Sparda JazzLounge Archestra in der Kunsthalle Recklinghausen, 16. März 2018

Mit der Reihe „Jazz in der Kunsthalle – Die Sparda Lounge“ wurde die Kunsthalle 2017/18 zum Konzertort. Für das erstmals organisierte Jazz-Programm zeichnete der Recklinghäuser Gitarrist Ingo Marmulla verantwortlich. Dabei umspannt das Programm der Konzertreihe den Swing ebenso wie Modern Jazz. Wer übrigens die aktuelle Sonderausstellung in der Kunsthalle besuchen will, kann dies bei freiem Eintritt tun.

Zum Finale der Konzertreihe lud das Jazz Lounge Arkestra unter der „Leitung“ von Ingo Marmulla (Gitarre) ein. Dieser Einladung folgten an einem frühen Freitagabend so viele Jazzfreunde, dass die aufgestellten Stühle gar nicht ausreichten.



Standards standen nicht im Fokus

Mit dem Jazz Lounge Arkestra spielte in der Kunsthalle ein großes Ensemble auf. Eigene Kompositionen – dafür zeichnete der „Kapellmeister des Abends“ Ingo Marmulla verantwortlich –  changierten zwischen Arrangiertem und dem Geiste von Free Jazz sowie Improvisiertem. Solistische Aufsprengungen des Septetts waren ebenso Teil des musikalischen Handelns wie das kollektive musikalische Agieren. So wurde gleichsam bildlich ein Feuerwerk des Jazz der Gegenwart gezündet.

Betont werden muss an dieser Stelle, dass es nicht mehrheitlich arrangierte und interpretierte Standards zu hören gab, sieht man mal von einer Komposition Benny Goodmans ab, die aber eben nicht im Swingstil vorgetragen wurde. Auf die lyrischen Zeilen aus „Goodbye“ wie „My heart is broken,/But what care I?/Such pride inside me has woken,/I'll try my best not to cry, ...“ und Vocals konnte man gut ud gerne verzichten, denn das tat dem zu erlebenden musikalischen Wirbelwind in der Kunsthalle ganz und gar keinen Abbruch. Noch ein weiterer Standard, u. a. auch von Frank Sinatra und Sarah Vaughan vorgetragen, gab es an diesem Jazzabend in der Kunsthalle zu hören: „I' am glad there is you“ von Jimmy Dorsey.


Zum teilweisen Inferno und zum gezündeten musikalischen Feuerwerk, zum Elegischen sowie Expressionistischen sowie zu den Rockattitüden, zum Balladenhaften und schließlich Bluesigem trugen neben Ingo Marmulla – dieser zeigte in seinen Bewegungen und Haltungen, dass er sich ganz und gar auf die Musik einließ, gleichsam sprichwörtlich hineinkniete  – auch die anderen Musiker des Septetts bei: Thomas Hufschmidt (Piano), Caspar van Meel (Bass), Bernd Gremm (Schlagzeug), Katrin Scherer (Bariton-/Altsaxophon), Florian Boos (Tenorsaxophon) und Matthias Bergmann (FlügelhornTtrompete).


Italien traf Recklinghausen

Italien tauchte in der einen oder anderen Weise immer wieder auf, ob auf der Suche nach dem David in Florenz oder einem Tag am Meer an der kalabrischen Küste. So begann auch der sehr abwechslungsreich gestaltete Abend mit dem italienischen „Danza Folkloristica“ und einem Solo von Ingo Marmulla, der einem schnörkellosen und unverblendeten Jazzgitarrenspiel den Vorzug gegenüber allzu viel elektronischen Effekthaschereien gab. Wer dann eine verjazzte Tarantella erwartet hatte, der hatte nicht damit gerechnet, dass der Italien-Urlaub nur Anregung für das Stück aus der Feder Marmullas war.

Der solistische Gitarrenklang war kaum verhallt, da zeichnete für uns Florian Boos mit seinem Tenorsaxofon eine Badeszene, konnte man sich aufgrund der Melodiekontur sachte Wellen des Mittelmeers vorstellen, derweil sich Ingo Marmulla tänzelnd über die Bühne bewegte. Bereits bei den ersten Takten des Stücks wurde klar, dass hier nicht einer der Musiker ausschließlich die Klangfärbung bestimmte, sondern ein musikalischer Staffellauf zu verfolgen war, an dem Matthias Bergmann ebenso teilnahm wie Bernd Gremm an seinen Blechen oder Thomas Hufschmidt an den Tasten des Keyboards. Irgendwie entwickelte sich ein nicht endender Klangfluss, für den Ingo Marmulla ab und an mit scharf gesetzten Akkorden knappe Zäsuren einfügte. Dass Altsaxofon, Trompete und Tenorsaxofon geballte Bläsermacht sein können, wurde bei dem entsprechenden Vortrag auch unter Beweis gestellt.


Alltag auf der 711 Street

Als nächstes Stück stand dann „711 Street“ auf dem Programm, aus der Feder von Marmulla stammend und auch auf einer seiner CDs zu finden. Hinein ging es in den Großstadtalltag, so jedenfalls der Eindruck, als Matthias Bergmann am Flügelhorn und Katrin Scherer am Altsaxofon ihre Stimmen erhoben. Stop-and-go, Verkehrsgewühle, hastende Passanten, überfüllte Busse, genervte Aktenkofferträger – all dies wurde theatralisch-musikalisch inszeniert. Tiefgründig agierte dazu Caspar van Meel an seinem Bass. Geschnatter, Aufregung, Streit, Handykommunikation in voller Lautstärke, das schienen die Bläser im weiteren Verlauf des Stücks zu vermitteln. In den allgegenwärtigen Alltagsstress stimmte auch Ingo Marmulla auf der Gitarre ein. Hier und da schien der Free Jazz ganz nahe, um dann in den Jazz des 1960er Jahre zu mutieren.

