Riccardo Chiarion – Arabesques

Riccardo Chiarion – Arabesques

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Caligola

„Zehn Jahre nach „Waves“ – seinem dritten Album als Bandleader für Caligola nach „Sirene“ (2012, mit Michele Polga) und „Mosaico“ (2013, mit Pietro Tonolo) – kehrt der Gitarrist Riccardo Chiarion zum venezianischen Label Caligola zurück. Diesmal steht er an der Spitze eines Trios, in dem zwei aufstrebende Talente der italienischen Jazzszene zu hören sind: Paolo Jus, Bassist aus Friaul – ehemals einer von Chiarions Schülern am Konservatorium von Triest – und Francesco Vattovaz, ein jüngerer Schlagzeuger aus Triest. «Arabesques» enthält neun Kompositionen von Chiarion, die sich durch elegante Harmonien und ein solides, dynamisches rhythmisches Design auszeichnen. Jus und Vattovaz – Musiker mit makelloser Technik, aber dennoch flexibel und zutiefst einfühlsam – führen einen kontinuierlichen und bereichernden Dialog mit der Gitarre des Bandleaders. Die Musik des Trios zeichnet sich durch ein ständiges Wechselspiel improvisierter Linien zwischen allen drei Instrumenten aus, das sich in einer reichhaltigen und abwechslungsreichen harmonischen Landschaft entfaltet. Das Ergebnis ist ein subtiles und sich ständig weiterentwickelndes Gleichgewicht aus klanglichen Texturen und verwobenen Klangfarben.“ So liest man es in einem Pressetext des Labels über das vorliegende Album.

Ehe wir uns nachstehend der Musik widmen, vorab noch ein paar Zeilen zum Albumtitel: Die Arabeske (aus dem Französischen, auch: Arabesque) ist in ihrem Ursprung ein orientalisches Ornament (eine Verzierung, siehe Arabeske). Der Begriff wird in der Musik unter anderem als ein an keine Formen gebundenes, heiteres, blumiges, delikates und besonders fürs Klavier komponiertes Musikstück verwendet. Beispielsweise haben Robert Schumann (Arabeske op. 18) und Claude Debussy (Deux Arabesques) Arabesken geschrieben. Und nun also ist der Gitarrist Chiarion mit Arabesken zu erleben. Er führt insoweit eine Änderung auch gegenüber der o.g. Begriffserläuterung zu Arabeske ein, als wir kein Klaviertrio hören.

Der „Titelsong“ steht am Anfang des Albums „Arabesques: Im Gedächtnis bleibt das „verzierende Spiel“ des Gitarristen, der gewiss auch an Bill Frisell und andere Saitenkönner der Gegenwart denken lässt. Umsichtig agiert der E-Bassist in seinen Phrasierungen. Dabei sorgt er weniger für die tief-dunklen Klänge, sondern zeigt auf, dass ein E-Bassist auch und gerade im Duo mit dem Gitarristen einen Sinn für Klangziselierungen in höheren Lagen hat. Ja, fürwahr das Spiel des Trios ist heiter, insbesondere weil der Gitarrist die Klangfärbungen in Richtung auf Pastellnuancen verschiebt, wenn er solistisch zu hören ist. Sein Spiel verheißt Frühlingsgrün und Sommerleichtigkeit.

In der Folge stellt das Trio „Snow Dance“ vor. Mit Trommelwirbel und Beckengeschwirr eröffnet das Stück. In die Schlagwerkdramatik greift der Gitarrist mit seinen beinahe lyrischen Sequenzen ein. Er reiht seine Klänge wie Perlen an einer Schnur auf. Derweil setzt der Bassist im Hintergrund dunkle Zäsuren. Doch das leichte Spiel des Gitarristen dominiert. Teilweise hat das Stück auch eine gewisse Rocknote, müssen wir an Jeff Beck und Peter Green denken, oder? Beim Solo des Bassisten, das obendrein zu hören ist, verstärkt sich der Eindruck davon, dass wir keinen „Schneetanz“ sondern eher einen Mittsommer-Tanz erleben.

Mit „Hidden Blues“ wird das Album fortgesetzt. Ja, der Blues ist nicht zu überhören, dank an den Gitarristen. Wir meinen gar den monotonen Gesang der Workgang zu hören. Schwere und Besinnlichkeit sind auszumachen. Es ist im Kern genuin afroamerikanische Musik, die aus der prekären Lebenssituation der Afroamerikaner entstanden ist. Diskriminierung und Segregation waren Alltag und das bekamen auch bekannte Jazzmusiker zu spüren, ob Ella Fitzgerald oder Miles Davis. Und nun nimmt sich ein italienisches Trio dieser Musik an und verdeutlicht, dass auch „weiße Musiker“ den Blues empfinden können. Kulturelle Aneignung – nun ja, eine sehr bizarre Debatte in diesem Fall. Man genieße lieber auch das Solo des E-Bassisten, der dem Blues dunkles Timbre einhaucht.

Nach „Sofia“ folgt „Short Story“: Bass-Schritte treffen auf schrilles Beckenspiel und ein gewisses Tack-Tack. Der Gitarrist breitet im Verlauf des Stücks seine Saiten-Brillanz vor uns Zuhörern aus. Ihm verdanken wir so etwas wie einen Klangfluss. Die Akkorde gleiten an unseren Ohren vorbei. Doch welche Kurzgeschichte erzählen sie? Vielleicht eine von einem Paar, das sehnsüchtig auf ein Treffen wartet, von Abschied und dem Versprechen der Wiederkehr? Die Musik gleicht einer Melange von den Saitenkünsten des Bassisten und des E-Gitarristen. Dabei wandert der E-Bassist durchaus ins Feld von Rock bzw. Fusion, oder?

Nachdem das Trio „Seven“ vollendet hat, geht es ihm um „Hoffnungen“ („ Hopes“) mit getragenem Duktus. Dabei ist eine gewisse Melancholie nicht zu überhören. Doch der Gitarrist ist im Verlauf des Stücks in der Lage, diese Melancholie zu überspielen. Mit „Light“ findet das sehr hörenswerte Album seinen Abschluss. Fazit: Für Jazzliebhaber, die auf Fusion und Gitarrenjazz stehen, ist das vorliegende Album ein Muss.

© fdp 2026




Musicians
Riccardo Chiarion (electric guitar)
Paolo Jus (electric bass)
Francesco Vattovaz (drums).

Tracks
1) Arabesques
2) Snow Dance
3) Hidden Blues
4) Sofia;
5) Short Story
6) Seven
7) Hopes
8) Shadows
9) Light.
All compositions by Riccardo Chiarion

 


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