Lisa Wulff X 2

Lisa Wulff X 2

L

Laika Records

Foto © Anne de Wolff

 




Lisa Wulff – Hand auf’s Herz


Mauretta Heinzelmann schreibt zum Jazzalbum des Monats bei NDRKultur: „Der Hintergrund für den Albumtitel ist für Lisa Wulff die Frage, was einem wirklich wichtig ist im Leben. Es gehe ihr darum, sich ehrlich zu fragen, die Hand aufs Herz zu legen, was einem viel bedeutet und was gar nicht so viel Bedeutung hat. „Wo eine Schwere ins Leben tritt, die gar nicht so viel Raum kriegen sollte ‒ zu dieser Leichtigkeit zurück zu finden ist auch ein schöner Blickwinkel darauf."

Was vorliegt ist das aktuelle Album der Hamburger Bassistin Lisa Wulff, die Trägerin des Deutschen Jazzpreises 2023 ist. Vorab noch ein O-Ton, ehe wir uns den Stücken widmen. „Es ging darum, den Moment einzufangen, Erwartungen loszulassen und maximal ins Risiko zu gehen. So wie im richtigen Leben, in dem auch nicht alles planbar ist.“

Aufgemacht wird mit dem Stück „Excuse the inexcusable“: Dicht gewebt ist der Klangvorhang in allerlei Farben, nicht nur durch die Färbungen von Klarinette und Gitarre. Beimischungen von Rockklängen eher im Sinne von Pink Floyd und Alan Parsons sind zu vernehmen, ganz abgesehen von sanft erscheinenden Saxofonpassagen. Aber es gibt auch im Saxofonspiel Ecken und Kanten. Klangwinde werden im Weiteren inszeniert, Dank an die Bläser. Lang schwingende Bass-Saiten füllen mit ihrem Klang den Raum, lassen beim Hören klanglich auch an Guembri und Oud denken, zumindest im Intro des Stücks. Nicht nur der Bass ist im Weiteren bei dem Stück „Hand auf's Herz“ prägend, sondern auch der Klang der Gitarre sowie der des Saxofons. Jenes überlagert mit Klangzirkulationen die anderen Instrumentalisten, wenn auch die Bassistin sich nicht ins Abseits drängen lässt. Neben dem schnurrenden Saxofon ist es der Gitarrist Sven Kerschek mit seinen paraphrasierenden Antworten auf den Saxofonisten, der zum Klanggemälde beiträgt. Valentin Renner lässt zudem Schlagwerkstaub niedergehen. Übrigens, gegen Ende ist nochmals Lisa Wulff solistisch zu erleben. Dabei meint man gar, sie trete in die Fußstapfen von Eberhard Weber an seinem korpuslosen Bass.

Weiter geht es mit „Blood is thicker than water“, gewidmet der Familie von Lisa Wulff, wie wir im Pressetext nachlesen können. Sehr eindringlich meldet sich der Trompeter Claus Stötter zu Wort. Verzerrte Gitarrensequenzen, teilweise frech-rockend, rotzig und ebenso gar nicht im Jazzkontext, erleben wir in diesem Stück obendrein. Das hat dann auch schon etwas von Deep Purple in deren Zusammenarbeit mit klassischen Musikern, man denke an „Gemini Suite“. Doch hier ist der Gitarrist eingebunden in eine Struktur, die eben maßgeblich von den Bläsern des Ensembles bestimmt wird. Trompete oder Flügelhorn, das fragt man sich beim Hören der melodischen Linien von „Etikettenschwindel“. Lange organische Klangwellen sendet Claus Stötter aus, um einen Etikettenschwindel musikalisch darzustellen. Teilweise trumpft der Trompeter auf, teilweise zieht er sich aber verhalten zurück. Dazu hören wir in der Begleitung den Gitarristen, der einen flauschigen, musikalischen Kunstteppich webt.

Nach „Love it, change it or leave it“ und „Whose bill?“ folgt das Stück „Ballad for (E)“, ein Stück, das Lisa Wulff einer langjährigen Freundin gewidmet hat. Doch noch einmal kurz auf „Whose bill?“ eingehend muss herausgestellt werden, dass Jazz Rock zu erleben ist, dank nicht nur an den Gitarristen, sondern die vereinten Bläser. Ist es Adrian Hanack oder Gabriel Coburger, der gleichsam ein Lament anstimmt, wenn „Ballad for (E)“ angestimmt wird? Beide genannten Musiker sind im Line-up als Klarinettisten erwähnt. Dunkel getönt ist der Bass zu hören. Zudem hat man den Eindruck, die Klarinettensequenzen würden sich in Richtung Klezmer entwickeln.

