Matt Walsh/Bernd Rath/Max Willers/Carsten Saft Project: You Probably – Dance
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self released
Matt Walsh, Bernd Rath, Max Willers & Carsten Saft haben mit ihrem Projekt, das mit Krautrock, Fusion, Free Jazz, Elektronika, Jazz Rock, aber auch Alternative Rock oder gar New Jazz und Punk Jazz zu charakterisieren ist, ihr zweites Album eingespielt. Die Musiker zeichnen auch als Herausgeber, haben sie doch auf ein herkömmliches Label wie ECM oder ACT verzichtet.
Auf der Homepage der Band lesen wir unter anderem: „Aber was ist das für eine Musik? Sicher nicht für Jedermann, aber neu und eigen. Ein Experiment, wie gemacht für den Zwischenraum. Teils transzendental sphärisch, dann wieder kleine vertraute Inseln der Glückseligkeit mit Fragmenten bekannter Stücke aus glücklicheren Tagen, die aber im gleichen Atemzug wieder zerpflückt und zerstört werden.“ Und die Frage stellt sich: tanzbar oder nicht, verkopft oder nicht? Auf den Spuren vom späten Miles und Weather Report unterwegs oder auch nicht? - das ist auch eine Frage, die sich der Zuhörer stellen kann.
Da die Musiker als Herausgeber erscheinen, müssen sie sich mit ihrer Musik auch nicht den jeweiligen Geschmacksausrichtungen von Labels unterwerfen, sondern, und das ist von Vorteil, können eigene musikalische Wege beschreiten. Gewiss, wer das Spätwerk von Miles kennt, wird in den Trompetenpassagen – zu hören ist Matt Walsh –, die abgewandelte Handschrift von Miles entdecken. Die Gitarrenpassagen in „Careless“ zeigen hier und da, beabsichtigt oder zufällig, eine Nähe zu Jeff Beck und auch Eric Clapton, oder? Nein, die Musiker verkommen nicht zu Epigonen, sondern suchen und finden eigene Wege. Und das ist überzeugend.
Doch nun auf Anfang: Distinkte, sich wiederholende Basslinien treffen auf vollmundigen Posaunen-Klang. Man hat den Eindruck, hier würde gar ein Posaunenchor aus einer Brass-Band in Erscheinung treten, obgleich nur Matt Walsh den genannten Blechbläser spielt. Carsten Saft weiß alle Register der E-Gitarre zu ziehen und dabei durchaus auch sich an Jimi Hendrix anzulehnen. Rau und rotzig kommt die Gitarre daher und wird mit dem weichen, dunkel-tönigen Klang der Posaune konfrontiert. Stoisch agiert der Drummer Bernd Rath, mit und ohne Blechflirren. „Keep on Drifting“ lautet der Titel des Stücks. Da werden nicht Sandkörner von Dünen durch stete Winde abgetragen, sondern Klangwellen mit weißen Gischtkronen inszeniert. Die Musik spiegelt nicht den gegenwärtigen Zeitgeist von seichtem Pop wieder, sondern präsentiert Diffiziles, Abgründiges, Malstrom-Klang. Zugleich atmet die Musik auch Orchestrales. Da vibriert die Posaune zu Synth-Klängen, die einen Klangteppich bilden. Man möchte gar von Sphärenklang reden, der zu erleben ist. Der Vielfalt und nicht der Einfalt, wie bei einem Großteil der gegenwärtigen Musik haben sich die Musiker verschrieben, bis hin zu Gitarren-Wha-Wha. Übrigens, das Stück ist eines der beiden Live-Aufnahmen auf dem Album.
Auch „Headless“ ist live eingespielt worden. Zu Beginn meint man, sanfte Orgelklänge zu hören, die sich mit denen des Gitarren-Synth paaren. Dazu kommen dann mächtige Basssetzungen. Sphärenmusik dringt an unser Ohr. Und dann ist Matt Walsh mit seinem Saxofon gegenwärtig, mit Hall unterlegt. Oder sinbd da Loops auch im Spiel? Bisweilen meint man angesichts des Klanggemäldes, Walsh sei auch an der Trompete zu hören. Klangnebel erheben sich und ziehen dahin, so eine bildhafte Beschreibung dessen, was wir hören. Hier und da ein wenig Pink Floyd gemixt mit Alan Parson Project, oder? Nachhaltig und eindringlich sind die Synth-Klänge, bei denen man an ein Wurlitzer-Piano denken kann. Im Verlauf des Stücks wird es mehr und mehr rockig – und tanzbar. Klangschwall an Klangschwall ergießt sich. Gitarren-Wah-Wah vergeht und ein „symphonisches Klangsample“ wird arrangiert, kurz vor Schluss.
