Julien Marga Quartet – The Unspoken Land
J
Herbes Folles Records
In Belgien ist der Gitarrist Julien Marga kein Unbekannter; dennoch im Vorspann ein paar Zeilen über Julien Marga vorab: „Der französische Gitarrist Julien Marga begann nach einer ersten Ausbildung in Musiktheorie und klassischem Saxophon in seiner Kindheit im Jahr 2001 bei Frédéric Ponthieux mit dem Studium der klassischen Gitarre. Bereits als Teenager entwickelte Julien Marga eine starke Vorliebe für Jazz, was ihn dazu veranlasste, bei Andry Ravaloson in der Jazzklasse von Lomme und anschließend am Konservatorium von Lille bei Christophe Hache, Jérémie Ternoy und Alexis Thérain zu studieren. Er setzte seine akademische Laufbahn am Königlichen Konservatorium in Brüssel fort, wo er bei Fabien Degryse, Victor Da Costa, Jean Louis Rassinfosse, Pirly Zurstrassen, Arnould Massart, Manuel Hermia, Phil Abraham und Fabrice Alleman studierte, bevor er seinen Master am Koninklijk Conservatorium Antwerpen bei Frédérik Leroux erwarb.“ (Übersetzung n. der Homepage von Julien Marga)
Allein die Namen der oben aufgeführten Lehrer Margas lassen aufhorchen, angefangen beim Bassisten Rassinfosse bis zum Saxofonisten Manuel Hermia und dem Posaunisten Phil Abraham. Und nun legt Marga sein neuestes Album in Eigenregie vor. Nach dem auch bei Jazz‘halo besprochenen „HYPNOSIS“, einem mehrfach ausgezeichneten Album (TROPHÉE DU SUNSIDE, TREMPLIN COSMO JAZZ FESTIVAL, PUBLIKUMS- UND JURYPREISE BEIM TONNERRE DE JAZZ) und nach Tourneen durch Europa präsentiert das Quartett um den Gitarristen nun das Album „Unausgesprochenes Land“(Original The Unspoken Land). Der Titel erscheint durchaus rätselhaft, weiß man doch nicht, was damit gemeint ist. Gewiss ist jedoch, dass Marga durch Bill Frisell, Gilad Hekselman und John Scofield in seiner Musik beeinflusst wird. Übrigens: Der Albumtitel könnte metaphorisch zu interpretieren sein und für das Gefühl für Heimat und der Suche nach einem Sehnsuchtsort stehen.
Dies soll als allgemeine Einführung genügen. Widmen wir uns nun den „musikalischen Gefühlswelten“ des Quartetts: Der Eröffnungstitel des Albums wurde nicht von Julien Marga, sondern von dem Pianisten des Ensembles Geoffrey Fiorese komponiert. „Besungen“ wird ein hartes, ferromagnetisches Übergangsmetall namens Kobalt, im Englischen so wie auf dem Album aufgeführt: „Cobalt“. Zugleich muss man bei diesem Titel auch an Kobaltblau denken, oder? Der Pianist entfaltet gemeinsam mit dem Gitarristen einen ausufernden klanglichen Perlenfluss. Eine gewisse romantische Anlehnung ist nicht zu überhören. Der eine oder andere mag beim Hören auch an Chopin denken, oder? Auf jeden Fall steht der melodische Wohlklang im Fokus. Weiter geht es mit „Unfolding as One/Le Rocher des Doms“. Auch diese Titel machen neugierig, könnte doch die Inspiration zu dieser zuletzt genannten Komposition von einem Felsvorsprung über der Rhone in Avignon stammen.