Als Schlusswort dieser Besprechung nachstehend ein O-Ton des Flötisten, Saxofonisten und Klarinettisten Adrian Hanack: „Lisa ist unglaublich gut darin, sich von außergewöhnlichen Momenten in ihrem Leben inspirieren zu lassen und diese in musikalische Skizzen zu gießen. Gleichzeitig lässt sie uns im Studio ausreichend Freiheiten, so dass wir uns optimal einbringen können.“ Sagt das nicht genug über die Bassistin und auch über die gemeinsame Musizieren des Ensembles?

© f. dupuis-panther 2026


BANDCAMP

Musicians
Adrian Hanack – Saxophon, Flöte, Klarinette
Gabriel Coburger - Saxophon, Klarinette
Sven Kerschek – Gitarre
Valentin Renner – Schlagzeug
Lisa Wulff – Bass
Claus Stötter – Trompete

Tracks
1 Excuse the inexcusable 00:04:52
2 Hand auf's Herz 00:05:48
3 Blood is thicker than water 00:05:21
4 Etikettenschwindel 00:03:37
5 Love it, change it or leave it 00:04:46
6 Whose bill? 00:05:17
7 Ballad for (E) 00:05:33
8 Etikettenschwindel Int 00:02:29





Lisa Wulff – Poison Ivy


Einige vorangestellte Worte zu “Poison Ivy” von der Bassistin Lisa Wulff, auch auf dem Hintergrund der Corona-Epidemie, als das Album entstand: “Interacting with other musicians and the special things that come from these shared moments – that’s what I missed most back then. That's why I invited numerous guests to whom I feel a personal and musical connection - because for me the two are inseparable."

Für die Aufnahmen zum Album scharrte Lisa Wulff den Drummer Silvan Strauß, den Saxofhonisten Adrian Hanack und den Pianisten Frank Chastenier um sich, bekannte Gesichte aus ihrem Trio bzw. Quartett. Zudem erleben wir bei „Giftigem Efeu“ den Gitarristen Philipp Schiepek, den Trompeter Jakob Bänsch, die Vokalistin Alma Naidu, den Saxofonisten und Klarinettisten Gabriel Coburger, den Schlagzeuger Valentin Renner und am Onda Martenot Friedrich Paravicini. “With Lisa you quickly feel like you’re part of a big family. I also like her artistic approach. She chooses people whose sound she likes and gives them the greatest possible freedom. … So in the end it can only be good.”, so Paravicini im Rückblick auf den Prozess der Album-Aufnahme.

„Giftefeu/Poison Ivy“ ist der Aufmacher des Albums. Nein, das ist kein Remake des Songs von The Coasters aus dem Jahr 1959, sondern eine Komposition von Lisa Wulff. Wulff in einem O-Ton zum Stück: „Poison Ivy ist eine Figur aus den Batman-Comics, die mich in jüngeren Jahren sehr beeindruckt hat. Sie weiß alles über Pflanzen, deren Eigenschaften sie sich zunutze macht.“ Rasant ist das Tempo, von dem man meint, hier werde man von einer Person mitgenommen, die in Eile ist oder verfolgt wird. Stark im Gedächtnis bleibt der solistische Auftritt von Lisa Wulff, die ihrem Tieftöner nicht nur Umbratöne, sondern auch ein wenig Ocker entlockt, will man mal das Bild einer Farbpalette nutzen. „Stürmisch“ ist der Pianist Frank Castenier unterwegs. Fängt er in Akkorden ein, dass Efeu sich als Kletterpflanzen auf verschiedenen Untergründen rasch kletternd ausbreitet? Übrigens, im Weiteren erleben wir den Pianisten in durchaus dunklen Stimmlagen. Das Stück „Stille Stunde“ hat so gar nichts von Kontemplation und Stille. Zu Beginn nimmt man mit Hall unterlegt das Spiel der Bassistin wahr, die uns tonale Bilder vermittelt, die an Industrial Noise ebenso denken lassen wir an Gesänge von leidenden Walen. Zwischenzeitlich hat man den Eindruck, man höre keinen Kontrabass, sondern ein Cello oder eine Bratsche. Begriffe wie Ekstase und Turbulenz flammen auf, so der Höreindruck im Weiteren. Ruhigere Fahrwasser steuern auch der Pianist und der Saxofonist nicht an. Es bleibt der Klangeindruck der Brüchigkeit und der Aufbruchs. Entspannung, die der Titel des Stücks erwarten lässt, ist sehr, sehr fern. „Cracking Walls“ wartet mit dem Gespür für Post-Bop auf. Nicht zu überhören sind die „Klangschweife“ des Saxofonisten Adrian Hanack. Darüber hinaus rinnen dank des Pianisten „Tastenkaskadierungen“ dahin. Diese Kaskadenformen finden sich auch beim Saxofonisten, ehe dann gegen Ende im Tutti das Thema wiederholt wird, das wir auch anfänglich gehört haben.