Zwischenzeitlich trieb Ingo Marmulla mit großen Gesten und Fingerzeigen die Bläser an. Immer wieder traten einzelne Bläser auch heraus, so Katrin Scherer, die mit klaren Konturen das Straßenbild der 711 Street umriss. Schließlich schien auch Kakophones im Fokus zu stehen, dabei das Chaos des Alltags zur Rush Hour einfangend, oder?

Mit Big-Band-Anmutungen kam „Your love came down on me“ daher. Dabei schienen die drei Bläser in ihrem „Wechselgesang“ intensiv vertieft zu sein. Griff Ingo Marmulla in die Saiten, so waren Jim Hall und Joe Pass viel näher als Pat Metheney. Dank dieser Interventionen wurden auch die Facetten der Klangformen erweitert, und die Tutti und Solos einer Big Band durchbrochen. Neben dem Bass trat übrigens auch ein weiterer Tieftöner in Erscheinung, da Katrin Scherer vom Alt- zum Baritonsaxofon wechselte und es röhren, brummen, grunzen und schnurren ließ.


Die Zeit floss dahin

Eine Hommage an den Posaunisten Jimmy Dorsey gab es, wie bereits oben erwähnt, zudem. Balladenhaft war der Charakter dieser Komposition, bei der es an Trompete und Piano war, besondere Akzente zu setzen. Ein wenig unter Zeitdruck schienen die Musiker zu stehen, sollte das erste Set ja nur 35 Minuten dauern und fünf Stücke zu hören sein. So schien hier und da der Prozess des ausschweifenden Improvisierens abgekürzt worden zu sein. Das galt auch für den Song „Stundenglas“ („Horöloge“). Die Pause rückte näher, und die Zeit rann dahin.

Rede und Widerrede, Rabatz und beinahe auch Krawall der exaltierten Bläser drangen ans Ohr der überaus zahlreich Erschienenen. Das schien Free Jazz vom Feinsten zu sein. Nach diesem Klangausbruch fanden die drei Bläser des Septetts wieder zu einer melodisch anmutenden Struktur zusammen. Nachdem Katrin Scherer solistisch hervorgetreten war, war es an Caspar van Meel die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen, auch mit Strichen auf den Saiten. Fast gegen Ende des Stücks schienen die Bläser „Vorwärts!“ - „Mach mal hin!“ zu signalisieren.


Blaue Linien, Blicke von oben und ...

Für das zweite Set kündigte Ingo Marmulla kürzere Versionen der Stücke an, so auch für „Blue Lines“. Dabei fragte man sich, welche Linienformen Gitarre und Bläser eigentlich vor unseren Augen zeichneten, ob mit spitzem Stift oder breitem Borstenpinsel. Kreuz und quer ging die Linienführung, als Florian Boos sein Tenorsaxofon an die Lippen setzte und loslegte. Höhenlinien schien Ingo Marmulla auf seinem Sechssaiter einzuziehen, und Matthias Bergmann überlagerte dies mit seinem ganz eigenen musikalischen Liniensatz. Im Tutti zeichneten sich sprühende Leuchtlinien ab. Nach derartigem spannungsgeladenen Spiel folgte anschließend die Entladung.

Da Stücke Titel brauchen, so Ingo Marmulla, habe er nach einer Bergwanderung in Graubünden, die Idee zu „Looking from above“ gehabt. Den unverstellten Blick über die Bergketten und hinab in die Täler fingen die Musiker vortrefflich ein. Auch eine gewisse Unbeschwertheit war zu hören. Beschwingte Schritte konnte man aus Ingo Marmullas Riffs herauslesen.

Abschiedsschmerz dechiffrierte man leicht aus der Interpretation von Goodman's „Goodbye“. Auch das Trompetensolo besaß wehmütigen Charakter. Swing war ganz und gar fern, wenn auch der Eindruck von Tanzmusik der 1950er Jahre sich nicht ganz wegwischen ließ.

Das letzte Stück, wieder von Ingo Marmulla komponiert, geht auf die Suche Marmullas nach Michelangelos Original-David zurück, als er eine Florenz-Reise unternahm.  Waren da nicht Adderley-Arrangements gepaart mit rockigen Geschmacksnoten zu vernehmen?

Die Zugabe war eingeplant, und sie gab es dann auch: „Blues at the River“. Damit endete die Konzertreihe und der gelungene Abend in der Kunsthalle. Mehr mögen folgen, kann man nur hoffen.

Text: © ferdinand dupuis-panther /Text und Fotos sind nicht public commons!

Informationen
http://www.stiftung-sparda-west.de/kunsthallerecklingen_spardalounge2018.php
http://www.stiftung-sparda-west.de/index.php
http://www.kunsthalle-recklinghausen.com/index.php?id=282

Ingo Marmulla
http://www.ingo-marmulla.de/

Katrin Scherer
http://www.jazzhalo.be/interviews/katrin-scherer-auf-den-moment-kommt-es-an-im-gespraech-mit-der-koelner-altsaxofonistin/
http://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/katrin-scherers-momentum-am-15-mai-2015-im-cuba-muenster/

Matthias Bergmann
http://www.jazzhalo.be/reviews/cdlp-reviews/m/matthias-bergmann-all-the-light/
http://matthiasbergmann.koeln/

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