Maddison Carter – Polymorphic
M
Earshift Music
Zum Album lesen wir: „Polymorphic is a reflection of Carter's life, his connection with his ensemble, and an intimate portrayal of his artistic and personal growth, inviting listeners into a world of deep emotional and rhythmic exploration. … "Polymorphic" began as a solo exploration and evolved into a sextet ensemble, symbolizing Carter's commitment to melodic richness and the unconventional use of the vibraphone.“ Und im O-Tone Carter zum Album: "Polymorphic first grew during Melbourne’s many lockdowns. … It was born out of a change of lifestyle and my frustration with playing only non-pitched material. This music brought me back from a period where I spent far less time on music."
„Watcher, Sleeper, Maker“ macht zu Beginn mit „Nebelhorngesang“ auf. Dann jedoch erhebt der Trompeter Niran Dasika die Stimme. Das klingt dann eher nach Kirchenmusik denn nach Jazz. Zudem vernehmen wir nachfolgend den kristallinen Klang eines Vibrafons und die gestrichenen Saiten einer Geige. Im weiteren Verlauf verbinden sich die Klänge von Saxofon und Trompete sowie Bassklarinette zu einem Bläserdialog. Das ist dann ganz und gar in einem Jazzkontext. Sehr lyrisch sind die Passagen ausgelegt. Eingebunden darin sind solistische Einlagen des Trompeters und auch die „Kontrapunkte“ der Bassklarinettistin Flora Carbo. Wir lauschen zudem einer kurzen Passage, die so klingt, als müssten die Musiker ihre Instrumente stimmen und aufeinander abstimmen. Ein verdichteter Klangteppich wird vom Ensemble gewebt, aus dem unter anderem die Stimme der Klarinettistin hervortritt. Wenn sie in den Fokus gerückt wird, hat man die Vorstellung, es ginge um klassische Musik, gar Kammermusik. Bruckner, Dvořák oder wer? - das fragt man sich beim Zuhören. Gegen Ende dann erhebt nochmals der Trompeter seine Solostimme, in Begleitung des Bassisten und der Klarinettistin, die jedoch nur sehr verhalten aufspielen.
Weiter geht es mit „Later Stages“ (dt späteres Stadium) und einem intensiven Beckenrauschen zu Beginn. Klangtropfen an Klangtropfen setzt der Bandleader, der dann am Piano zu erleben ist. Zurückgenommen sind der Trompeter und die Saxofonistin zu hören. Zarte Klanglinien schaffen beide Musiker. Ein wenig fragil klingt das, was wir hören. Fender Rhodes, Saxofon und Drums gehen im Nachgang eine Melange ein, die nach Dramatik klingt. Das, was wir erleben, hat schon etwas Eruptives. Ein gestrichener Bass ist der Antipode des gläsern-kristallin klingenden Vibrafons. Beide scheinen auf unterschiedlichen Umlaufbahnen angesiedelt. Jeder verfolgt eine eigenständige Melodielinie. Sehr getragen sind diese Sequenzen, beinahe schwermütig und von Winterlast geprägt. Zum Schluss scheinen die Bläser allmählich im Off zu vergehen.
„Wo sind die Tierliebhaber“ wird auf dem Album auch gefragt, siehe „Where Are the Animal Lovers?“. Lang gezogene Bläserklänge treffen auf kurze Saiten-Interventionen und helle Vibrafonklänge. Hören wir nicht den Trab von Pferden und ein lang gezogenes Signalhorn? Ein Pling-Pling wird dem Vibrafon abgerungen. Knurrig-knarrend hört sich der Bass an, der seine Stimme auch erhebt. Bei „Horse Meat“ (dt. Pferdefleisch) setzt Isaac Gunnoo seinen E-Bass ein. Aufgebürstet erscheint vor allem der Trompeter. Nervös-hektisches Drumming dringt an unser Ohr. Auf- und absteigend gestaltet Niran Dasika seinen Klangfluss. Ein wenig scharfkantig und säuerlich erscheint im Klang das, was inszeniert wird. Zugleich kann man auch vom Neinsager sprechen, der da durch den Trompeter vehement vertreten wird.
Der Titel „Montags“ benötigt keine Übersetzung ins Deutsche. Auch in diesem Stück haben der Trompeter und der Vibrafonist eine zentrale Rolle. Aufgewühlt und nach Aufbruch hört sich die Musik an. Ruhemomente fehlen. Vorwärtsstreben wird signalisiert. Und warum gerade unter dem Titel „Montags“? Das weiß nur Maddison Carter, der für die Kompositionen zuständig ist. Für ausgeglichene Moment sorgt im zweiten Teil des Stücks die Saxofonistin/Klarinettistin. Und auch der Bassist mit langen Saitenschwüngen ist auf Ruhe und Erdung aus. Doch als Gegengewicht ist der Trompeter anzusehen, der gleichsam für Unruhe sorgt. Eingefangen wird er dann durch den Vibrafonisten und die Saxofonistin.
Schließlich noch ein Wort zu „What About Asparagus?“ (dt. Was ist mit Spargel): Angesichts des Schlagwerkspiels erwartet man eigentlich eine an Rock orientierte Nummer. Doch dem ist nicht so. Beinahe monoton agiert der Drummer und dazu hört man Gebläse, verhalten und wenig aufmüpfig. Dann erleben wir ein „Crescendo“ unter Beteiligung des gesamten Ensembles. Herausragend sind dabei der Trompeter und der E-Bassist. Segmente werden addiert. Nach und nach wird ein Höhepunkt angesteuert, mit Schlagwerkregen, der bildlich gesprochen dicht an dicht niedergeht. Ein Dialog zwischen Saxofonistin und Trompeter ist ausserdem Teil des Arrangements. Dabei verquicken sich die beiden Stimmen und formen eine Helix, so könnte man formulieren. Schrill und provokativ klingt das Saxofonsolo von Flora Carbo, das in das Stück eingebettet ist. Nachhaltig meldet sich der Trompeter im weiteren Verlauf des Stücks zu Wort und drängt die Saxofonstimme ein wenig ins Abseits. Doch die Geschichte mit dem Spargel, die bleibt insgesamt rätselhaft, oder?
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Info
https://www.earshift.com
BANDCAMP
Musicians
Maddison Carter: Drums, Vibraphone, Percussion, Piano, Fender Rhodes, & Celeste
Jessica Lindsay Smith: Flute
Flora Carbo: Alto Saxophone, Bass Clarinet, & Effects
Niran Dasika: Trumpet, Piccolo Trumpet, Synthesiser, & Effects
Imogen Cygler: Violin & Effects
Isaac Gunnoo: Double Bass & Electric Bass
Tracks
1. Watcher, Sleeper, Maker
2. Later Stages
3. Tired or Really Wired
4. Where Are the Animal Lovers?
5. Horse Meat
6. Montags
7. What About Asparagus?
8. Watcher, Sleeper, Maker Reprise