Lang andauernde Schwingungen der Bass-Saiten lässt uns die Bassistin Lisa Wulff in „Room 1337“ erleben. Hören wir im Verlauf nicht auch glockenhelle Töne, die an ein Vibrafon denken lassen? Zudem scheinen auch Synth-Beimischungen vorhanden zu sein, obgleich im Line-up keine Infos darüber vorhanden sind. Ein wenig mysteriös mutet das Stück schon an.

Bei den Basslinien und der Piano-Begleitung von „The darker the night, the brighter the stars glow“ muss der eine oder andere an Lars Danielsson und dessen kammermusikalischem Jazz unter dem Stichwort „Liberetto“ denken, oder?

Sphärenklang, elektronisch oder analog ist u.U. die Frage, hören wir das Stück „Das Bad“. Zu diesen Klangeindruck trägt nachhaltig der Gitarrist Philipp Schiepek bei. Zu einem steten Plong-Plong erhebt der Saxofonist seine helle Stimme. Und hören wir da nicht auch eine Posaune nebst Synth-Rausch? Auf dem Album sind neben „Valiant“ mit Klarinettenpassagen, so hat es den Eindruck, zudem Titel wie „The Inner Journey“ und „On the rebound“ zu finden.

Bei „Someone might fall in love with your smile“ ist auch die Vokalistin Alma Naidu zu hören, deren Stimme auf Augenhöhe mit den Instrumentalisten agiert und nicht Lyrik verbunden ist, sondern eben die Stimme lautmalend-instrumental einsetzt. Und was spielt Adrian Hanach? Altsaxofon oder doch C-Klarinette? Auf jeden Fall erleben wir eine „Spirale der Klänge“. Ausufernd und mit Verve agiert der Drummer Silvan Strauß, hintergründig begleitet vom Gitarristen. Ein besonderer Genuss ist das „Duett“ zwischen Bassistin und Gitarristen in „It all comes down to the green“. Verspielt scheint das, was wir von Philipp Schiepek zu hören bekommen. „Kleine Fluchten“ werden akustisch realisiert. Und zum Schluss heißt es auf dem hörenswerten und abwechslungsreich gestalteten Album, auf dem man Formationen von Duo bis Quintett hören kann: „Another sacred place“.

© ferdinand dupuis-panther 2026


BANDCAMP

Musicians
Adrian Hanack – Saxophon, Flöte, Klarinette
Philipp Schiepek – Gitarre
Frank Castenier - Piano
Friedrich Paravicini – Multiinstrumentalist: Cello, Klavier, Akkordeon
Alma Naidu – Vocals
Valentin Renner – Schlagzeug
Lisa Wulff – Bass
Jakob Bänsch – Trompete
Silvan Strauß – Drums

Tracks
1.Poison Ivy 03:52
2.Stille Stunde 05:11
3.Cracking Walls 03:05
4.Room 1337 05:28
5.The darker the night, the brighter the stars glow 05:06
6.Das Bad 04:40
7.Valiant 05:25
8.To friends I consider family 06:14
9.The Inner Journey 04:50
10.On the rebound 06:43
11.Someone might fall in love with your smile 04:10
12.It all comes down to the green 04:36
13.Another sacred place 02:19


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