Tommy Muellner - Solitary Moon

Tommy Muellner - Solitary Moon

T

Calligram Records

Zur Einstimmung ein längeres Zitat von der Bandcamp-Seite: „‘Solitary Moon’ is a labor of love from veteran Chicago pianist Tommy Muellner, a deeply personal album and a portrait of a musical life well lived. Featuring an all-star Chicago quintet, the record moves fluidly between beloved standards, hidden gems, and original compositions, unified by Muellner's warm, seasoned touch and the simpatico interplay of musicians who have spent decades making music together.“

Nachstehend noch ein O-Ton von Tommy Muellner zu den Mitmusikern seiner Band, die er „Mr. T“ nennt: "Clark Sommers is not only an amazing world-class bassist, but was invaluable in helping me with post-production, tweaking and mixing," - "I was lucky to get Geof Bradfield, who I knew would understand what I was trying to get and also write some really terrific horn parts for the project. Art Davis is a masterful trumpeter I've had the pleasure of playing with for probably 45 years. And what can I say about Phil 'Philly Toe' Gratteau? I've played countless gigs with him over several decades. He always plays exactly what the doctor ordered. Whether you need a sensitive, tasty drummer or someone to kick some ass, he is the cat."

Angesichts des vorliegenden Albums und des Schwerpunktes auf Jazzstandards fragt man sich nach der Relevanz eines solchen Albums. Augenscheinlich gibt es aber immer noch eine Nachfrage nach den „Ikonen“ der Jazzgeschichte, die es neu aufzulegen gilt. Nun ja, in Europa ist das weniger der Fall, hat sich doch hier eine andere Jazzentwicklung ergeben. In den USA allerdings gibt es diese Hinwendung zum Jazz als genuin us-amerikanische Musik. Kein Wunder, fehlt hier doch die europäische Musik der Klassik. Nun gut, widmen wir uns also der Musik von Russ Freeman, Jimmy Van Heusen und Alec Wilder. Jazz der 1940er und 1950er Jahre ist es, mit dem sich Muellner unter anderem auseinandersetzt. Die Verneigung vor der Jazzgeschichte beginnt mit „While We're Young“ (comp Alec Wilder). Das, was wir hören klingt süßlich, ein wenig nach Schlager, nach Revueshow. Zum Glück hat sich Tommy Muellner einen Saxofonisten und einen Trompeter in sein Ensemble geholt, sodass der erste Eindruck verwischt wird. Wir hören genuinen Jazz eben auch, aber aus heutiger Sicht eher Bar- und Tanzmusik. Mit Jazz der 1940er Jahre geht es auch weiter: „Like Someone In Love“ (comp Jimmy Van Heusen). Durchaus Jazz mit Swingeinschlag ist zu hören. Überzeugend ist das Bass-Solo, denn wie gesagt der Pianist Tommy Muellner steht nicht nur in diesem Stück nicht im Mittelpunkt mit seinem leichten, dahin plätschernden Tastenspiel. Das spiegelt den Zeitgeist der 1940er Jahre wieder. Aber ist das heute noch zeitgemäß?

Flott ist der Rhythmus von „Sandy Samba (Ahma's Garden)“. Dieses Stück erinnert an Zeiten, als Jazz Pop- und Tanzmusik war. Doch dies ist alles von Gestern. Heute sind Acid Jazz, Punk Jazz oder Ambient angesagt. Sehr lyrisch beginnt der Pianist, das Stück „The Wind“ von Russ Freeman aus dem Jahr 1954 zu entwickeln. Schnurrend ist das Saxofon zu hören. Und auch dieses Stück birgt Momente von Tanzmusik in sich. Bei den Sequenzen des Saxofons sieht man vor seinem geistigen Augen, Paare in ausladender Abendgarderobe beim Tanzen. Gleichzeitig könnte man denken, man lausche einer Filmmusik zu den Filmen des Cinema noir, oder? Nur wenn der Bassist zum Solo ansetzt, dann ist Tanzmusik ganz fern.

Weiter geht es mit „Soldier In The Rain“ (comp Henry Mancini). Mit diesem Stück sind wir dann in den 1960er Jahren, als Jazz schon längst von Beatmusik, auch von der der Merseyside verdrängt worden war. Getragen und mit einer melancholischen Note kommt der Song daher. Nicht unwesentlich ist dabei das entsprechende Spiel des Trompeters. Tommy Muellner am Klavier ist in ähnlicher Weise zu hören, so dass dem Song eine gewisse Schwere innewohnt. Im Kontrast zum oben genannten steht „Cuz Time“, ein Stück, dass durch die Flötensequenzen eine ganz eigene Klangfärbung und Leichtigkeit erhält. Nach „Oceans In The Sky“ verneigt sich Tommy Muellner vor dem Granden des Jazz und vor allem des Bebop, nämlich vor Thelonious Monk. Wir hören „Monk See, Monk Do“, allerdings weniger in dem Stil Monks, dem so typischen Rhythmus des Pling-Plong. Nun ja, jeder interpretiert auf seine Weise eine Legende des Jazz.

„Make Someone Happy“ ist durch eine Einspielung von Tony Bennett & Bill Evans bekannt geworden und ist nun durch Tommy Muellner arrangiert worden. Dass „Polka Dots and Moonbeams“, entstanden 1940 aus der Feder von Jimmy Van Heusen, fürs aktuelle Album eingespielt wurde, überrascht wenig. Schon eher überrascht im Kontext des Revivals von Jazz der 1940er und folgenden Jahre das Stück „Diane“, 1927 entstanden und als musikalische Begleitung eines Stummfilms gedacht. Dieses Stück geht über in „Danny Boy“. Dieser Song basiert auf der Melodie von „Londonderry Air“. Man merkt beim Zuhören, dass es dabei um Abschied und Trauer geht. Zum Schluss hören wir „Why Did I Choose You – dedicated to Bill Evans“. In diesem Stück kann sich der Pianist in vollen Zügen entfalten. Ähnliches und weniger Standards hätte man eigentlich auf dem Album erwartet, oder?

© ferdinand dupuis-panther 2026


BANDCAMP

Musicians
Tommy Muellner piano
Clark Sommers bass
Geof Bradfield saxophone, tenor
Art Davis trumpet
Phil Gratteau drums

Tracks
1. While We're Young
2. Like Someone In Love
3. Sandy Samba (Ahma's Garden)
4. The Wind
5. I Remember You
6. Soldier In The Rain
7. Cuz Tune
8. Oceans In The Sky 05:38
9. Monk See, Monk Do 06:18
10. Make Someone Happy
11. Polka Dots and Moonbeams
12. Solitary Moon (aka Moon Song)
13. Somewhere
14. Diane / Danny Boy
15. Why Did I Choose You


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