Machine Mass Sextet - Intrusion

Machine Mass Sextet - Intrusion

M

Off Records

Machine Mass geht auf das Jahr 2011 zurück und war damals lediglich eine Duoformation mit dem amerikanischen Drummer Tony Bianco und dem belgischen Gitarristen Michel Delville. Charakterisiert wurde das Duo in All About Jazz mit folgenden Worten: „...feisty and rebel rousing exhibition that contains a surfeit of diametric … contrasts and smoldering exchange ...“. Nachfolgend sah Machine Mass allerlei „Metamorphosen“ durch die Kooperation mit Musikern wie Dave Liebman und Antoine Guenet. Das aktuelle Album „Intrusion“ ist das vierte und mit einem veritablen Sextett aufgenommene Album. Eingespielt wurden Live-Studio-Aufnahmen, sechs Eigenkompositionen und zwei „Cover“. Zu hören sind neben dem Bassisten Damien Campion zwei sehr bekannte belgische Jazzmusiker: Laurent Blondiau (Mâäk's Spirit, Andy Emler MegaOctet, Octurn) und Manuel Hermia  (Slang, Orchestra Nazionale della Luna, Hermia-Ceccaldi-Darrifourcq Trio). Das jetzige Album ist der Nachfolger des psychedelischen Feuerwerks mit Kompositionen von Jimi Hendrix, von der Fachwelt als eines der besten Alben betrachtet, die sich jenseits von Gil Evans mit dem legendären Gitarristen Jimi Hendrix befassen.

Eröffnet wird das Album mit „Africa“ (John Coltrane). Danach folgt der Titeltrack „ Intrusion“ (Antoine Guenet) und anschließend die Kompositionen „This Is“ (Bianco, Blondiau, Campion, Delville, Guenet, Hermia) sowie „Not Another Loud Song“ (Michel Delville). Zu hören sind außerdem weitere Kompositionen des Gitarristen Michel Delville wie „The Roll“ und „Ed“. Als Schlusspunkt hören wir „In a Silent Way“(Joe Zawinul).

Bassschläge vereinen sich mit Blechwirbeln und Trommelschwüngen, lauscht man dem Beginn von „Africa“. Dann entfaltet sich geballte Bläsermacht, dank an Manu Hermia und Laurent Blondiau. Hier muss man beim Hören an Fela Kuti, aber eben auch an John Coltrane denken. Hört man da nicht das sich entäußernde Sopransaxofon? Oder ist es doch eher die Altstimme, die sich da echauffiert und völlig außer Rand und Band gerät? Da gibt es ein Schwirren, ein Fiepen, ein Quieken, alles abseits von sonorem Stimmklang. Nachfolgend ist es dann an Laurent Blondiau die Linien von Manu Hermia aufzunehmen, der als Saxofonist das Sextett bereichert. Blondiau ist nicht gar so exaltiert wie Hermia unterwegs. Hin und wieder blitzen aber doch Zorn, Wut und Entäußerung im Spiel auf. Der Drummer Toni Bianco veranstaltet derweil ein furioses Schlagwerkspiel, ehe dann Michel Delville seine Gitarre fauchen und heulen lässt. Alvin Lee und Jimi Hendrix hätten ihre wahre Freude, könnten sie diese Gitarrensequenzen erleben. Das hat so gar nichts von sittsamen Jazzsetzungen, sondern wir erleben ein eruptives Saitengeschwirr, in das Manu Hermia mit seinem Holzbläser noch einfällt. Für eine gewisse Bodenhaftung sorgt bisweilen der Pianist Antoine Guenet, der aber der Stimmgewalt von Gitarre und Bläsern eher unterlegen ist.

