40 Jahre cuba – ein Gespräch mit Erhard Hirt

Musiker und seit der ersten Stunde dabei…






© Christoph Schwartländer



Das cuba (Akronym für Cultur- und Begegnungszentrum Achtermannstraße) in Münster ist nach dem Kreativkurs das zweite soziokulturelle Zentrum in Münster.

Seit seiner Eröffnung im Februar 1986 vereint es soziale, kulturelle und politische Initiativen unter einem Dach. Der teilweise als Provokation aufgefasste Name hat nichts mit Fidel Castro und Che sowie der Revolution auf cuba zu tun. Doch politische Einstellung sollte durch den Namen schon zum Ausdruck gebracht werden, nach dem Motto „Das Herz schlägt links“. Bis heute ist das cuba Heimstätte für Soziokultur; vielfältig ist das Angebot bis heute.

Doch werfen wir erst einmal einen Blick auf die Vergangenheit. Das Projekt Tonbandmusik, bei dem Kompositionen für Lautsprecher und Tonband sowie Live Sampling zu erleben waren, hatte seine Zuhörer. Zeitgenössischen Jazz hörte man, wenn Aki Takase (Piano), Han Bennink (Drums), Michael Riessler (Klarinette) oder Ernst Ludwig Petrowsky (Sax) aufspielten. Neue Musik mit und ohne Moondog stand außerdem auf dem Programmzettel des cuba. Unter dem Titel „Set up“ wurde kanadische Performance-Kunst zur Diskussion gestellt. Wer sein Rad reparieren will, trifft Gleichgesinnte in der Fahrradwerkstatt. Das geschliffene Wort pflegt man beim Poetry Slam.

Im Rahmen von JazzToday war 2022 das Steve Swallow Trio zu hören. KAOS Protokoll mit dem Drummer Flo Reiche, dem Saxofonisten Marc Stucki und dem E-Bassisten Benedikt Wieland sorgte bei ihrem Auftritt für Furore. Aus der Schweiz kam das Samuel Blaser-Pierre Favre-Duo mit dem Posaunisten Samuel Blaser und dem Drummer Pierre Favre in die BLACK BOX; aus den USA fanden Mat Manieri (Viola) und Lucian Ban (Klavier) und das Rova Saxophone Quartet den Weg ins cuba. Entfesselten Punk bzw. Rock Jazz boten Kuhn Fu. Das sind nur wenige Beispiele, die die musikalische Seite der Soziokultur im cuba beleuchten. Dazu gehört, neben weiteren Initiativen – getragen durch den Verein Soziokultur Achtermannstaße e.V. – auch die Beratung in Mieterfragen oder rund um die Arbeitslosigkeit.

Nachstehend wollen wir uns allerdings auf das musikalische Angebot im cuba bzw. der BLACK BOX konzentrieren, wenn wir mit dem Münsteraner Gitarristen und Kurator Erhard Hirt sprechen.



Erhard Hirt © Ferdinand Dupuis-Panther


Was waren die Beweggründe, einen Raum für Jazz und vor allem Freie Improvisation ins Leben zu rufen?

Zunächst war ich durch das Angebot, einen Proberaum im cuba zu bekommen, ins Haus gekommen Dabei spielte auch ein Seminar des Soziologischen Instituts der Universität Münster eine Rolle. Dort traf ich auf Leute, die ein Kulturzentrum schaffen wollten. Das Seminar behandelte witziger weise das Thema „Rockmusik und Jugendarbeit“. Das Sozialpädagogische Bildungszentrum, kurz SoBi, und deren Macherinnen hatte ich schon mal früher angesprochen, als ich dort meine erste Soloplatte aufgenommen hatte. Die haben gesagt: „Mach mit, dann bekommst du einen Proberaum.“ So bin ich dann hier ins Haus gekommen. Das war 1986.

Zunächst einmal waren wir nur ein Initiativen-Haus, aber dann haben wir begonnen, Programm zu machen. Das Haus hatte anfänglich keine Programmmittel, aber es fand eine breit angelegte Diskussion statt, wie es mit der Kultur, der Soziokultur, der Alternativkultur in Münster weitergehen soll, die in einer Anhörung im Kulturausschuss der Stadt mündete. Es gab für drei Häuser in Münster, das cuba, das Kreativhaus und das Haus Oskar hier in der Straße, einen Betriebskostenzuschuss, der den Initiativen die Deckung der Mieten möglich machte. Wir haben uns damals auch über ABM-Stellen (Anmerkung: Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen finanziert durch die Bundesanstalt für Arbeit) durch die Zeit gehangelt. Meine Frau hatte die erste dieser Stellen, und ich war fleißig am Musik machen.



© Oliver Pracht


Die BLACK BOX gab es lediglich als Raum, aber ohne den entsprechenden Namen. Es war der ehemalige Filmvorführraum der Fachhochschule für Sozialarbeit. Das cuba ist 40 Jahre, die BLACK BOX unter dem Begriff BLACK BOX ist „erst“ 20 Jahre alt.

