Bunker Ulmenwall Weihnachtsmatinee, Bielefeld 26.12.2018:

J.J. Cale, eine arabische Prinzessin, ein Schreittanz und eine riesige Schüssel mit Klangmalerei


Alle Jahre wieder lädt der Bunker Ulmenwall am zweiten Weihnachtsfeiertag zur Matinee ein, auch und gerade um so durch zusätzliche Einnahmen die Arbeit des Bunkers zu sichern. Dies ist umso wichtiger, als es seit Jahren durch drastische Kürzungen der öffentlichen Hand eine Unterfinanzierung der Arbeit gibt. Sehr zahlreich waren die Besucher gekommen, die aus einem breitgefächerten musikalischen Programm auswählen konnten, ob Blues, Jazz im Geiste des E.S.T., Impro oder Gute-Laune-Musik zwischen Herzschmerz und Tanzlust. Insgesamt hatte man die Qual der Wahl aus 13 (!) Konzerten.


Gib mir den Blues

Erstmals gab es im Foyer auch eine Bühne, auf der Loopahead,  Preisträger des 37. Deutschen Rock & Popfestivals 2017, das Publikum mit Blues, Rock und Rythm‘n Blues begrüßte. Udo Lummer (Gitarre & Vocals) und P.G. Lange (Bass & Vocals) hatten als Gast den Tenor- und Sopransaxofonisten Tino Ludwig eingeladen, um mit Musik von Eric Clapton, Tom Petty, den Beatles, J. J. Cale und Steve Windwood zu unterhalten.

Schon bei den ersten Takten von „Let The Good Times Rollin‘“ (B. B. King) hätte man eigentlich erwartet, dass der eine oder andere die Komfortzone seines Sessels oder Stuhls verlässt. Doch weit gefehlt, mehr als ein Fingerschnippsen war an diesem Morgen nicht angesagt. Udo Lummer ließ die Saiten schwirren und seine leicht rauchige Stimme erklingen, um die guten alten Zeiten auferstehen zu lassen. Dazu gesellte sich, zeitweilig auch solistisch, ein „röhrendes“ Saxofon. Wären nicht spätestens dann Hüftrolle und Überwurf angesagt gewesen? Stimmlich eher an Cat Stevens erinnerte dann der gesangliche Vortrag von Steve Winwoods „Can‘t Find My Way Home“. Dazu gab es noch einige „Höhenflüge“ des Sopransaxofons zu erleben, ehe anschließend „Free Fallin‘“ von Tom Petty auf dem Programm stand. Neben „Cajun Moon“ von J.J. Cale rundete dann ein eigenes Arrangement von „Yesterday“ und die Eigenkomposition „Rainy Day“ das Eröffnungsprogramm ab.


Zwischen Orient und Brasilien: Triosence

In der Konzertankündigung las man folgende Zeilen: “Der Stern nennt sie „die neuen jungen Gesichter des deutschen Jazz“ und in der Tat sorgen sie seit Jahren zunehmend für Furore in der Fachpresse: „Der neue Meilenstein in Sachen Jazztrio“, „Klangtipp und Exempel für musikalische Dreieinigkeit“, „Ein unter die Haut gehendes Highlight“.

Seit zwei Jahrzehnten existiert dieses Trio um den Pianisten Bernhard Schüler, allerdings mit wechselnder Besetzung. Aktuell spielt Schüler, der  während des Konzerts stets die Nähe zu den Zuhörern suchte und die eine oder andere Geschichte zum besten gab, zusammen mit dem aus Kuba gebürtigen Kontrabassisten Omar Rodriguez Calvo und dem aus Kassel stammenden Drummer Tobias Schulte zusammen. Letzterer „bediente“ während des Konzerts nicht nur das klassische Schlagwerk mit Hi-Hat, Toms, Snare und Bassdrum, sondern auch einige Perkussionsinstrumente sowie Cajon und Damburka. Oder war es gar keine Damburka, sondern eine Tabla?

Gleich zu Beginn entführte uns das Trio mit orientalischen Klangspezereien auf die Arabische Halbinsel: „Arabische Prinzessin“ („Arabian Princess“) lautet der Titel der Komposition, wenn der Berichterstatter er richtig verstanden hat, was angesichts des ständigen Geschwafels des auch an der Bar stehenden Publikums nicht einfach war. Ein konstanter Geräuschpegel jenseits des Klangflusses war gegenwärtig. Konzentriertes Zuhören war dabei eine besondere Herausforderung und Kunst, was dann auch von Bernhard Schüler in einer Ansage kommentiert wurde, allerdings ohne Konsequenz.

