Erhard Hirt & New York Connection, cuba Black Box

Münster, 27. März 2019



Für diesen Abend in der „Schwarzen Kiste“ hatte sich der Gitarrist Erhard Hirt, der ansonsten auch für das Jazzprogramm im cuba Black Box verantwortlich zeichnet, den Altsaxofonisten und Klarinettisten Mark Whitecage, den Kontrabassisten Joe Fonda und den Schlagzeuger Lou Grassi eingeladen, sprich den Kern der NUBand. New York traf so musikalisch auf Münster.


Dass eine solche Begegnung überhaupt möglich ist geht auf den Sommer 2015 zurück: „Nach einigen spontanen Sessions, bei denen Hirt als Gast der New Yorker NU-Band mitwirkte, trafen sich Whitecage, Fonda, Grassi und Hirt im Sommer 2015 zu einem Gig in der legendären Downtown Music Gallery in New York.“ So konnte man es in der Ankündigung des Improvisations-Abends lesen. Ein Jahr nach diesem Gig entstand eine live eingespielte CD, die 2017 beim slowenischen Label Klopotek erschien.

Zur Einstimmung sei nachstehend nochmals aus der Konzertankündigung zitiert: "Basiert das jazzige Konzept der NU-Band zumeist auf Kompositionen der Bandmitglieder, so steht bei der NYC vitale, kantige freie Improvisation im Vordergrund. Hirts Gitarre und Elektronik bringen neue Texturen in die ansonsten akustisch besetzte Gruppe ein und alle Spieler reagieren mit lebhaftem Spiel.“

Es ist im Übrigen nicht das erste Mal, dass die drei Musiker im cuba Black Box eine musikalische Begegnung zwischen Dialog und Konfrontation inszenieren. Jazz‘halo berichtete bereits über ein weiteres Konzert – Link siehe unten.

Eine Begegnung von Musikern, wie wir sie erlebten, ist einem Klanggemälde gleichzusetzen. Farben wurden angerührt, gemischt und mit Weiß aufgehellt. Farbkleckse wurden auf der Palette verteilt. Und dann war die Klangleinwand zu füllen, mit und ohne Drippings, mit und ohne Action Painting, mit Glyphen, mit Farbflächen, mit Informellem und Abstraktem, immer auf der Suche nach der Zusammensetzung eines Gesamtklangbilds. Antizipation war essentiell, Pausen auch. Die ersten klanglichen Passagen wurden vorgedacht. Aktion und Reaktion waren Grundlage des gemeinsamen Spiels. Offene Formen trafen auf geschlossene.


Doch ehe all das geschah, erwies sich der sehr gut gelaunte und verschmitzt lächelnder Joe Fonda als wahrer Impresario oder besser Conferencier. Dabei zeigte es sich, dass Joe Fonda durchaus Deutsch beherrscht, um die sehr zahlreich Anwesenden – die Schwarze Kiste war bis zum letzten Platz ausverkauft ! - mit warmen Worten zu begrüßen und zugleich mit einem gewissen Zwinkern und dem Schalk im Nacken, auf die Ursprünge der New York Connection einzugehen.

Auf einer ausgedehnten Tour durch Deutschland, die Schweiz, Österreich und Liechtenstein, war nach Wuppertal – das dortige Konzert war auch als eine Hommage an Peter Kowald zu begreifen – Münster die nächste Station der Deutschland-Tour. Nach der kurzen Vorrede sprangen wir dann in Medias Res.

Joe Fonda zupfte gekonnt die Basssaiten und drehte den Bass nach links und nach rechts, ließ den Klang so voller erscheinen. Wie die letzten fallenden Regentropfen klang das, was dank des Zupfens der Saiten jenseits des Stegs entstand – ein Klangbild, transparent, bläulich-gräulich. Rhythmische Basssegmente waren zu vernehmen und der Tatbestand, dass Joe Fonda mit seinem Tieftöner gleichsam eins wurde. Handflächen schlugen auf den Basskorpus, der dumpf schwang. Kurz angebunden schien die Gitarre, die in den Händen von Erhard Hirt lag. Irgendwie schienen wir nur gehemmte Tonfolgen zu Gehör zu bekommen. Zischen, Trillern, Zirpen, Ticken und mehr  hörten wir. Mark Whitecage stimmte auf seinem Altsaxofon einen Flow an, ließ es fließen, treiben, aufsteigen, vergehen, erneut aufflammen, wachsen. Harte prägnante Bassgriffe trafen auf das Jaulen und Wimmern der Gitarre. Graublaustufen flirrten gleichsam vor unseren Augen, vermischt mit Ocker und Siena.


Bassgetrommel vereinte sich mit dem Schlägeltanz, den Lou Grassi verantwortete. Alles schien leicht und selbstverständlich, schien ein Kontinuum, schien wie verlaufende Schlieren eines Aquarells oder wie das Getropfe, das Jackson Pollock berühmt gemacht hat. Zu den Basspassagen vernahm man Joes Stimme, die gleichsam als zusätzliche Begleitung anzusehen war. Weich gezeichnet waren die melodischen Linien, die Mark Whitecage seinem Holzbläser abverlangte. Man musste an den sachten Flügelschlag von Hunderten von Vögeln beim Vogelflug denken, wenn man die Augen schloss.

