Harry Mitchell, Karl Florison & Ben Vanderwal – Lugano
H
Bandcamp
Zeilen aus dem Einführungstext zum Album auf Bandcamp: „ …. Structured across two sides, the record features a sequence of pieces that blend and cross-fade into one continuous work, unfolding more like a single extended form than a collection of individual tracks. Live, the performance takes the recorded material as a starting point recreating the arc of the album while opening up sections for exploration. The group performs as an acoustic piano trio (piano, bass, drums), featuring ambient textures on guitar performed by Theo Carbo."
Nein, Bezeichnungen im klassischen Sinne gibt es für die Tracks nicht, sondern nur römische Ziffern. Das erscheint dann so, als gäbe es eine Sequenz von Tracks, ein Kontinuum mit Teilen, wie bereits im obigen Text angedeutet. Durch die serielle Benennung fehlt es an einer direkten Assoziation zwischen einem Namen xy und der Musik. Dies ist bewusst so gewählt, muss man unterstellen. Übrigens über das „Mastermind“ hinter „Lugano“, dem Drummer Ben Vanderwal, lesen wir: „Ben Vanderwal is one of Australia’s leading jazz drummers, acclaimed for his musicality, versatility, and collaborative spirit. A recipient of Australian Jazz Bell Awards and Freedman Jazz Fellowship nominations, he has performed and recorded with artists including John Scofield, Charlie Haden, Chris Potter, George Garzone, James Morrison, Kate Ceberano, Charlie Watts, and Tim Minchin.“
Also, dann mal Ohren auf für Jazz aus Perth (Western Australia): Gleichsam aus dem Off entfalten sich die Tastenklänge nebst Kontrabass-Sequenzen. Zu verdanken ist dies dem Pianisten Harry Mitchell und dem Bassisten Karl Florison. Beide breiten zu Beginn des Albums lyrische Passagen aus, die durchaus Assoziationen mit Frühling und Sommer zulassen. Ob es Bezüge zum Luganer See und zu Lugano nebst Umgebung wie Ascona oder Monte Bré gibt, ist eher unwahrscheinlich. Die Sequenzen, die wir hören, verknüpfen sich mit dem Bild von glitzerndem kabbeligem Wasser, mit Seglern im Wind. Filmmusik ist auch eine Assoziation, die man haben kann. Sehr dezent sind übrigens die Gitarrenpassagen gesetzt, die Theo Garbo verantwortet. Das nachfolgende Stück macht mit einigen dunklen Bass-Sequenzen auf, ehe dann der Pianist das musikalische Geschehen bestimmt. Im Hintergrund vernimmt man zurückhaltendes Drumming. Mitchell bedient sich in seinem Spiel auch der akzentuierenden Basshand und lässt nicht allein perlendes Tastenspiel hören. Raumechos und Rauminszenierungen per Synth sind zudem zu hören, zudem ein dunkles Dum, Dum, Dum des Bassisten. Auch das dritte Stück zeigt sich nicht als sehr dynamisch, gar explosiv und feurig, sondern beharrt im Duktus der vorherigen Stücke. Allerdings gehört Theo Carbo mehr Anteil an der musikalischen Inszenierung. Auffallend ist an den Stücken, dass sie nicht ausgespielt zu sein scheinen. Es ist auch nicht so, dass die Fäden, die in einem Stück gesponnen werden, vom nächsten direkt weitergesponnen werden. Themen der verschiedenen Stücke so auch in „IV“ ähneln sich durchaus.
Es liegt nahe, dass man von den einzelnen Stücken als Miniaturen redet, auch bei Stück „V“, das besonders getragen daherkommt. Ein wenig muss man an Kompositionen von Singer/Songwriter oder an irische Pub Singer denken, folgt man dem Melodie-Fluss des Stücks. Harry Mitchell ist ohne Frage auch in diesem Stück dominant. In dem Stück „VI“ ist das Zwiegespräch zwischen Gitarristen und Pianisten besonders hervorzuheben. Dabei schmelzen die Gitarrenklänge dahin, schweben über dem energiegeladenen Tastenspiel. „VII“ geht von „VI“ nahtlos über, dank an Theo Garbo, der den Duktus aus dem vorherigen Stück beibehält. Harry Mitchell lässt dazu Tastenklänge regnen. Doch all das vergeht, wenn „VIII“ zu hören ist. Hier sind auch elektronische Effekte mit eingebaut worden, um Klangbögen zu schaffen.
Wenn man so will, schafft das Quartett ganz eigene Bilder einer Ausstellung bzw. einer Hommage an Lugano, eine mediterrane Stadt im Tessin (Schweiz). Hier ist die Gelassenheit und das leben und leben lassen gegenwärtig. Das nimmt die Musik ohne Frage auf, auch in den Stücken „IX“ folgende. Wie gesagt, die Stücke ähneln Miniaturen. Es ist Musik, die zur Kontemplation, zum Nachsinnen und Innehalten anhält. Allerdings wird der eine oder andere Solos der verschiedenen Musiker vermissen, denn die gehören zum Jazz doch dazu, oder?
© f. dupuis-panther
Musicians
Matilda Abrahams - Vocals
Helen Shanahan - Vocals
Theo Carbo - Guitar, lapsteel, synth and Space echoing
Harry Mitchell - Piano, Melodica
Karl Florison - Double Bass
Ben Vanderwal - Drum set
Art: Ben Di Nunzio
Tracks
1. I 05:35
2. II 03:25
3. III 01:37
4. IV 03:03
5. V 04:57
6. VI 02:24
7. VII 01:40
8. VIII 03:16
9. IX 02:28
10. X 02:19
11. XI 02:11
12. XII 04:37
















