Rahel Talts - Back and Forth
R
self-production
Die preisgekrönte estnische Pianistin und Komponistin Rahel Talts legt „Back and Forth“ vor. Es ist ein Album, das anhand von sieben Eigenkompositionen Themen wie Nostalgie, Wandel und Veränderungen erkundet. Unter Mitwirkung des preisgekrönten britischen Gitarristen Rob Luft vereint das Album ein internationales, 2020 in Odense gegründete Quartett aufstrebender Jazz-Talente aus Estland, Dänemark, Polen, Litauen und Großbritannien.
Die Musik, die über anderthalb Jahre nach Talts’ Umzug von Dänemark nach Litauen entstanden ist, spiegelt eine Zeit persönlicher Veränderung wider. Titel wie „Pärnu“, benannt nach Talts’ Heimatstadt am Meer in Estland, verweben rhythmische Strukturen mit sich entwickelnden Melodien, die gedacht sind, um persönliche Erinnerungen an Jugend, Rückkehr und Wiederentdeckung wachzurufen. „Naujas Skyrius“ (litauisch für „Neues Kapitel“) thematisiert Neuanfänge – voller Aufregung und Unsicherheit zugleich –, während das fröhliche „Jungle Party“ einen tanzbaren, lateinamerikanisch inspirierten Groove beisteuert, der ursprünglich für die Südostasien-Tournee des Quartetts im Jahr 2024 geschrieben wurde. So lesen wir es sinngemäß in den Liner Notes.
Ein wenig irritierend mutet der Beginn von „Pärnu“ an. Der Hörer könnte meinen, dass die Schlagwerkrhythmen eine militärische Parade ankündigen. Doch nichts davon ist im Weiteren Thema. Eingängig, gar liedhaft ist die Melodie, die die Pianistin anstimmt. Ein besonderer Hinhörer ist das Duo der Pianistin mit dem Gitarristen Rob Luft. Die Melodie scheint dahinzuschmelzen. Man hat außerdem den Eindruck, Mitsommernacht wird am Meer gefeiert und ein Reigentanz nimmt seinen Anfang. In diesen stimmt auch der Saxofonist ein. Und dann, ja dann sprudeln im Solo der Pianistin Tastenklänge, nimmt man Klangwellen wahr, vielleicht eine Anspielung an die am Meer gelegene Heimatstadt der Pianistin. Nachfolgend blitzt dann kurz das Thema auf, ehe wieder die Pianistin in einem Zwischenspiel, so scheint es, zu hören ist. Erneut sind danach alle Musiker der Band mit dem eingängigen Thema zu hören, das wie gesagt an ein Lied bzw. Volkslied erinnert. Mit einem Bläserschwall des Saxofonisten klingt das Stück aus.
Mit „Time for Fun“ geht es weiter. Sehr dynamisch ist das Stück angelegt. Rob Luft lässt seine Gitarre dezent jaulen. Energetisch greift die Pianistin in die Tasten, ehe der Gitarrist und der Saxofonist das Thema aufgreifen und fortsetzen. Ein Ohrenschmaus ist das Solo des Gitarristen. Wer dabei an einen Gitarristen wie Eric Clapton denken muss, liegt wohl nicht so falsch. Es sind Weichzeichnungen und Klang-Lyrik, die wir erleben. Paraphrasierend ist dann die Pianistin mit kleinen „Springfluten des Tastenklangs“ unterwegs. Perlendes Tastenspiel vereint sich im Nachgang mit den Klanginterventionen des Gitarristen. Dieses Stück gleicht in manchen Aspekten einem Popsong. Nein, vergeistigten Jazz hören wir nicht, sondern das Stück hat eher etwas von Jazz Rock, vor allem dank des Gitarristen und des Saxofonisten. Wie gesagt Rob Luft pflegt Gitarrensettings, die auch die Legenden der Rockgitarre und der Jazzgitarre pflegen. Man denke dabei auch und gerade an Pat Metheny, also nicht allein an Eric Clapton.
Synth-Klang oder elektronisch geriertes Sample – das fragt man sich zu Beginn von „Going Back And Forth“. Auf einem Klangteppich gebettet entwickeln die Pianistin und der Gitarrist feinste melodische Muster. Dabei verquicken sich das Piano- und das Gitarrenspiel. Es ist eine Zwiesprache besonderer Art. Teilweise stimmt der Gitarrist melodische Linien an, die an eine Wurlitzer-Orgel bzw. Hammond denken lassen. Im Fortgang hören wir Diskantes und zugleich Klangbilder des Gitarristen, die eher dem Jazz Rock der 1970er Jahre zu entstammen scheinen. Und auch der Saxofonist Donatas Petreikis hat in seinem Spiel einen entsprechenden Duktus. Hier und da musste der Rezensent auch an das grandiose United Jazz & Rock Ensemble denken; und an das Spiel von Barbara Thompson, wenn der Saxofonist sein Instrument schnurren lässt.
Nach „Disappointment“ heißt es dann „Naujas Skyrius“, ein Stück, das einen Neuanfang markiert, so erfahren wir in den Liner Notes. Aus der Tiefe des Raumes entwickelt die Pianistin die Melodie des Stücks. Sie ist durchaus der Melodie des Eröffnungsstück ähnlich. Mitsingen scheint angesichts der Melodie durchaus möglich. Ist die Nähe in Harmonien und Melodieführung zu „7 Tage lang“ (Bots) bzw. dem bretonischen Volkslied „Son ar chistr“ Zufall oder nicht? Auf jeden Fall überzeugt in diesem Stück der solistische Auftritt von Rob Luft. Zum Schluss wird mit „Jungle Party“ wirklich Party gemacht. Dezent feurig ist nicht nur der Rhythmus, sondern auch das Gebläse, dank an Donatas Petreikis. Und wie in anderen Stücken des Albums ist das melodische Thema von hohem Wiedererkennungswert. Erleben wir Calypso und Limbotanz? Auf alle Fälle entfaltet sich der Gitarrist in einem fulminanten Saitenspiel. Eigentlich wartet man noch auf ein Solo des Drummers. Und tatsächlich, es ist Teil des Arrangements. Und gegen Ende heißt es erneut „Jungle Party“ mit dem Saxofonisten, der den letzten Ton setzt.
© ferdinand dupuis-panther 2026
Musicians
Rahel Talts | piano
Rob Luft | guitar
Donatas Petreikis | saxophone
Mariusz Praśniewski | double bass
Jesper Lørup Christensen | drums
Tracks
Pärnu
Time for Fun
Going Back
And Forth
Disappointment
Naujas Skyrius
Jungle Party
















