Flavio Zanuttini – Requiem For Democracy
F
AUT RECORDS
„"Requiem for Democracy“ ist eine weltliche Trauermesse, komponiert von Flavio Zanuttini. Die Suite versteht sich als Übergangsritus für die zeitgenössische Demokratie und weist auf die Möglichkeit neuer Formen hin, die besser zur Gegenwart passen. Das Ensemble vereint als Instrumente Trompete, Klarinette und Horn, erweitert durch die Elektronik des modularen Synthesizers. Der klassische Hintergrund von Miljan Minic (Klarinette) und Andrea Liani (Waldhorn) verflicht sich mit Zanuttinis improvisatorischer und elektronischer Praxis und lässt eine dichte und bildhafte Klangtextur entstehen. Die Musik entfaltet einen wechselnden Dialog zwischen akustischen Instrumenten und Elektronik und bewegt sich zwischen rituellen Anrufungen, fragmentierten Themen, rhythmischen Spannungen und schwebenden Texturen. Die Veröffentlichung wird durch einen Text der Anthropologin Giustina Selvelli bereichert, der den Hörer durch das Werk begleitet.“ So liest man es im Text des Labels zum Album, hier in deutscher Übersetzung.
Würde man diesen Text nicht zur Kenntnis bekommen, so könnte man den Albumtitel als Trauergesang für die Demokratie interpretieren, für eine Totenmesse oder gar Abgesang für die existierende offene Gesellschaft und damit zugleich als eine Befürwortung für eine geschlossene autoritäre Gesellschaftsform, wie sie in verschiedenen Teilen der Welt, vor allem in den USA unter Trump, existiert. Mit der Erläuterung, dass der Totengesang gleichsam als Hoffnung auf eine Erneuerung der Demokratie zu verstehen ist, verschiebt sich die Interpretation des Albumtitels.
Einem Weckruf gleicht die Einführung zum Album. Dieser ist dem Trompeter Flavio Zanuttini geschuldet. Anschließend erleben wir ein Klagen, wenn der Klarinettist Miljan Minic und der Hornist Andrea Liani zu hören sind. Übernimmt der Trompeter die musikalische Regie, dann setzt sich der Eindruck des Klagens fort. Auch eine gewisse Schwere ist auszumachen, wenn man sich auf Klarinette und Waldhorn in der Instrumentierung fokussiert. Exaltiert wirkt das Trompetenspiel in Teilen. Gegen Ende scheint der Trompeter Licht am Ende des Tunnels zu verkünden, ehe er wieder das Thema des Beginns aufgreift, getragen und gedankenschwer, so lässt es sich formulieren.
Mit „Kyrie Eleison“ folgt man der Struktur eines klassischen Requiems. Allerdings wird es kolportiert, persifliert, ironisiert, so der Höreindruck angesichts von Schnalzlauten und Gebläsefluss, von Kiekslauten und Atemturbulenz, von Flirren und Schwirren. Und dies stellt sich in Wiederholungen ein, auch ein Lippenflirren beim Ausatmen. Teilweise erleben wir nervöse Schreie, die der Trompeter ausstößt.
Klopfende Rhythmik und ein ebenso geartetes Trompetenspiel nebst Schlagwerk mit Ticketicketacketacke nehmen wir bei „Dies Irae“ wahr. Klarinette und Trompete bewegen sich im Dialog. Ist da etwa eine Posaune mit im Spiel? Wohl kaum, es muss sich ums Waldhorn handeln, dass eher dunklen Klangfärbungen zugetan ist. Zudem ist auch der Hornist rhythmisierend unterwegs, nicht allein der Schlagwerker. „Tuba Mirum“ baut auf Gebläseklang mit Hall. Synthklänge sorgen für ganz eigene tonale Färbungen. Lautstark ist der Trompeter zu vernehmen. Im Hintergrund hört man einen Klangteppich aus tibetischen Tröten, so meint man. Doch das ist alles dem eingesetzten Synth zu verdanken. Verdichtete Klangwolken werden zudem inszeniert. Trompetenschnattern dringt ans Ohr des Zuhörers.
Feines Klarinettenspiel, das sich wie in einem Loop wiederholt, hört man in „Lacrimosa“. Zugleich spielt der Waldhornist getragene Weisen, dezent und im Hintergrund agierend. Nach vorne drängt der Trompeter, der auch seine Stimme erhebt, als singe er eine Lobpreisung in kirchlichem Kontext. Was der Waldhornist hintergründig anstimmt, klingt ein wenig nach Kirchengesang. Nach „Hostias“ folgt als letztes Stück „Lux Aeterna“, typisch für ein klaysisch komponiertes Requiem bzw. eine Totenmesse klassischer Ausformung.
© ferdinand dupuis-panther 2026
Musicians
Flavio Zanuttini: trumpet, gong, modular synthesizer
Miljan Minic: clarinet (on tracks 1, 3, 5, 6 and 7)
Andrea Liani: french horn (on tracks 1, 3, 5, 6 and 7)
Marco D’Orlando: drums (on tracks 3 and 7)
Giustina Selvelli: text composition
TRACKLIST
01. Introito 01:33
02. Kyrie Eleison 2:45
03. Dies Irae 3:40
04. Tuba Mirum 4:56
05. Lacrimosa 2:53
06. Hostias 3:14
07. Lux Aeterna 4:04
