Die Entwicklung der BLACK BOX hängt mit Skulptur Projekte Münster zusammen. Das ist eine sehr wichtige Kunst-Ausstellung, die alle zehn Jahre stattfindet, jeweils parallel zur documenta in Kassel.

1997 waren die Häuser der Alternativkultur, das Pumpenhaus, auch die Musikhochschule und das cuba, an der Bespielung des LWL-Museum für Kunst und Kultur beteiligt. So wurde das genannte Museum den ganzen Sommer 1997 über Ort von Konzerten. Zehn Jahre später im Jahre 2007 waren die Skulptur Projekte eher eine Art closed-shop. Dann haben wir uns gesagt, wenn schon so viele kulturbeflissene Leute in Münster sind, dann laden wir an jedem Samstagabend, nachdem alle sich an der Kunst satt gesehen hatten, um 22 h zu Veranstaltungen ein. Wir haben die schwarzen Vorhänge aufgehängt und nannten die Veranstaltungsreihe BLACK BOX und fanden heraus, dass die Musik besser klang, als in einem Raum mit kahlen Wänden.

Dass im Angebot improvisierte Musik einen Platz hatte, lag an der Initiative Improvisierte Musik, die es noch heute gibt. Die hatte sich am Anfang der 1980er Jahre vom lokalen Jazzklub ein bisschen separiert. Wesentliche Leute waren der Schlagzeuger Willi Kellers, noch drei andere Schlagzeuger und ich. Wir haben dann immer auch Leute befreundeter Initiativen z. B. aus der Wuppertaler Szene auftreten lassen. Willi hat damals seinen Kontakt zu Brötzmann aufgebaut. Ich hatte Kontakt in die Aachener Szene. Es gab damals ein Netzwerk von Musiker-Initiativen in Bremen, Zürich, Wuppertal, Aachen, Köln und Wiesbaden.

Ein Schlüsselerlebnis war 1981 ein Theater- und Musikfestival, das wir im alten Jovel veranstaltet haben. Da waren Kati Duck, Tristan Honsinger, Misha Mengelberg, Fred Frith, Johannes Bauer, Lol Coxhill dabei und Schauspieler, die später im Pumpenhaus aktiv geworden sind. Es dauerte aber noch einige Jahre bis zur Etablierung des cuba.

Die erste Person, die sich im cuba um Kunst und Kultur gekümmert hat, war Maria Klein-Schmeink, die bis vor Kurzem für die Grünen im Bundestag saß, und die auch wesentlich an der Entwicklung des Sozialpädagogischen Bildungszentrums und dem Kulturmanagement des Hauses beteiligt war. Später habe ich dann über ABM das Kulturmanagement übernommen. Ich kannte durch meine Konzertreisen eine Vielzahl von Musikern, von denen ich dachte, die könnte man mal nach Münster einladen. So ist eigentlich die erste Version von STAGE off LIMITS entstanden. Wir wollten ein niederschwelliges Programm anbieten, wollten mit Musikanten:innen und Publikum nach dem Konzert ins Gespräch kommen. Es ging schlicht um Austausch und Begegnung. Das war so ähnlich wie der Impro-Treff, den Michael Kolberg jetzt organisiert. Nach und nach entwickelte sich daraus ein regelmäßiger Konzertbetrieb.

Waren die Anfänge Improvisierter Musik noch Artikulation von Grenzüberschreitungen, so ist heute daraus ein Genre mit weit gefächerten, unterschiedlichen Ansätzen geworden. Einst musste man gegen die alten Normen anspielen. Und nur so konnten sich neue Spielansätze entwickeln.



Erhard Hirt © Ferdinand Dupuis-Panther


Mit welchen Veranstaltungen und mit welchen Musikern wurde die BLACK BOX anfänglich bespielt?

Wie gesagt, die erste Musikreihe war STAGE off LIMITS, eine offene Bühne für Improvisierte und Experimentelle Musik mit Gastmusiker:innen. Dabei stand, wie heute auch der Begegnungscharakter im Vordergrund. So wurden stets zwei Sets gespielt, sodass im zweiten Set Gäste hinzukamen und bis heute kommen. Das ist auch das Konzept von Soundtrips_NRW. Später kam im Verbund mit dem damals noch aktiven Jazzclub Münster e.V. JazzToday hinzu, eine Reihe, die ausdrücklich „stilbildenden“ Jazzmusiker:innen gewidmet und international ausgerichtet war.

Gab es Verknüpfungen mit dem Bunker Bielefeld und dem domicil Dortmund? Wenn ja, in welcher Art?

Ja, es gab gelegentlichen Austausch von interessanten Bands - abhängig vom jeweiligem Kurator und Booker, so zurzeit z. B. als Raimund Tillmann das Programm im Bunker Bielefeld verantwortete.

Was war die Intention, eine Reihe wie Soundtrips zu etablieren?

Ähnlich meiner Anfangsmotivation in den 1980er Jahren: Begegnung und die Bereicherung der regionalen Szene in Nordrhein-Westfalen. Außerdem sollte ein Tour-Angebot für Improvisationsmusiker:innen etabliert werden. Dafür gab es eine finanzielle Basis dank der Unterstützung des NRW-Kultursekretariats mit Sitz in Wuppertal. Im Übrigen, Wuppertal war auch verbunden mit den Namen Kowald und Brötzmann. Diese Stadt war nicht allein eine Stadt des modernen Tanzens dank Pina Bausch, sondern eben auch einer der Kulminationspunkte für Improvisierte Musik in Deutschland.

