Luca Crispino – Transitivo
L
Dodicilune
Die aktuelle Veröffentlichung des in Padua ansässigen Gitarristen und Komponisten Luca Crispino ist auch der Zusammenarbeit mit Stefano Benini (Flöte, Didgeridoo, Akai EWI), Enrico Terragnoli (akustischer Bass, Synthesizer) und Luca Pighi (Schlagzeug) geschuldet. Erschienen ist Crispinos drittes Album als Bandleader beim Label Dodicilune, nach „Diffrazioni“ aus dem Jahr 2024 und „Famiglio“ aus dem Jahr 2025. Das zuletzt genannte Album wurde in Jazzhalo besprochen.
Charakterisiert wird Crispinos musikalische Reise oftmals als grenzüberschreitend, mal mit Pop durchsetzt, mal stark improvisierend und mal auch ein wenig nach Weltmusik klingend, insbesondere wenn man wie in „Cronofrattura“ auch ein Didgeridoo erlebt. Sphärenklang trifft auf weitere elektronische Klangwelten fern ab von Mike Oldfield oder auch nicht. Ambient scheint zudem präsent, so in „Dittico Inesplicabile“. Ein besonderer akustischer Leckerbissen sind die Auftritte des Flötisten Stefano Benini, nicht nur in dem zuletzt genannten Track.
Aufgemacht wird das Album mit „Basilico“ und den Weichzeichnungen des Flötisten, der vom Bassisten mit wiederkehrenden, eingängigen Melodiemustern begleitet wird. Die Musik klingt eher nach Jethro Tull reloaded als denn nach Jeremy Steig. Damit will der Rezensent zum Ausdruck bringen, dass das Stück durchaus in Richtung Pop-Music tendiert, insbesondere dann, wenn der Flötist impressionistisch anmutende Klanggouachen entstehen lässt und der Gitarrist uns denken lässt, ein wenig Raga sei mit im Spiel.
Zu den beiden folgenden Stücken und deren Charakterisierung ist ergänzend zu den vorherigen Ausführungen zu sagen, dass nicht allein bei „Cronofrattura“ Synth-Klänge und E-Effekte nicht zu überhören sind, mal ganz abgesehen von dem dunkel gefärbten Klangsausen und Röhren eines Didgeridoo, dank an Stefano Benini. Klangverwehungen sind typisch für „Dittico Inesplicabile“. Man könnte beim Zuhören auch von akustischem Wetterleuchten und dem Phänomen Polarlicht und einem Lichtgewitter in Rot oder Grün sprechen. Der Flötist scheint zudem mit seinem kommentierenden Spiel die klangliche Weite wie im Fjord Sound zu beschwören. Zugleich kann man sein Solo bildlich mit einem Vogelzug vergleichen. Doch beherrschend sind in dem Stück die elektronischen Klanglandschaften. Dabei meint man, man höre auch ein verstärktes Akkordeon beim offenem Zug.
Starke Schlagwerksetzungen bestimmen anfänglich „Verdugo“. Danach folgen weiche Flötensequenzen, die im Off ausklingen, derweil der Schlagwerkrausch anhält. Doch dann dringt erneut der helle Flötenklang ans Ohr der Zuhörer. Das, was wir hören, ist ein Flötenkonzert fern von jedwedem klassischen Flötenstück oder gar Jethro Tull. Eher gibt es da eine Nähe zu Chris Hinze und Paul Horn, wenn derartige Vergleiche überhaupt substantiell tragen. Gitarren-Wau-Wau ist Teil der Klanginszenierung. Und am Ende gibt es eine Art Klangregen zu hören.
„Argonauta“ mit intensiven und ausgedehnten Percussion- sowie Schlagzeugpassagen, dank an Luca Pighi, und „Pontecorvo“ mit hörenswerten Gitarrenphrasierungen sind weitere beeindruckende Stücke, die dem Konzept der musikalischen Grenzgängerei folgen. Bevor das Album schließt, hören wir „Avamposto“. Klangschwall unterschiedlicher Nuancierungen dringt ans Ohr des Hörers. Dieser nimmt auch das Röhren einer Gitarre wahr. Klangschlieren werden gezeichnet, mithilfe des elektronischen Schatzkästleins bzw. des Synth. Auch eine digitale „Windmaschine“ ist an der Gestaltung der Klanglandschaft beteiligt. Einen gelungenen Abschluss findet das sehr hörenswerte Album in der Komposition „Ferragut“ mit „feinziselierten“ Gitarrensetzungen.
© ferdinand dupuis-panther 2026
Musicians
Luca Crispino, guitar, lap steel guitar (3), fx
Stefano Benini, flute, didgeridoo (2), akai ewi (7)
Enrico Terragnoli, acoustic bass, synth
Luca Pighi, drums
TRACKS
1) Basilisco
2) Cronofrattura
3) Dittico Inesplicabile
4) Verdugo
5) Argonauta
6) Pontecorvo
7) Avamposto
8) Ferragut
All compositions by Luca Crispino
