„Intrusion“ bietet in der Intro Gelegenheit für den Pianisten lyrische Setzungen zu Gehör zu bringen. Getragen und ein wenig melancholisch aufgefächert ist das, was wir hören. Von Grieg'schem Duktus zu reden, wäre allerdings zu weit hergeholt. Stark ausdifferenziert ist die Basshand. Dennoch entführt uns Guenet auch in die Höhen des Diskants. Gelegentlich überkommt den Hörer auch der Eindruck, er lausche einem Totenauszug, der musikalisch begleitet wird. Das ändert sich in Gänze, sobald das Sextettgebläse zu hören ist. Getragen ist die Musik nach wie vor. Das Melancholische und das Melodramatische sind nicht überbordend, wenn auch deutlich vorhanden. Stimmt da im weiteren Verlauf Blondiau nicht ein Klagelied an? Man könnte es beinahe meinen. Wehmut bringt außerdem Manu Hermia zum Ausdruck, wenn er seinen Holzbläser anspielt. Und was hat das mit „Einbruch, Störung, Eindringen, Verletzung“ zu tun? Denn das bedeutet der Tracktitel „Intrusion“ im Deutschen. Dringen da die beiden Bläser in die melodischen Linien des Pianisten ein? Sie scheinen zur Kontroverse aufgelegt, derweil sich der Pianist dem ausgewogenen lyrischen Spiel hingibt. Mit gewisser Aggressivität scheinen die beiden Bläser in ihren Intonationen schon zu Werke zu gehen, oder? Die Lösung der Fragen mag jeder beim Hören für sich entscheiden. Derweil gibt es für den Pianisten zum Ende des Stücks Gelegenheiten zu kaskadierenden Passagen. Sie vereinen sich zu einem rasanten Klangstrudel, der sich jedoch nicht in einer Eruption entlädt.

„This Is“ ist ein Gemeinschaftswerk der am Album beteiligten Musiker. Dabei trifft die gedämpfte Trompete auf Windgetöse des Saxofonisten. Es scheint so, als würde sich aus einem Wind ein Sturm und Orkan entwickeln. Nahtlos geht es dann weiter mit „Not Another Loud Song“. Grelltöniger „Sirenengesang“ vereint sich mit Trompeten-Wah-Wah. Stoisch ist der Drummer unterdessen an seinen Fellen und Blechen aktiv. Die Art und Weise wie sich Blondiau äußert, erinnert in manchen Zügen an Joseph Beuys Hör-Performance „Ja Ja Ja Ne Ne Ne“, wenn auch mit anderen Mitteln. Im Weiteren vernehmen wir eine wimmernde, heulende, kreischende Gitarre in den Händen von Michel Deville. Dem setzen die Bläser teilweise redundante schwebende Passagen entgegen. Zu hören ist zudem der Gleichklang des Gitarren-Synth, den Michel Deville spielt. Über diesem Gleichklang entfaltet Manu Hermia seine Klangsaltos. Gerade in diesen Passagen hat die Musik etwas von bestem Jazz-Rock und ist zugleich auch im zappaesken Rausch gefangen. Und dann gibt es wieder Sequenzen, die eher an die Adderley Brothers und an Blood, Sweat & Tears denken lassen; sprich auch in diesem Stück überrascht die gekonnte Melange unterschiedlicher stilistischer Ausformungen.

Zum Schluss noch einige Worte zu „In a Silent Way“. Dem Drummer gehört zu Beginn die volle Aufmerksamkeit, wenn seine Sticks über Trommelfelle und Bleche wandern, beinahe rollend in der Bewegung. Danach vereinen sich Blondiau und Hermia in ihrem Spiel, nicht weit entfernt von Joe Zawinuls Fusion-Linien auf den Keys und Wayne Shorters diskreten Weichzeichnungen auf dem Saxofon. Die bedingte Nähe zu Zawinuls Einspielung gilt vor allem fürs Saxofonspiel Hermias, der allerdings auch die marktschreierische Seite des Holzbläsers im Blick hat. Insgesamt ist der Ansatz des Machine Mass Sextet viel wilder, chaotischer, wirr, rauschend, berauschend und ausufernder, als es in Zawinuls Konzept der Fall ist. Fusion ist eher eine Randnotiz und Free Jazz im Fokus. Im Weiteren vereint sich kristalliner Tastenklang mit kurzen Saxofoninterventionen und lang gezogenen Trompetenlinien. Beide Bläser verschmelzen und trennen sich im Fortgang des Stücks, folgen eigenen Klangumlaufbahnen, so hat der Eindruck. Welch Klangerlebnis zum Finale!

© ferdinand dupuis-panther


Infos:

http://off-recordlabel.blogspot.com
www.micheldelville.com/bands.html

Line-up

Laurent BLONDIAU: trumpet
Manuel HERMIA: saxophones
Michel DELVILLE: guitar
Antoine GUENET: piano
Damien CAMPION: double bass
Tony BIANCO: drums


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