Mike Gennaro / Veryan Weston – En Passant
M
Silver Set Records
Der Albumtitel bedeutet „Im Vorbeigehen“, bezeichnet aber auch eine Schachregel, die es einem Bauern erlaubt, einen gegnerischen Bauern zu schlagen, der zwei Felder vorgerückt ist und direkt neben dem eigenen Bauern gelandet ist. Hm, und was hatten die beiden Musiker im Sinn, als sie ihr Album konzipierten, auf dem Titel wie „Overpass“ und „Bypass“ zu hören sind? Wir lassen die Frage offen und widmen uns dem Album.
Klangmuster überschlagen sich. Dramatisch-nervös agiert der Drummer. Der Pianist lässt ab und an melodische Fragmente anklingen. Doch vor allem widmet er sich dem Dekonstruktivismus, d.h. er baut Linien auf, die er dann wieder in sich zerfallen lässt. Veryan Weston agiert am Tasteninstrument mit Verve, lässt auch die Basshand nicht zu kurz kommen. Sein Spiel erinnert an Ebbe und Flut, an das auflaufende und sich zurückziehende Wasser eines Meeres. Gelegentlich scheint auch ein Malstrom eingefangen zu werden. Wild und unbändig erscheinen die Klangwellen in „Overpass“. Brodeln und Gurgeln von Meereswasser, das sich in Felskavernen fängt und bei sogenannten Blowholes in die Höhe schießt. Nur als Intermezzo sind die Passagen anzusehen, in denen es ruhiger zugeht. Dabei ist das Spiel auf den Diskant fokussiert. Aufgebaut werden Klangknäuel, die nach und nach entwirrt werden. Mit der Basshand erzeugt der Pianist dunkle Klangfragmente, scheint einen dichten Geisterwald zu beschwören. Klangschlag an Klangschlag dringt an unser Ohr und dazu ein unbändiges Schlagwerk. Wir lauschen der musikalischen Umsetzung von „Überführung“
Verlassen wir nun die „Überführung“ und widmen uns „Underpass“ mit seinen fragil-kristallinen Klangstrukturen und dem spitzen „Klong“ auf Blechen, dank an den Drummer. Diskant wird gespflegt und mit Bassklängen konfrontiert. So sehen die beiden Musiker einen Untergrundtunnel, den Fußgänger zum Passieren von Eisenbahnlinien und Autostraßen nutzen. Irgendwie klingt die Musik nach Abenteuer, nach Dramatik, obgleich doch das Passieren eines Tunnels durchaus normal ist. Oder spielt da der dunkle Tunnel mit, unbeleuchtet und unheimlich? Lauscht man dem Spielfluss des Pianisten, so meint man, er skizziere eine Tragödie, führe uns nach und nach an die Stelle eines Unfalls, eines Bergrutsches oder einer Überflutung des Tunnels. Turbulent geht es in dem Stück zu. Darin unterscheidet es sich nicht von „Overpass“. Nur selten sind Passagen, die an klassische Klaviermusik denken lassen, an musikalische Erzählungen von russischen Komponisten zum Beispiel. Bisweilen kommen Erinnerungen an Kompositionen von Messiaën auf, oder? Unstetigkeit erleben wir. Immer neue Klanganfänge werden gesucht. Rauschen Klangkaskaden werden inszeniert. Der eine oder andere könnte auch an den russischen Film „Panzerkreuzer Potemkin“ und die legendäre Treppe von Odessa denken, über die ein Kinderwagen in die Tiefe rollt. Nun ja, irgendwelche Bilder erzeugt Musik immer, ohne zu wissen, welche die Musiker im Sinn hatten. Unter Umständen ließen sie einfach der Improvisation freien Lauf.
Schließlich sind wir Zeuge von „Bypass“, Umleitung bzw. dem neu erschaffenen Weg, der Engstellen im Gefäß umgeht. Bedächtig ist der Klangfluss. Da scheinen die Töne wie Dominosteine zu fallen. Man denke an den Dominoeffekt, eine Kettenreaktion. Oder fängt der Pianist Handgriffe einer Bypass-OP ein, das Öffnen des Brustkorbs, das Entnehmen der Beinvene etc. Eigentlich kann man sich ein solches Bild angesichts der Klangmuster nicht machen. Eher meint man, man lausche einem steten Fluss, der Biegungen und Wendungen nimmt, von Hindernissen aufgehalten wird, die im Wasserweg liegen, sich durch enge Schluchten zwängt, sein Flussbett verlässt. Kleine Strudel und Stromschnellen entstehen. Wildwasser und Kehrwasser sind zu bewältigen. Klangsprünge werden umgesetzt. Die Musik, die wir hören ist voller Aktion und ohne melodische Lyrik. Sie ist auch nicht als Erzählung zu verstehen, sondern als Hör-Spiel mit Klangfragmenten. Man könnte die Musik auch gut mit Action Painting vergleichen, bei der es auf spontane-gestische Farbdroppings ankommt.
Lässt man die gehörten Klangbilder Revue passieren, dann ist der Titel „Beim Vorbeigehen“ gut gewählt, fängt er doch Momente ein, die sich an Momente reihen. Es ist ein Vergehen von klanglichen Momenten und die Entstehung neuer Klangmomente, also „En Passant“, oder?
© F. Dupuis-Panther 2026
Musicians
Veryan Weston – piano
Mike Gennaro - drums & percussion
Tracks
1. Overpass 31:13
2. Underpass 23:24
3. Bypass 16:52















