Jazz Today: Christian Marien 4tet

Black Box Münster 26.3.2026






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„Musik, die einen so an das Jetzt fesselt, dass es einen alles andere und sogar die Zeit vergessen lässt. Ausgetüftelt und aufgekratzt und so kurios groovy wie Chaplins Brötchentanz…” So liest man es in einem Kommentar von Rigobert Dittmann (Bad Alchemy) zur Musik des aus dem Münsterland stammenden und nun schon lange in Berlin lebenden Schlagzeugers Christian Marien.



„Im neu gegründeten Christian Marien Quartett stehen mit Tobias Delius (sax, cl), Jasper Stadhouders (g) und Antonio Borghini (b) beseelte Meister ihres Faches auf der Bühne, die genau im Geiste von Jazz als „Musik der Freiheit“ spielen. Es ist das erste Ensemble, das der Berliner Schlagzeuger unter eigenem Namen an den Start bringt. Es wird natürlich improvisiert, und auch Christian Mariens Kompositionen sind vor allem dazu da, immer wieder neu erfunden zu werden.“ So weitere Zeilen aus der Konzertankündigung. Und in diesem Kontext noch ein sinngemäß zitierter O-Ton von Christian Marien: „Also es gibt keine Setliste, auch wenn es ein Release-Konzert ist. Und nach dem Konzert habe ich das, was wir gespielt haben, vergessen.“


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Na dann konnte man sich auf ein Konzert freuen, dass nicht in ein Korsett geschnürt wurde, sondern sich im freien Spiel der Musiker entwickelte. Dass es hier und da musikalische Zitate aus dem reichen Schatz der Jazzgeschichte gab, sei vorab erwähnt. Bei der „Zugabe“ meinte man gar, Tobias Delius würde gleich durch die Black Box tanzen, spielte er doch zunächst einen Rumba, so der Anschein, und dann Musik für den Ballroom-Dance. Nicht nur von diesem letzten Stück des Abends war die Schar der Zuhörer restlos begeistert.

Zu Beginn traf ein kehliges, röhrendes, schwirrendes, flirrendes Saxofon in den Händen von Tobias Delius auf die tanzenden Stöcke des Schlagzeugers Christian Marien, der Hanging Tom und Snare traktierte. Zugleich präsentierte uns der Gitarrist Jasper Stadhouders impressionistische Klänge zwischen Saiten-Bünden. Besen wischten über Felle und der Bassist Antonio Borghini vertiefte sich in die dunklen Färbungen seines Tieftöners.

   
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Furioso oder Crescendo – das stellte sich im Fortgang als Frage. Klänge, die sich überschlugen, aufzehrten und wieder ausspien, konnten wir erleben, dank nicht nur an den Saxofonisten. Das Tempo wurde gesteigert; doch die finale Eruption blieb aus. Melodiöse Linien lagen in den Händen des Gitarristen, der diese aber auch zu konterkarieren wusste. Atemluft strich durch das S-Rohr des Tenorsaxofons. Doch Tobias Delius beließ es nicht dabei, sondern griff auch zur Klarinette. Diese strahlte nur teilweise einen warmen Klang aus. Ab und an schien Aufregung mit im Klarinettenspiel. Das große Becken wurde durch schabende Bewegung in Schwingungen gebracht. Spielte der Gitarrist nicht zwischendurch auch Variationen von Volksweisen? Dabei schien er ein wenig Mittsommer einzufangen, so der Höreindruck. Im weiteren Fortgang wandelte das Quartett stellenweisen auf den Spuren eines Zirkusorchesters, folgte man den Linien und Schraffuren des Spiels.

   
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Solistisch war nicht nur Christian Marien, sondern auch Jasper Stadhouders unterwegs. Doch dies folgte keinem Schema, entstand eher spontan, war Teil des Spielflusses und der Spielfreude. Schiffshörner waren zeitweilig zu vernehmen und auch das Bogenspiel auf dem Bass jenseits des Stegs. Das hatte dann Ecken und Kanten, die für den Jazz so typisch sind.

Auch wenn es so schien, dass die Ensemblemitglieder auf unterschiedlichen Kreislaufbahnen unterwegs waren, so vereinten sie sich dann doch gegen Ende eines jeweiligen Stücks in einer thematischen Struktur mit und ohne Pling-Pling von kurz angerissenen Gitarrensaiten. Auch der Saxofonist, dessen Spiel vielfach auf Aufregung deutete, stimmte dann in einen gemeinsamen Kanon ein. Unermüdlich und mit „tänzerischen Bewegungen“ agierte derweil Christian Marien. Er war nicht Motor des Quartetts, sondern Gleicher unter Gleichen. Das Quartett bildete keinen monolithischen Block, sondern zerfiel in Teile, wie das Zusammenspiel zwischen Saxofonisten und Gitarristen zeigte. Dabei entstanden Dialog und Kontroverse im besten Sinne. Der Bassist war nicht Staffage, sondern durchaus Wortführer auf Zeit, auch mit knarrenden und knarzenden Saiten unter seinen Fingern oder der schlagenden flachen Hand.

