen Fragen im „stillen Kämmerlein“ so ausführlich verschriftlicht zu haben.





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