Richard Koch Quartett – Wald

Richard Koch Quartett – Wald

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Der aus Österreich gebürtige, nunmehr seit zwei Jahrzehnten in Berlin lebende Trompeter Richard Koch nimmt uns mit seinem Debütalbum auf eine Waldexkursion mit. Schenkt man dem Pressetext zum Album Glauben, wurden die Stücke, die wir auf dem Album hören, im Wald komponiert, allerdings nicht in einem Berlin nahen Forst oder im Berliner Grunewald – das wäre ja allzu naheliegend – , sondern auf Vlieland, einer niederländischen Insel!

Im Pressetext zum Album heißt es im Weiteren: „Auch Richard Koch ist ein Psychedeliker der feinsten Sorte. Immer findet sich bei ihm das Großeim Kleinen, und im winzig Kleinen wiederum das ganze Große.
Melancholie und Witz übergeben seine Quartettmitglieder einander wie einen kostbaren Staffelstab, ...“.

Maurice Summen hat in seinem Text zum Album des weiteren schöne Bilder gefunden, um das Schaffen Richard Kochs, insbesondere das Interdisziplinäre, zu umreißen. Ihn würden dabei stets die Übergänge beschäftigen: „Von der Wurzelschicht (der Bassbereich?) bis zur Baumschicht (die Obertöne?) und als fallendes, welkes Blatt schließlich wieder nach unten in Richtung Wurzelschicht.“

Ob jedoch der Vergleich mit dem Tijuana-Trompeter Herb Alpert oder aber mit Donald Byrd stimmig ist, das mag mal jeder Hörer selbst entscheiden.  Gedämpftes tritt bei Koch neben einer gewissen Rotzigkeit zutage, ein Rappeln und Rumpeln neben ein wenig Verspieltheit, um nicht von Clowneskheit zu sprechen. Volkstümliches steht neben dem freien Geist, der dem Jazz einfach innewohnt.

Ohne den Drummer Andi Haberl, den Pianisten Michael Hornek und den Bassisten Andreas Lang wäre Richard Koch, der unter anderem in Wien, Stuttgart und Berlin studiert hat, gänzlich zahnlos. So aber zeigt der Trompeter Biss und Bissigkeit, Ironie und Sarkasmus, ohne Worte, aber mit Akkordfolgen. Richard Koch sind im Übrigen die Übergänge vom Jazz zur Neuer Musik ebenso wenig fremd wie die Pop- und Rockwelt, was seine bisherige Zusammenarbeit z B. mit Peter Fox und den Beatsteaks  unterstreicht.

Mit „Moped“ macht das Album auf; danach folgen Stücke wie „Mond“ sowie „Jan+Erna“. Auch dem „Wald“ und dem „Regen“ wurden Kompositionen gewidmet. Zum Ausklang hat sich das Quartett dem Stück „Der Herbst“ verschrieben.

Bass und Drums legen bei „Moped“ vor, ehe dann Richard Koch vorwitzig und laut ins musikalische Geschehen eindringt. Irgendwie ist die Melodielinie des Stücks sehr volkstümlich und als melodischer Ohrwurm angelegt worden. Die Trompete brummelt und wummert. Es klingt bisweilen nach modernem Humpda-Humpda.

Raum gibt der Bandleader Richard Koch bereits zu Beginn. So können sich dann auch der Pianist Michael Hornek und der Bassist Andreas Lang in einem „Duett“ so richtig gehen lassen. Der Rhythmus, der zu vernehmen ist, ist mit rockigen Fäden gewirkt worden. Im Pianospiel schlagen die Töne regelrecht Purzelbäume. Ätzend, blubbernd, quakend und spitz meldet sich die Trompete zu Wort. Funk weht ein wenig an unser Ohr, aber vor allem Jazz Rock, der ja nun historisch nicht auf das United Jazz und Rock Ensemble beschränkt ist. Ruhiger geht es zu, wenn der Bass am Ende des Stücks noch ein Solo aufs Parkett hinlegt.

Was wir zu Beginn des Stücks „Mond“ erleben, erinnert musikalisch mehr an „Spukgeschichten um Mitternacht“, wenn wir dem Ensemble eine narrative Ausrichtung unterstellen. Zarter Trompetenklang stößt auf flirrende Becken und gehemmte und abgedämpfte Klavierpassagen, die den Vollklang des Tastenspiels vermissen lassen. Schlägel fallen auf die diversen Felle des Schlagwerks. Und dazu vernehmen wir noch immer das Dong-dong des Tastenmöbels. Spitzzüngig, aber auch weich in der Färbung gibt sich die Trompete zum Ausklang der Stücks.

Moritat oder Bänkelgesang – das sind die Assoziationen, die sich spontan beim Zuhören von „Jan+Erna“ aufdrängen. Das ändert sich erst, wenn die gedämpfte Trompete sich weitgehend gehen lässt, sich auf Paraphrasierungen und Improvisationen ausrichtet. Hier und da meint man, auch ein wenig Weill und Eisler eingebunden zu sehen. Im Verlauf des Stücks entstehen Dramatisierungen, wird Ungebundenheit zur Schau getragen, ehe dann doch wieder Gebundenheit und Verwurzelung zum Thema gemacht wird. Dabei scheint es, dass einige ausladende Konturen der Komposition vom Pianisten Michael Hornek auf die musikalische Leinwand übertragen werden. Danach kehren wir wieder zum Moritatenhaften zurück. Vielleicht könnte man bei „Jan+Erna“ auch von einem mehrstrophigen Couplet ohne Worte sprechen.

Ja, da ist er ja der „Regen“: Wenn Hornek ganz und gar im Diskant seine kurzen Tastenschläge setzt, dann muss man an feinste Regentropfen denken, die auf dem Pflaster aufschlagen, auch wenn dieser Eindruck alsbald durch die beschwingt gestimmte Trompete beiseite gedrängt wird. In einigen Abschnitten muss man von bester Tanzmusik sprechen, die das Quartett zu Gehör bringt, ehe sich danach erneute Regenbilder aufdrängen, Bilder von stetem Nieselregen und von größer werdenden flachen Pfützen auf dem Gehweg. Es scheint, als ob der Regen gar nicht mehr aufhöre.

Was sind eigentlich „Wolpertinger“ und wieso kommen die so rockig daher? Das fragt man sich angesichts des gleichnamigen Stücks. Über dem Rockigen der Rhythmusgruppe erhebt sich eine rotzig-frech gestimmte Trompete, die schnauzt, schwadroniert, auftrumpft, kommentiert und ganz und gar nicht leise ist, ob gedämpft oder aber ungedämpft. Was das allerdings mit dem bayerischen Fabelwesen auf sich hat, das Wolpertinger genannt wird, müsste man wohl am besten Richard Koch fragen.

Übrigens, das Fabelwesen besteht aus dem Körper eines Hasen, hat Entenflügel statt Vorderläufe und auf dem Kopf sitzt das Geweih eines Hirsches. So bunt gestrickt sind allerdings die Melodielinie und die Klangfärbung des Stücks eher nicht, auch wenn es sich aufgrund des rockigen Duktus von den übrigen Aufnahmen des Albums deutlich abhebt.

Text © ferdinand dupuis-panther / The review is not public commons!

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