Erdigkeit bewies der Bass. Bodenhaftung signalisierte das Spiel von Joe Fonda, derweil Erhard Hirt aus seiner E-Gitarre einen Synthesizer machte, der sich auf das Weben eines dichten Klangteppich in hellen Farben von Gelb bis Rot verstand. Im Weiteren steuerten die Musiker auf den Höhepunkt hin, verstiegen sich in Aufruhr, Rabatz und Krawall, wenn auch nicht so, wie bekannte Free Jazzer wie Brötzmann, Petrowsky und andere es einst verstanden. Bei der New York Connection waren immer noch Bindeglieder und klangliche Gurtbänder zu entdecken, die die Form fest zusammenschnürten.

Kaum war das Eruptive vorbei, dann verstieg sich der Saxofonist beinahe ins Songhafte. In einer Art Mimikry folgte die Gitarre den Klangschraffuren und  Schummerungen, die Mark Whitecage angestimmt hatte. Gurgelndes Wasser schien erzeugt zu werden. Das Tempo verlangsamte sich. Informelle Landschaften in flächigen Strukturen wurden vor unseren Augen gemalt. Umbra und Graustufen waren dominant, auch als Joe Fonda seinen Tieftöner mit dem Bogen streichelte. Für ruhige niedrige Wellen war Mark Whitecage am Altsaxofon verantwortlich.

Blechgeschwirr traf dank des Schlagzeugers auf Theaterdonner. Ein Unwetter schien aufzuziehen. Klanggetöse machte sich breit. Angerissene Basssaiten lenkten die Aufmerksamkeit auf das dickbäuchige Saiteninstrument, mit dem Joe Fonda ein „Tänzchen“ wagte.


Ein dunkelgrünes Klangmeer wurde uns beschert, mit Gischtkronen, Wellentälern, Wellenbrechern und Super-Surf-Wellen. Doch dieses Bild verschwand recht schnell, als Joe Fonda zur Querflöte und Mark Whitecage zur Klarinette griffen. Sonor war das, was wir hörten, begleitet von sphärischen Anmutungen, die Erhard Hirt geschuldet waren.

Leise Momente waren nach all den klanglichen Turbulenzen zuvor, Balsam für  die Seele. Schnarren und Schnalzen drängte sich hier und da auf. Doch Flöte und Klarinette ließen sich davon nicht irritieren. Samten war der Klang. Besen strich Lou Grassi über die Snare, bedächtig und nicht aufdringlich. Für einen Moment überkam den einen oder anderen Zuhörer möglicherweise nordische Schwere und Melancholie, schien Edvard Grieg mitzuschwingen. Nordische Impressionen von der Weite der Hochebenen und dem fahlen Licht, den majestätischen Wasserfällen und tief ins Land sich ziehenden Fjorden schienen  durchaus präsent.

Hier und da waren Basssolos und Schlagwerksolos in das Klanggemälde eingebunden. Surf Sound schien dem Gitarristen nicht fremd. Saitengeschiebe des Basses traf auf variantenvolle Schlagmuster – dank an Lou Grassi.


Impro oder Jamsession fragte man sich angesichts dessen, was die „Schwarze Kiste“ klanglich erfüllte. Selbst kurzes Anreißen von Jive und Lindy Hop schien Teil der Session. Insbesondere als Mark Whitecage solistisch Klarinette spielte, meinte man, Swing sei im Spiel und auch ein wenig Bop reloaded, oder?

Furios, fulminant, feurig, eruptiv – das sind Begriffe, die allgemein das umreißen, was die vier Musiker an diesem Abend präsentierten. Anhaltender Applaus war angesagt. Und den gab es dann auch.

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht Public commons!



Informationen

Venue

cuba Black Box
http://www.blackbox-muenster.de/index.php?id=programm&no_cache=1

Musiker

Joe Fonda

http://www.joefonda.com/
https://www.jazzhalo.be/interviews/joe-fonda-interview-with-the-american-bass-player-and-member-of-the-nu-band/



Marc Whitecage

http://musicians.allaboutjazz.com/index_new.php?url=markwhitecage&&width=1536
https://en.wikipedia.org/wiki/Mark_Whitecage



Lou Grassi

http://www.lougrassi.com/
http://www.lougrassi.com/NuBandAudioSamples.html



Erhard Hirt

http://www.erhardhirt.de/
https://www.jazzhalo.be/interviews/erhard-hirt-interview-mit-dem-in-muenster-lebenden-gitarristen-der-sich-in-der-freien-und-improvisierten-musik-zu-hause-fuehlt/


Konzertbesprechung

https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/the-nu-band-erhard-hirt-jazztoday/


CD reviews

https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/j/joan-wildman-joe-fonda-conversations/
https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/h/harvey-sorgen-joe-fonda-marilyn-crispell-dreamstruck/


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