Das eher lyrische Spiel Bernhard Schülers wurde von dezentem Blechgeschwirr und dem gestrichenen Bass begleitet. Konzertant war die Musik, die hier und da auch an eine klassische Etüde erinnerte, wenn nicht orientalische Anmutungen zu vernehmen waren.

Manchmal, so Bernhard Schüler, muss ein englischer Songtitel her, denn Tempomat klinge ja wirklich nicht sehr inspirierend und lädt auch gewiss nicht zum Träumen ein. Ganz anders sieht es doch mit „Cruise Control“ aus. Da kann man sich eine Fahrt in einem amerikanischen Straßenkreuzer der Marken Buik oder Chevrolet über die Route 66 oder den Highway No 1 schon eher vorstellen. So ging es mit dem Trio von Bernhard Schüler auf eine flotte Fahrt, bei der man auch den lauen Fahrtwind spüren konnte. Dass der Tempomat nicht richtig funktionierte, unterstrich wohl der Schlagzeuger mit seinem flotten Taktspiel, und auch der Bassist suggerierte mit quicklebendigen Fingersetzungen, dass Geschwindigkeit alles ist.

Nachfolgend fühlte man sich nach Afrika mitgenommen, dachte hier und da an westafrikanische Beats, aber nicht etwa an Pata-Pata. Auch Anmutungen von Gospel waren herauszuhören.  Den Takt gab dazu das Cajon an, auf dem Tobias Schulte Platz genommen hatte. In seiner Zwischenansage stellte Bernhard Schüler allerdings klar, dass Quelle der Inspiration für den Song der Pianist Keith Jarrett war. Im Alter von 16 Jahren habe er ein Jahr lang versucht, das Kölner Konzert nachzuspielen, jeden Tag. Das stellte seinen Vater, selbst Jazzliebhaber, aber eher Oskar Peterson zugetan, auf eine harte Probe, wie der Pianist mit einem Schmunzeln im Gesicht anfügte. Jedenfalls habe diese Beschäftigung auch für das eigene Spiel Spuren hinterlassen, was man auch an dem folgenden Song „Waiting“ gut nachvollziehen konnte.

Dass sich diese Komposition mit einer eher tragischen Liebesgeschichte verbindet, gehört wohl auch zu Schülers Biografie. Kummer, Schmerz und Leid seien, so Schüler, wohl auch wichtig, um kompositorische Ideen umzusetzen. Angesichts des Titels hätte man nun eine eher lyrische Konnotation mit mäßigem Tempo erwartet. Doch das Stück entwickelte sich sehr dynamisch. Hast und Eile schien eher zum Ausdruck gebracht zu werden als beharrliches Warten. Auch der solistische Auftritt des Bassisten hatte nichts von Pianissimo, und Lento sowie Adagio waren nicht das Gebot der Stunde. Wollte Bernhard Schüler mit dieser flotten Temposetzung eher die verpassten Chancen zum Ausdruck bringen, das Umtriebige, das nicht zum Erfolg führte? Die Angebetete hat sich nämlich, so Schüler, nicht ein Stück auf ihn zubewegt. So ist das manchmal im Leben!

Dass das Leben die besten Geschichten und Ideen für Kompositionen bereit hält, wurde klar, als Bernhard Schüler von seinem Brasilien-Urlaub und der Begegnung mit einem verschrobenen und verschlagenen Parkhausbesitzer erzählte, dem er ein Stück gewidmet hat. Dieser lebte auf dem Dach der Parkhausruine in einem Raum, der von einem riesigen Fernseher und einem Billardtisch ausgefüllt war. Mit ein wenig Latin Fever endete dann auch das Konzert während der Matinee. Dabei fehlten nur die feurigen Sambatänzerinnen im Kleinen Saal.


Acht Minuten nordischer Klang: 8minutes im Foyer

Unruhig war es im Foyer. Die Mischung aus Barbetrieb und Musikdarbietung kam der doch eher leisen, lyrischen Musik des Quartetts, bestehend aus Burkhard Terhard (drums), Thomas Strakhof (bass, vocals), Jörg Graeper (guitars) und Michael Ritter (e-piano), nicht wirklich entgegen. Dazu hätte man sich einen eher intimeren Ort gewünscht.

