Manuel Hermia / Diogo Alexandre / Théo Zipper, Common Ipseity
M
Igloo
„Das vorliegende Album ist das Ergebnis einer einzigartigen Begegnung zwischen dem Flötisten und Saxofonisten Manuel Hermia, einer Symbolfigur des belgischen Jazz, dem französischen Bassisten Théo Zipper und dem portugiesischen Schlagzeuger Diogo Alexandre, zwei aufstrebenden Talenten der aktuellen Musikszene. Gemeinsam erkunden sie einen freien Ansatz, der auf tiefem Zuhören beruht und spontane Kompositionen hervorbringt, in denen sich der Klang im Augenblick entfaltet. Die Klangsprache des Trios verbindet die rohe Energie des Rock, Noise-Texturen, die Freiheit des Free Jazz und eine zutiefst poetische Sensibilität und schafft so eine eigenständige musikalische Sprache, in dem das Experiment seinen Platz hat.“ So liest sich die Albumbeschreibung, die Igloo Records veröffentlicht hat.
Über den Albumtitel wird kein Wort verloren. Alltägliches Selbstsein oder auch allgemeine Identität sind sinnvolle Übertragungen des Titels, ohne dass sich durch diese der musikalische Inhalt und Duktus erschließt.
Mit „Sea Of Uncertainties“ beginnt das Album. Man vernimmt Glöckchenklang und scheppernde Bleche, hört schrägen Synthklang, hört intensives Vibrieren eines kleinen Beckens; und im Hintergrund scheint ein modulierter Harmoniumklang aufzuscheinen, der als Klanglandschaft entfaltet wird. Und dann ja, dann erklingt das Sopransaxofon von Manu Hermia, gleichsam der einsame Rufer, der das Ich beschwört, wenn man mal den Albumtitel einbezieht. Schnarren und Flirren begleiten den Wohlklang des Saxofons. Ist da nicht auch der E-Bass präsent, im Hintergrund, derweil der Saxofonist im Fokus steht? Im weiteren Verlauf des Stücks drängt sich der Eindruck auf, dass Hermia unter Umständen auch Altsaxofon spielt, dem er das Soprano abringt, oder? Das Spiel wird langsam ungehaltener, stürmischer, so wie das Drumming. Melodische Linien sind in Auflösung begriffen. Dabei verstärkt sich der Eindruck, dass Hermia Altsaxofon spielt. Oder doch nicht? Trommelwirbel verdichten sich im Fortgang des Stücks. Industrial Noise flammt auf. Manu Hermia setzt dazu Intervention, derweil Théo Zipper am Schlagwerk brilliert. Hören wir da nicht den Ruf „Alarm!Alarm!“? Klangrauschen mit und ohne Tick-Tick macht sich mehr und mehr breit. Fragmentarisches nimmt Raum ein. Verbünde sind aufgelöst, ehe dann Hermia erneut Klanglinien hören lässt. Dazu vibrieren die Becken schrill und mit Tendenz dazu, Tinnitus zu stimulieren. Und gegen Ende hat man den Eindruck, Sphärisches trifft auf Noise Music.
Anschließend geht es musikalisch durch den Nebel: „Through the Mist“. Synthklänge vereinen sich mit Rhythmischem, das sich im Off befindet. Klangmodule ähnlich wie im Space Rock haben Verwendung gefunden. Heftig ist das Schwirren der Becken. Kurz ist der Schlag der Trommelstöcke gegeneinander. Tenorsaxofon oder Altsaxofon – das erhebt sich als Frage, wenn Manu Hermia sich ins Geschehen einmischt. Lang gezogen sind einzelne Saxofonklänge, die so schnell wie sie aufblitzen auch wieder im Nichts, im Nebel verschwinden, bezieht man den Titel in die Betrachtung ein. Gitarrenjaulen ist auszumachen. In seiner eigenen musikalischen Umlaufbahn bewegt sich der Saxofonist. Der E-Bassist lässt die Saiten schwirren und flirren, jenseits klassischer Basslinien. Nachfolgend sind feine Klangstrukturen zu erleben, dank an Hermia. Im nächsten Moment hat man dann eher den Eindruck von Noise, auch Industrial Noise. Da wird ein Quietschen laut. Saxofongewisper schließt sich an, ehe dann eher in der Tenorlage kurze Saxofonpassagen zu erleben sind. Schrillen da im Weiteren Sirenen einer Industrieanlage?
Den Schlussakkord bildet „Tormented Kinship“: Klappengeräusche des Saxofons, so der Höreindruck, treffen auf Pling und Plong. Weichzeichnungen sind dem Saxofonisten ebenso zu verdanken wie ein aufgewecktes Spiel. Klingen da im Hintergrund angerissene Basssaiten? Auf- und Abbewegungen inszeniert der Saxofonist. Im Hintergrund röhrt der Bassist, oder? Gongs werden eingesetzt; Beckenrausch wird zelebriert. Aufbrausend und aufgeregt zeigt sich der Saxofonist. „Gequälte Verwandtschaft“ gilt es in Klangbildern einzufangen. Manu Hermia und seine Mitmusiker bemühen sich darum nach Kräften, mit gequälten Saxofonklängen, mit intensivem Getrommel und hektischem Saitenspiel. Ein Berimbau gibt es nicht im Line up, aber irgendwie schafft es einer der Musiker, den Höreindruck entsprechend zu lenken. Rasselspiel vereint sich mit sanftem Saxofonklang, Glöckchenanmutungen, zartem Beckenschlag und Beckengeschwirr. Das Saxofon klingt so, als würde der Saxofonist durch die engen Gassen einer mittelalterlichen Stadt wandeln und spielen. Losgelöst erscheint das Spiel und gänzlich abgehoben zu den rhythmischen Einlassungen von Diogo Alexandre. Der Bassist ist hingegen mit einem Wau-Wau-Effekt unterwegs. Überbordend ist der „Schlagwerknebel“, der produziert wird. Aus diesem erhebt sich der „Schrei des Saxofons“, ungebändigt ist die Musik des Dreigespanns bis zum letzten Ton.
© ferdinand dupuis-panther 2026
Info
https://igloorecords.be/fr
BANDCAMP
Musicians
Manuel Hermia saxophone
Théo Zipper e-bass
Diogo Alexandre drums
