Starke Tastensetzungen eröffnen das Stück „Unfolding as One“, gefolgt von hartem Drumming, ehe dann Julien Marga seine Weichzeichnungen in Klangbilder umsetzt. Unabhängig davon ist der Drummer Lucas Vanderputten der Rhythmusgeber, der einem gleichgetakteten Metronom gleicht. Darüber schweben die zarten Gitarrenklänge, entfalten sich distinkte Klangtropfen des Pianisten. Bisweilen hat man den Eindruck, dass der Gitarrenklang wie der eines Synth bzw. Rhodes klingt. Angenehm ist, dass Marga sich der Tradition der Jazzgitarre bewusst ist. Das hört man, wie im vorliegenden Stück, an seiner bereits oben angesprochenen stilistischen Anlehnung an Gitarristen wie Scofield. Übergangslos geht „Unfolding as One“ in den Track „Le Rocher des Doms“ über. Feinste „Tastenrinnsale“ sind auszumachen. Julien Marga lässt seine Gitarre teilweise wie einen E-Bass bzw. eine Bariton-Gitarre klingen, um dann durchaus auch in leicht rockige Sequenzen abzugleiten. Man denke dabei an den einen oder anderen Song von Peter Green und Fleetwood Mac zum Beispiel. Und vernehmen wir nicht schließlich in diesem Stück auch Rhodes- bzw. Keyboard-Klanginterventionen?
Nun folgt der Titelsong des Albums: „The Unspoken Land“. Gestisch beginnt der Pianist mit den ersten Takten des Stücks, dabei auch die Basshand zur Geltung bringend. Danach ergießt sich ein ungehinderter Tastenfluss, um ein Bild zu bemühen. Dabei agiert der Pianist vornehmlich im Diskant. Und auch das Spiel des Bassisten Jordi Cassagne scheint hier und da durch. Wie in den Stücken zuvor stehen allerdings Gitarrist und Pianist im Fokus, teilweise in einer direkten Zwiesprache vereint. Im weiteren Verlauf dringen auch sphärisch angehauchte Passagen an unser Ohr. Zudem meint man, man höre hier und da das durchaus lyrische Spiel eines John Scofield, oder?
„Ghost Lover“ (comp. G. Fiorese) – eine Anspielung auf das „Ghosting oder nicht? – „verwandelt“ sich im Fortgang des Albums in „In Between“. Bei dem „Geisterfreund“ hat es den Anschein, als lehnte sich der Pianist in seinen Tastenfigurationen an die berühmten Pianisten des Jazz an. Dabei muss man wohl auch an Billy Strayhorn denken, oder? Im weiteren Verlauf verbinden sich die Sequenzen des Pianisten und des Gitarristen wie in einer Doppelhelix. Das ist klanglich ein Hochgenuss! Auch der Bassist lässt sein Können aufblitzen, wenn er auch nicht wirklich solistisch im klassischen Sinne unterwegs ist, sondern von dem Drummer und Pianisten begleitet wird. Kommen wir nun zu „Zwischenraum“ – eine sehr freie deutsche Übersetzung von „In Between“. Wie in anderen Stücken auch ist eine Spur Lyrik nicht zu überhören. Überhaupt durchzieht auch Poesie jeweils die Stücke des Quartetts. Im vorliegenden Stück des „Zwischenraums“ geschieht das dank der melodischen Linien, die der Pianist verantwortet. Mit „Folk Song“ beschließt das Quartett die musikalische Reise ins „Unausgesprochene Land“. Fazit: Das Album ist ein wahrer akustischer Leckerbissen und außerdem Balsam für die Seele.
© ferdinand dupuis-panther
BANDCAMP https://herbesfollesrecords.bandcamp.com
Musicians
JULIEN MARGA GUITARS
GEOFFREY FIORESE PIANO, RHODES,KEYBOARDS
JORDI CASSAGNE DOUBLE BASS
LUCAS VANDERPUTTEN DRUMS
Tracks
1 - COBALT
2 - UNFOLDING AS ONE / LE ROCHER DES DOMS
3 - THE UNSPOKEN LAND
4 - GHOST LOVER
5 - IN BETWEEN
6 – EMILIO
7 - FOLK SONG
ALL TUNES COMPOSED BY JULIEN MARGA, EXCEPT COBALT AND GHOST LOVER BY GEOFFREY FIORESE















