Marta Sanchez - SAAM (Spanish American Art Museum)

Marta Sanchez - SAAM (Spanish American Art Museum)

M

Whirlwind Recordings

Marta Sanchez erhebt ihre Stimme mit zyklischen Rhythmen, ausschweifenden Klangformen und einem Kreuz und Quer von Klanglinien. Dabei ist die Pianistin nun nicht allein auf weiter Flur, sondern wird von den beiden Saxofonisten ihres Ensembles auf Schritt und Tritt begleitet – und das ist wörtlich zu nehmen. Die Partner der in Madrid geborenen Pianistin Marta Sanchez sind vor allem in herausgehobener Rolle Alex LoRe und Roman Filiu, derweil Rashaan Carter und Allan Mednard im Hintergrund agieren. In gewisser Weise eröffnet uns die Pianistin mit ihrem in Corona-Zeiten konzipierten Album einen Blick auf ihre musikalischen Klangcollagen, die Stimmungen und Gefühle beinhalten: “It’s made up of all the elements of society from both countries [Spain and America] that impact my life and make me who I am.” Und weiter lesen wir: “Those compositions express all the phases I was going through at that time. I was reflecting super deeply on what’s important, and how we might give some sense to life.”


Mit „The Unconquered Vulnerable Areas“ wird das Album aufgemacht. Gleichsam wie ein ruhiger Bachlauf erscheint das Zusammenspiel von Pianistin und Saxofonisten. Aus dem plätschernden, weich gezeichneten Spiel kristalliert sich dann eine klangliche Verschiebung heraus. Die Pianistin verlegt sich gänzlich auf ihre Basshand und über dem Bassklang schwebt in einem Auf und Ab der Klang des Saxofons, das wenig aufgeregt daherkommt. Das gilt nicht nur für das Alt-, sondern auch das Tenorsaxofon, die sich wohl auf einen Dialog einlassen. Dabei loten beide die Höhen und vor allem aber die Tiefen der jeweiligen Holzbläser aus. Teilweise ist das Stück von wehmütig anmutenden Passagen durchzogen. Doch diese sind nur für kurze Momente präsent. Danach verfangen sich die in der ersten Reihe agierenden Musiker in Klangschleifen und -schlieren, nehmen wechselseitig Klangpassagen auf, differenzieren und variieren diese, setzten hier und da Schattenrisse und Schummerungen, harte Konturen und dichte Schraffuren. Und gelegentlich meint man gar, dass einer der beiden Saxofonisten seinem Instrument einen Klarinettenklang einhaucht, oder?

Getragen und mit sanfter Stimme bestimmen die Saxofonisten „Dear Worthiness“. Sollte man ein Bild auswählen, das zu dem Gehörten passt, so muss man an die Malerei der Romantik denken, an den Mann im Nebelmeer von Caspar David Friedrich zum Beispiel. Zugleich kommen einem Wolkenbilder in den Sinn, die Christoffer Wilhelm Eckersberg in zahlreichen „empirischen Studien“ mit genauer Zeit- und Ortsangabe festgehalten hat. Das Wolkenbild aufgreifend vernimmt man dahin schwebende, sich auflösende Klangwolken, ab und an auch Cirruswolken des Klangs, aufgefächert und sich auflösend. Diese bildhaften Vorstellungen sind insbesondere dem ausdifferenzierten Spiel der Saxofonisten zu verdanken, die auch schon mal für „Wolkengeschiebe“ sorgen. Hat das solistische Spiel von Sanchez nicht auch etwas von Chopinscher Attitüde? Ohne Frage ist für das Album charakteristisch, dass Alex LoRe am Altsaxofon und Roman Filiu am Tenorsaxofon sowie die Pianistin Marta Sanchez das Zeichnen der Klanglinien übernehmen, derweil Bass und Schlagwerk nur Beiwerk sind, zumal Sanchez eine sehr stark ausgeformte Basshand hören lässt, also der Bass eigentlich nicht unbedingt nötig erscheint.

