Marcello Abate – ZugZwang
M
AUT Records
Zugzwang ist ein deutsches Wort und meint auch „Unter Zwang stehend, eine Entscheidung treffen müssen“. Im Schach beschreibt es eine Situation, in der ein Spieler einen Zug setzen muss, egal, ob das zu einer Niederlage führt. Im übertragenen Sinne muss man ein Wagnis eingehen, etwas riskieren und auch unbekannte Pfade betreten, um eine Niederlage in einen Erfolg umzuwandeln.
Das vorliegende Album entstand aus der Spannung heraus: dem Bedürfnis, immer weiterzugehen, selbst angesichts von Ungewissheit, und dabei zuzulassen, dass jede Entscheidung den vor uns liegenden Weg neu gestaltet. Die Stücke nahmen langsam Gestalt an, durch Überlegungen, Umwege und Momente des Zweifels, und fanden schließlich Formen, die oft ganz anders waren als ursprünglich vorgestellt. Es war auch eine gemeinsame Reise, die durch die unschätzbaren Beiträge von Federico Pierantoni (Posaune), Alessandro Paternesi (Drums) und Camilla Battaglia (Vokales) ermöglicht wurde. Ihr aufmerksames Zuhören, ihre Ideen und ihre Sensibilität bereicherten und verwandelten diese Kompositionen und halfen ihnen dabei, ein Ziel zu erreichen, das wir alleine vielleicht nie gefunden hätten. So liest man es sinngemäss in einer Veröffentlichung des Labels.
Übrigens, das Cover zeigt eine auf dem Kopf stehende Windmühle, die entweder vom Himmel stürzt oder in den Meeresfluten schaukelt. Gewiss eine sehr absurde Darstellung, die an die von Surrealisten erinnert. Nur, was hat das mit ZugZwang zu tun?
Mit „V“ eröffnet das Album, an dessen Gestaltung wie auch an dem erwähnten Titel die Vokalistin Camilla Battaglia beteiligt ist. Sie geht ein Duett mit dem Gitarristen ein, der sich auf wenige Saitenklänge beschränkt, über denen sich dann das Vokale ausbreitet. Bisweilen meint man eine schlagende Turmuhr oder ein Metronom mit Gleichklang neben der Singstimme zu hören. Beinahe zerbrechlich mutet an, was wir hören. Es sind die leiseren Töne, die das Quartett anstimmt. Hier und da meint man, beim Gesang Marie Boine mit ihren Joik-Gesang zu hören.
Nach „Q nose?“ folgt „Akoka“. Eindringlich ist der Klang der Posaune, die eine Ballade anstimmt, wenn nicht gar Sakrales. Der Gitarrist agiert behutsam im Hintergrund. Was der Posaunist vorträgt erscheint wie dahin treibende Nebelschaden an einem Herbstmorgen. In die Fußstapfen des Posaunisten tritt nachfolgend der Gitarrist, der allerdings nicht die bunten Herbstfarben besingt, sondern eher einen lauen Sommerabend. Verstärkte akustische Gitarre hören wir wohl. Sehr gekonnt sind die beiden Stimmen Posaune und Gitarre verquickt, eher als Zwiegespräch statt als Duett.
Aus den weiteren Kompositionen wählen wir „OnPianoPhase“ zur Besprechung aus: Hmm, ein Piano ist in der Musik des Gitarristen Marcello Abate nicht gegenwärtig, aber eine zögerliche Saitensetzung Klangstufe zu Klangstufe. In diese Form der musikalischen Gestaltung greift der Posaunist ein, ist ebenfalls nicht in einem Fluss, sondern in Klangformen Stufe für Stufe zu hören. Der Gitarrist übernimmt teilweise die Aufgabe, Rhythmik zu schaffen, wenn auch der Drummer dabei mit im Spiel ist. Insbesondere das Gitarrenspiel ist brillant, nicht nur wegen des Flageolett, das wir hören. Wenn es denn überhaupt eine Nähe gibt, dann zu John Scofield und Bill Frisell. Doch wie immer hinken diese Vergleiche. Abate ist Abate!
Auch eine Arie aus „La Bohème“ von Giacomo Puccini wurde von den Musikern für ihr Album bearbeitet. Instrumental bearbeitet hören wir „Sì, mi chiamano Mimì“. Dabei liegt der Fokus auf dem Gitarristen Marcello Abate, der den Gesang auf seinem Saiteninstrument umsetzt. Zeitweilig meint man, Abate an einer akustischen Gitarre zu hören. Mit der Oper entführt uns Puccini in die 1830er Jahre, uraufgeführt wurde die Oper 1896. Auch das nächste Stück, eine Komposition von Herny Macini namens „The Days of Wine and Roses“, stellt den Gitarristen des Ensembles heraus. Zu hören ist die Filmmusik aus einem US-amerikanischen Filmdrama von Blake Edwards, entstanden im Jahr 1962 mit Jack Lemmon und Lee Remick in den Hauptrollen. Im Vergleich zur Musik aus dem frühen 19. Jahrhundert scheint es zur Filmmusik in der Bearbeitung durchaus eine Nähe zum Original geben. Selten genug ist ein lyrisch gestimmtes Gitarrensolo im Jazz zu erleben. Bei „Little Rooms“ findet sich ein Posaunensolo, vorgetragen mit sanfter Hornstimme und begleitet vom Gitarristen mit schmeichlerischen Melodielinien. Die Posaune bewegt sich in ihrer Klangbreite, durchaus die Tiefen des Instruments zeigend. Von der Melodie her knüpft der Titel an Broadway-Sound und Musical-Klänge an, oder? Mit „Fluctuating Melodic“ findet das Album seine Abrundung. Dabei scheint das Zögerliche, das melodische Vortasten auch in diesem Stück vorhanden.
© ferdinand dupuis-panther 2026
Musicians
Marcello Abate: guitar, compositions
Federico Pierantoni: trombone, composition on track 5
Alessandro Paternesi: drums and percussion
Camilla Battaglia: vocals on tracks 1, 2, and 7
TRACKLIST
1. V. 06:05
2. Q nose? 05:00
3. Akoka. 05:58
4. Interlude for Pauline. 03:11
5. Pattern-esi 02:41
6. OnPianoPhase. 07:18
7. Zaratan. 05:28
8. Sì, mi chiamano Mimì 02:46
9. The Days of Wine and Roses 03:35
10. Little Rooms 05:34
11. Fluctuating Melodic 04:20
Total Time: 52:02
CREDITS
Music by Marcello Abate, Federico Pierantoni (5), G. Puccini (8), H. Mancini (9)
