   
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Was war das denn? Triumphierendes Vogelpfeifen auf einer sogenannte Nasen- oder Vogelpfeife? Doch diese spielte Tobias Delius gar nicht, sondern nur seine Holzbläser, denen er derartige Klangspektakel entlockte. Und dieser Hinhörer ging in Klangwelten des Saxofonisten über, die an Hanns Eisler denken ließen.

Ein „sägender Bass“ traf im Übrigen auf einen Schlagwerker, der an einem kleinen Drumset saß und sich nicht mit einer Vielzahl von Becken und Toms zugebaut hatte. Das, was an Trommeln und Blechen vorhanden war, war völlig ausreichend, um für rhythmische Verwirbelungen zu sorgen. Auch „Paukenschläge“ erlebten die Zuhöher, gleichsam Weckrufe, denen sich auch der Gitarrist auf seinem Saiteninstrument anschloss. Bläserwucht traf im Konzert auf fein ziselierte Saitenklänge. Beide bildeten gelegentlich eine Helix, näherten sich an und entfernten sich. Stets war Aktion zu erleben, auch Interaktion mit und ohne Mimenspiel.

Dass Jazz Körperarbeit ist, unterstrichen alle Musiker auf der „Bühne“ der Schwarzen Kiste. Tief gebeugt agierte zum Beispiel der Bassist, der auch ein Lächeln zeigte. Selbst der Saxofonist verfiel bei seinem Spiel in tänzerische Schrittfolgen. Organisch agierte der Schlagzeuger, der nicht nur die Felle bearbeitete, sondern stellenweise auch den Korpus der jeweiligen Elemente des Schlagzeugs. Dass nicht allein Besen und Schlagstöcke für Schwingungen sorgen konnten, zeigten die schlagenden Handflächen und Fingerkuppen, die Christian Marien einsetzte.

   
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„Sirenengesänge“ hörte man im Verlauf des Konzerts auch. Vielleicht sollte man eher vom Trompetengesang von Schwänen reden, der vom Saxofonisten dargeboten wurde. Teilweise war dessen Spiel fordernd und herausfordernd. Gerichtet war dies vor allem an Jasper Stadhouders, der auf dass RRRRR des Holzbläsers mit seinen Klangeigenheiten antwortete. „Ein Rhythmusduell“ zwischen Schlagwerker und Bassisten wurde den Anwesenden im Konzertfortgang obendrein geboten.


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Eigentlich hörten wir einzelne Stücke, die aber miteinander zu einem Kontinuum verschmolzen. Selten lauschte man getragenen Klängen. Zumeist waren wir bei Klangprovokationen zugegen. Wellenkämme des Klangs wurden gemeistert und eine Art Jazz-Pogo gaben die vier Musiker auch zum Besten. Temporeichtum war Teil des musikalischen Konzepts. Free Jazz oder doch nicht – das mag den einen oder anderen beim Zuhören bewegt haben. Mitreißend war der Abend auf alle Fälle. Zwischenbeifall und lang anhaltender Schlussbeifall unterstrichen, dass das Publikum begeistert war. Dabei schien es völlig nebensächlich, ob und welche Stücke aus dem im Dezember 2025 erschienenen Album „Beyond the Fingertips“ gespielt wurde. Ansagen dazu gab es eh nicht. Und das hatte Christian Marien ja schon vor Konzertbeginn angedeutet.

© text und fotos f. dupuis-panther/a.panther


Info

cuba-muenster.de

Musicians
Tobias Delius – Tenorsaxophon, Klarinette
Jasper Stadhouders – Gitarre
Antonio Borghini – Kontrabass
Christian Marien – Schlagzeug


CD reviews
https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlpk7-reviews/c/christian-marien-quartett-how-long-is-now/
https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlpk7-reviews/c/christian-marien-solo-the-sun-has-set-the-drums-are-beating/
https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlpk7-reviews/c/christian-marien-quartett-beyond-the-fingertips/

Interview
https://www.jazzhalo.be/interviews/christian-marien-interview-mit-dem-aus-muenster-gebuertigen-in-berlin-lebenden-drummer/

Concert Review
https://www.jazzhalo.be/reviews/concert-reviews/christian-marien-quartett-how-long-is-now-live/


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