Adrian Lim-Klumpes feat. Chris Abrahams & Novak Manojlovic – 3 pianos
A
Off Record
Was wir auf einem Hammerklavier und zwei unterschiedlichen Flügeln hören, ist Musik, die in einer besonderen Raumarchitektur entstand, so lesen wir im Pressetext. Aufgenommen wurde das „Klavierkonzert“ im Phoenix Central Park; das ist ein Ausstellungs- und Veranstaltungsraum in Sydney (Australien). Und was hören wir: drei solistische Improvisationen, die schließlich in einen Trio-Vortrag einmünden. Dabei behält jedes der drei Instrumente seine spezifische Stimme, die sich im Raum verteilt und widerhallt.
Kurz zu den Musikern, die alle in Sydney leben und gewiss in Europa wenig bekannt sein dürften, sieht man einmal von Chris Abrahams von The Necks ab, die mehrfach in Europa auf Tournee waren. Doch zunächst ist da der Pianist und Komponist Adrian Lim-Klumpes, der für seine Musik der Gegenwart, auch der elektro-akustischen Musik bekannt ist. Er ist u.a. Mitglied des Impro-Ensembles Tangents. Veröffentlicht hat er z.B. das Album „Yield (Preludes and Fugues for Piano)“. Die Besprechung des Albums findet sich übrigens in Jazz’halo. Dann ist da der in Neuseeland geborene, aber in Sydney beheimatete Komponist und Pianist Chris Abrahams, der wie gesagt Mitglied von The Necks ist. Bekannt ist er für seine Soloaufnahmen wie „Piano“ (1985) und den Soundtrack von „The Tender Hook“. Dritter im Bunde der Pianisten ist der ebenfalls in Sydney lebende Novak Manojlovic, der u.a. 2019 mit dem Freedman Jazz Fellowship Preis ausgezeichnet wurde. Er ist bekannt für seine Projekte Hekka und Microfiche.
Manojlovic eröffnet das Album mit seinem Soloauftritt: Der erste Höreindruck ist der, dass Tropfen fallen und zerspringen. Danach erlebt man ein Fließgewässer mit kristallklarem Wasser. Beim Spiel mit dem Diskant meint man, man höre das Zerspringen von Eiszapfen. Danach jedoch entwickelt sich aus einem Rinnsal ein Strom. Wildwasser mit Strudeln ist auszumachen. Man könnte aber auch an einen Wasserfall denken, der sich in einen klar-blauen natürlichen Pool ergießt. Bewegung ist auszumachen. Alles scheint im Fluss und zu fließen, teilweise ungestüm und teilweise sich in Felsenpools fangend und über Felsen schießend. Dramatik wird inszeniert, dabei die Basshand ins Spiel bringend. Wie tosendes Meeresrauschen hört sich das an, was der Pianist im weiteren Verlauf des Stücks spielt. Pausen gibt es nicht. Neue Perspektiven werden nach und nach eröffnet. Waren wir zunächst bildlich gesprochen an einem Strom und dann am Meer, sind wir nachfolgend wieder im Wildwasser unterwegs, bewältigen eine Stromschnelle nach der nächsten. Nein, lavierendes Tastenspiel ist nicht Sache von Manojloviv; Akzentuierungen schon, auch mit Gespür für den Diskant und für Töne, die schnell vergehen. Und nahtlos geht es dann weiter: Adrian Lim-Klumpes ist an der Reihe. Ist es Romantik oder Neo-Romantik, die er aufleben lässt? Theatralisches erleben wir. Momente der Besinnung treffen auf solche der Turbulenz und des Umbruchs. Bisweilen hat man das Bild vor Augen, dass sich aus einem Karstgebiet Wasser ergießt und wieder versickre. Leise Töne vernehmen wir ebenso wie eine Art Klangvorhang. Vor unseren Augen entsteht ein impressionistisches Gemälde einer Flusslandschaft, so meint man, wenn man Lim-Klumpes folgt. Im weiteren Verlauf ist sogar der Vergleich mit einem pointilistischen Gemälde denkbar.
Die Bühne gehört nachfolgend Chris Abrahams und auch er ist solistisch unterwegs: Fragile Klänge dringen zu Beginn an unser Ohr. Feine Regentropfen gehen nieder, so ein Bild angesichts der nachfolgenden Klänge. Ein „Hauch von Durchsichtigkeit“ präsentiert uns Chris Abrahams obendrein. Konzertantes erleben wir. Dabei ist auch das Melodiöse zentral. Schnelle Läufe, die fast das gesamte Klangspektrum des Flügels umfassen, sind zu hören. Außerdem werden mit der Basshand wiederkehrende Akzentfragmente gesetzt. Ansonsten kann man für das im Weiteren Vorgetragene auch an klassische Musik russischer Komponisten denken. Müsste man niederländische Seestücke des Goldenen Zeitalters vertonen, man könnte angesichts des „drohenden Klangs“ und „Klang-Getöses“ auf Chris Abrahams zurückgreifen. Komponiert oder frei improvisiert ist auf alle Fälle die Frage, die sich dem Zuhörer stellt. Man denke nur an Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen, der Stücke komponierte, die wie Improvisationen erscheinen.
Was sich im Weiteren anschließt ist die musikalische Vorstellung von allen drei Pianisten. Die vorgestellte Musik macht den Eindruck von Informel, von gestischer Klangmalerei. Dabei könnte man die Begriffe pastellfarben und pastös auf das anwenden, was vorgetragen wird. Zarte Klangtöne gibt es ebenso zu hören wie eine Dramatisierung des Spiels. Verwirbelungen werden klanglich inszeniert. Wellengänge des Klangs sind Teil des Vortrags. Kaskaden ergießen sich, Rinnsale verwandeln sich in Wildwasser und einen Wiesenfluss, der zu einem reißenden Strom anwächst. Genau diese Dynamik fangen die drei Pianisten sehr gekonnt ein. Mitreißend ist das, was an unsere Ohren dringt. Zugleich fragt sich der Zuhörer, ob das nun klassische Musik der Gegenwart ist oder Jazz. Stellenweise meint man, Chopin und Smetana hätten sich mit Mussorgsky und Rachmaninow verbrüdert. Ja, fürwahr die drei Pianisten verstehen es, eine Melange zu schaffen, die an Dramatik nichts zu wünschen übrig lässt. So entstehen großartige Klangbilder ähnlich wie oben schon angedeutet in der bildenden Kunst. Nur beim Download der Veröffentlichung über Bandcamp gibt es noch einen Bonus-Track, der von den drei Pianisten gemeinsam gestaltet wird und starke Züge klassischer Musik aufweist.
© ferdinand dupuis-panther 2026
BANDCAMP
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Musicians
Adrian Lim-Klumpes - piano (Érard fortepiano, 1853), composer
Chris Abrahams - piano (Fazioli Grand Piano F278, 2018)
Novak Manojlovic - piano (PH Grand Piano (Blüthner, designed by Poul Henningsen, 1931 design)
Tracks
1: 3 Pianos - Novak Manojlovic solo
2: 3 Pianos - Adrian Lim-Klumpes solo
3: 3 pianos - Chris Abrahams solo
4: 3 Pianos - The concert in full - Bandcamp only bonus