Rezitation bestimmt „You aren’t“, ganz zu schweigen vom Bläserschwall. Wird da eine politische Botschaft musikalisch verpackt, fragt sich der gemeine Hörer. „You think you are attractive. You aren’t. It is only your money they want“ – das sind Zeilen, hintergründige Zeilen, die man als politische Botschaften deuten kann, oder? „You think you are a great leader? You aren’t. Leader fight long term compromises. You only know your competition, your stupid deal..“ Ein Schelm, dem bei den Zeilen der Name Donald Trump einfällt!
Ein Wortspiel mit dem Namen John Coltrane scheint „John’s Cold Train Trance Session“ zu sein. Dunkler und erdiger Klang des E-Basses dringt an unser Ohr und dazu „ätzendes Gebläse“, das wie ein Alarmruf anmutet. Gitarrenriffs werden eingespielt, die u. a. ein wenig wie klassische Jazzgitarrenmodule klingen. Das Gebläse könnte man gut und gerne als Schalmeienklang identifizieren. Metheny und McLaughlin scheinen mal kurz vorbeizuschauen, im Geiste … . Doch deren Spuren werden schnell verwischt. Im Fokus steht dann das „schräge Gebläse“, das nicht nur von Schalmeien, sondern auch von einem Dudelsack stammen könnte, jedenfalls von den Klangeindrücken her. Ein Bass-Solo wurde im Übrigen in den Song gekonnt eingewoben.
Nahezu lyrisch kommt „One of Those Spring Nights“ daher, mit flirrendem Posaunenklang – oder doch Trompetenklang ? - und feinen Gitarrenstrukturen. Irgendwie kommen beim Hören auch Erinnerung an Blood, Sweat & Tears auf, oder? Ist da nicht auch ein leichter Ska-Rhythmus zu vernehmen? Man hat jedenfalls den Eindruck. Der Gitarrist ist außerdem mit Sequenzen zu hören, die ein wenig an Ansätze und Harmonien westafrikanischer Jazzmusik erinnern. Ja, Gegenwarts-Jazz ist auch tanzbar, wie dieses Stück verdeutlicht. Saxofon-Loops sind zu hören, teilweise rauchig, röhrend und hier und da in Tenorlage. Das wundert, denn Matt Walsh spielt doch Altsaxofon, oder? Noch ein Wort zu „Carrless“. Hören wir da nicht ein Stück im Stil von Cream, wenn der Gitarrist im Fokus steht und die Melodielinien spielt, derweil das Gebläse im Hintergrund in diese Linien einstimmt? Matt Walsh ist wohl in diesem Stück an der Trompeter der Begleiter von Carsten Saft. Eindringlich ist das Wah-Wah, das Teil des Arrangements ist und uns an Ten Years After denken lässt.
Mit „No Brown Sugar“ schließt sich die musikalische Exkursion, die unterschiedliche Genres umfasst und nichts, aber auch gar nichts mit gängigem Post-Bop, Modern Jazz oder freier Impro gemein hat. Eher hat man den Eindruck, die Musiker haben der Fusion-Musik und dem Jazz Rock der 1980er Jahre eine Frischzellenkur verpasst. Welch ein Hörerlebnis!!!!
© ferdinand dupuis-panther 2026
BANDCAMP
Musicians
Matt Walsh trumpet, sax, trombone
Bernd Rath drums
Max Willers Bass, Synth
Carsten Saft Gitarre, Gitarrensynth
Tracks
1.Keep on drifting - Live in Todtenhausen 09:55
2.Headless - Live in Todtenhausen 09:11
3.You Aren't 05:18
4.Punch (für Willi) 17:33
5.John's Cold Train Trance Session 17:31
6.One of those spring nights 08:12
7.Lovesong (Survive everyday life) 07:29
8.Carrless 05:35
9.No brown sugar 04:47