Was können sich Außenstehende unter Soundtrips vorstellen?

Musikalische Überraschungen, dank weit aufgefächerte Ansätze innerhalb des Kontextes Improvisierter Musik. Es ist sogar lohnend, sich mehrere Stationen und deren Konzerte anzuhören, da immer wieder andere Kombinationen im 2. Konzertteil stattfinden. Soundtrips ist ein Graswurzelprojekt. An jedem Ort – mittlerweile sind es dreizehn - ist ein Musikant oder eine Musikantin am Werk, um das Programm zu gestalten. Wir treffen uns einmal im Jahr und jeder hat Vorschläge. Dann wird überlegt, ob denn die Vorgeschlagenen auch stilistisch eine gewisse Breite der Improvisierten Musik abdecken. Wir schauen auch, dass nicht nur Männer spielen. Man kann sich nicht bewerben, sondern es gibt ein Punktsystem, auf das sich die „Kuratoren“ geeinigt haben.

Welche Kriterien gelten für Musiker, die sich auf "Klangreisen" begeben?

In der Regel werden „neue Stimmen“ gesucht und ausgewählt. Doch es kommen auch etablierte Musiker:innen der Szene hinzu, die wichtig für die Entwicklung dieses „Musik-Genres“ sind. Finanziert wird das Programm mit 50% Landesmitteln und 50% städtischen Mitteln, sodass in dreizehn Städten die Reihe Soundtrips abhängig von den jew. städtischen Mitteln angeboten werden kann. So kann den eingeladenen Musiker:innen ein Verbund von Konzerten angeboten werden, durchaus erfreulich für die Musiker:innen.



© Oliver Pracht


Was kann der Zuhörer bei STAGE off LIMITS erwarten?

Spannende genreübergreifende Musik mit sehr eigenständigen musikalischen Ansätzen. Die Liste der zu nennenden Musiker und Bands ist lang. Hier nur eine Auswahl: der Saxofonist und Flötist Ove Volquartz, der Gitarrist Erhard Hirt, das Böttcher-Hubweber-Duo, das Alexander von Schlippenbach Trio bestehend aus dem britischen Saxofonisten Evan Parker, dem Pianisten Alexander von Schlippenbach und dem Schlagzeuger Paul Lovens, das Trio Demierre-Guy-Niggli mit dem Pianisten Jacques Demierre, dem Bassisten Barry Guy und dem Schlagzeuger Lucas Niggli, die Bassistin Joëlle Léandre, die Gitarristen Keith Rowe und Jim O`Rourke. Die Liste derer, die in der BLACK BOX aufgetreten sind, lässt sich problemlos erweitern: z.B. um Frank Paul Schubert-Alexander von Schlippenbach-Duo mit Frank Paul Schubert am Saxofon und Alexander von Schlippenbach am Klavier oder um KNU! mit Achim Kämper (Tischlein elektrisch) sowie Florian Walter (Baritonsax, Elektronik) und schließlich am Schlagzeug Simon Camatta.

Schließlich steht auch JazzToday auf dem Programmzettel. Ist das eine Reihe für Nachwuchsjazzer?

Mein Ehrgeiz war „stilbildende“ Musiker:innen vorzustellen – abseits von der in den 1980er und 1990er noch vorherrschenden „Real-Book“- Ästhetik vieler „Jazzclubs“. So traten in der BLACK BOX zum Beispiel Conny Bauer, die Kölner Saxofon Mafia, Michael Moore, Reza Askari Roar, Christina Fuchs No Tango oder die NU Band aus New York auf.

Inzwischen ist eine neue Generation gut ausgebildeter Musiker und vor allem auch Musikerinnen nachgewachsen, und ich habe diese Kuration an den aus Berlin stammenden, in Köln lebenden und unter anderem zum Trio Sheen gehörenden Schlagzeuger Philipp Buck abgegeben, der auch die junge Szene gut kennt.


Lou Grassi & Joe Fonda (NU Band) © Ferdinand Dupuis-Panther


War die BLACK BOX ein Treffpunkt für Münsteraner Jazzer? Wenn ja, wie sah das aus, wer traf sich und wie stellt sich das in der heutigen BLACK BOX dar?

Nachdem sich die lokale Jazzszene früher in Steffi Stefans „Neuem Krug“ an der Weseler Straße getroffen hatte, war außer verschiedener Kneipenkonzerte das cuba wesentlicher Ort und Sitz des Jazzclub Münster e.V.. Dessen Aktivitäten sind aber mit der Zeit eingeschlafen und so wurde die Jazzkonzertreihe – auch mit vielen internationalen Gastspielen – von uns eigenständig weitergeführt.

Interview © Ferdinand Dupuis-Panther - Foto’s © Ferdinand Dupuis-Panther / Christoph Schwartländer / Oliver Pracht


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