Das Programm der Band bestand aus Kompositionen des legendären Esbjörn Svensson Trios (E.S.T.!) und von Lars Danielsson, die für „nordischen Jazz“ jenseits des sogenannten Fjordsounds stehen. Entführt wurden wir mit der Musik in die Weiten der Alvaret auf Öland, des Hardangervidda und des Dovrefjells in Norwegen sowie in die scheinbar schiere Unendlichkeit Lapplands. „Elevation of Love“ (E.S.T.) eröffnete das kurze Konzert. Dabei verspürten die Zuhörer den nordischen Sommer  und die „weißen Nächte“. Klangrinnsale verströmte die Band, die zugleich die Landschaftsgemälde eines Johann Christian Dahls vor dem geistigen Auge des einen oder anderen Zuhörers entstehen ließ. Klanglich war die Dominanz des E-Pianos im Übrigen nicht zu ignorieren.

Beinahe klassisch war die Einleitung zu Lars Danielssons „Passacaglia“, im Kern ein Schreittanz und mit deutlichen Verweisen auf höfische Musik versehen. Das wurde noch durch den Gesang des Bassisten Thomas Strakhof unterstrichen, der sich wahrlich als „mittelalterlicher Barde“ erwies. Neben „Tuesday Wonderland“ stellte die Band  zum Schluss „Orange Market“ von Lars Danielsson vor. Bei „Tuesday Wonderland“ (E.S.T.) vernahm man auch durchaus Fragmente von Free Jazz. Ansonsten war aber diese Komposition sehr erzählerisch ausgerichtet, sprudelten Tastenklänge, hörte man Klangtropfen niedergehen, vernahm man einen lang gestrichenen Bass.


Finale Klangmalereien: Big Bowl Laksa

Rund um die „Hausband“ des Bunkers namens Laksa – das steht für ein asiatisches Nudelgericht der 1000 Zutaten – hatte sich eine spontane (?) Großformation gebildet. Dabei zeigte es sich, dass nicht viele Köche den Brei verderben, sondern dass in einer solchen Großformation mit zwei E-Bassisten, zwei Kontrabassisten, drei Gitarristen, einem Sazspieler einem Keyboarder, einer Reihe von Reeds, einschließlich eines Basssaxofons, und Hörnern die richtige Würze für ein opulentes Klangmenü gefunden werden kann. Zudem gab es noch einen mehrstimmigen Chor, der mit Huhuhu, Brrr und Ahaaha sowie vielstimmigem Getuschel für eine weitere Klangnuance sorgte. Ohne „Kapellmeister“ wäre ein solches Unterfangen nicht möglich. Ihm oblag es durch gezielte Handbewegungen, aber auch durch hochgehaltene Schrifttafeln den klanglichen Fluss zu bestimmen.

Tutti und Solos wechselten sich ab. Da traf dann auch mal Bop auf Big Band. Im Bluesmodus bewegten sich zeitweilig die Gitarristen, die bei anderer Gelegenheit für einen steten Rhythmus sorgten, ähnlich wie Brubeck in „Take Five“. Es gab Ahs und Wows zu vernehmen. Klarinette und Sopransaxofon erhoben ihre Stimmen über den beiden Kontrabässen.  Auch die türkische Langhalslaute Saz zeigte sich solistisch, ohne dass allerdings im Nachgang irgendeiner der anderen Musiker in die entsprechende Paraphrasierungen sorgte. So gab es immer wieder auch Kontraste und nicht nur Dialogisches. Insgesamt war es jedoch fulminant, was da als klangliches Nudelgericht serviert wurde.

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons.


Informationen

Bunker Ulmenwall Programm und mehr

http://bunker-ulmenwall.org/category/programm/

https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/8minutes-with-nordic-jazz-tunes/
https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/alle-jahre-wieder-weihnachtsmatinee-des-bunker-ulmenwall-bielefeld-am-26122016/
https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/lisa-stick-septett-im-bunker-ulmenwall-bielefeld-01-sept-2018/
https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/simon-below-quartett-bunker-ulmenwall-31-maerz-2018/
https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/meeting-point-bunker-ulmenwall-bielefeld/
https://www.jazzhalo.be/reviews/book-reviews/wilfried-klei-bunker-ulmenwall-ev-hrsg-these-walls-are-soaked-with-music-bunker-ulmenwall-bielefeld-geschichten-von-56-bis-morgen/


Musiker


www.loopahead.de


https://www.triosence.com


our partners:

Clemens Communications


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée

 

Special thanks to our photographers:

Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Federico Garcia
Robert Hansenne
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Nina Contini Melis
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken


and to our writers:

Mischa Andriessen
Robin Arends
Marleen Arnouts
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Federico Garcia
Paul Godderis
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Etienne Payen
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Iwein Van Malderen
Olivier Verhelst