Ist da Dissenz vorhanden? Geht es um Formung und Auflösung der Form? Vielleicht, so könnte man beim Hören des Stücks „SAAM“ meinen. Aus dem anfänglichen Dissenz entwickelt sich Konsens, finden die drei Protagonisten des Quintetts zueinander. Sanchez setzt gelegentliche kurze Tastenakzente, derweil einer der beiden Saxofonisten sich in klanglichen Flic-Flacs ergeht. Diese werden auch durch die harten Trommelschläge und Ketten von Blechwirbeln noch unterstrichen. Doch nach dem eher feurigen Intermezzo hören wir dann sehr lyrische Klangzeilen, die wohl dem Altsaxofonisten geschuldet sind. Im Hintergrund ist der Schlagwerker mit kurz angebundenem Tiktik, Tiketiketik zu hören.

Beinahe mit der Anmutung eines Kirchenlieds kommt „The Eternal Stillness“ daher. Da denkt man eher an Buxtehude und Teleman als an Jazz der Gegenwart, oder? Erstmals agiert in diesem Stück auch der Bassist solistisch, derweil Sanchez nur wenige Tastenklänge hinzufügt. Der Bassist durchbricht dank des Saitengezupfes statt eines Bogenstrichs die Annahme des Sakralen. Aquarellklänge präsentiert uns nachfolgend die Pianistin, die obendrein auch das Gestische in ihrem Spiel nicht ausspart. Da fließen die Klänge, da gibt es ein herbstliches Laubrauschen, einen Föhn des Klangs, wenn man das so sagen kann.

„Marivi“ – in diesem Stück sind Ambrose Akinmusire und Camila Meza als Gäste zu hören – ist als Hommage für die während des Lockdowns verstorbene Mutter von Sanchez zu begreifen: “I tell her things I could never tell her. ...I loved my mum but it was really hard to tell her the deep things.” Es ist das einzige Stück auf dem Album, bei dem die Lyrik von Bedeutung ist, die Camila Meza vorträgt, teilweise begleitet von dem Trompeter Akinmusire. Dieser erhebt seine lyrisch ausgeformte Stimme, einem flirrenden Schirrokko gleich. Schlusspunkt des durch das Dreigestirn LoRe, Filiu und Sanchez geprägten Albums ist „When Dreaming is the Only“.

© ferdinand dupuis-panther


Infos

Line up:

Alex LoRe alto saxophone
Roman Filiu tenor saxophone
Marta Sanchez piano
https://www.martasanchezmusic.com
Rashaan Carter bass
Allan Mednard drums
Camila Meza voice and guitar (5)
Ambrose Akinmusire trumpet (5)
Charlotte Greve synths (5)




Tracks

The Unconquered Vulnerable Areas
Dear Worthiness
SAAM (Spanish American Art Museum)
The Eternal Stillness
Marivi
If You Could Create it
The Hard Balance
December 11th
When Dreaming is the Only

https://music.whirlwindrecordings.com


In case you LIKE us, please click here:


Check out Jazz'halo radio: click on this logo please



our partners:

Clemens Communications


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée


Philippe Schoonbrood
(24.5.1957-30.5.2020)
foto © Dominique Houcmant


 

Special thanks to our photographers:

Petra Beckers
Ron Beenen
Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Paul De Cloedt
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Federico Garcia
Robert Hansenne
Dominique Houcmant
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Nina Contini Melis
Jean-Jacques Pussiau
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken


and to our writers:

Mischa Andriessen
Robin Arends
Marleen Arnouts
Werner Barth
José Bedeur
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Federico Garcia
Paul Godderis
Stephen Godsall
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Etienne Payen
Yves « JB » Tassin
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Henri Vandenberghe
Iwein Van Malderen
Jan Van Stichel
Olivier Verhelst