Laurence Cousseau Quintet - Les Groseilles de Novembre
L
Off Record
„,Johannisbeeren im November’, so die deutsche Übersetzung, lautet der Titel des vorliegenden Debütalbums. Es ist in eine Ästhetik des magischen Realismus eingebettet, an der Grenze zwischen dem Greifbaren und dem Traumhaften. Inspiriert von dem gleichnamigen Buch von Andrus Kivirähk, beschäftigt sich das Projekt mit Themen des Übergangs und der Erinnerung. Der unverwechselbare Klang der Gruppe beruht insbesondere auf der Kombination von Altflöte und Bassklarinette. Jazz-Energie (Eric Dolphy, Charles Mingus) trifft auf Klangfarben der modernen Musik (Olivier Messiaen) und die Sprache des zeitgenössischen Jazz (Magic Malik, Pierre Van Dormael, Bo Van der Werf). Das Ergebnis ist ein klangliches Erlebnis, in dem Spannung und Entspannung, Geheimnis und Verspieltheit, Zerbrechlichkeit und rohe Schönheit zusammenfließen.“, so heißt es im übersetzten Ankündigungstext des Albums.
Zarte Flötentupfer, ein fragil wirkender, „gläserner“ Tastenklang, die Tiefe einer Bassklarinette, ein nervös erscheinendes kurz und knappes Drumming vereinen sich aus durchaus vorhandenen Divergenzen. Widerstrebend erscheinen die hohen Flötenlinien und die eher leicht rau klingenden Basstöne. Beckenrausch, dank an Pierre Ferrand, ist allgegenwärtig. Wir vernehmen vergehenden Flötenklang und „spiraligen“ Bassklarinettenklang. Doch es gibt auch Momente des Vereinigens im ersten Track des Albums namens „Tierre de Sienne“, zu übersetzen mit Siena, einem der Brauntöne.
„Forêt de Nuages à l'Aube“ lautet der nachfolgende Titel. In den „Nebelwald im Morgengrauen“, so die dt. Übersetzung, begleiten uns der Flötist und der Klarinettist. Sie scheinen wahrlich den Nebeldunst mit ihren Klangbildern zu evozieren. Für eine gewisse Düsternis sorgen sie Klaviersetzungen. Beckenrauschen stäubt zudem auf. Ehe sich der Dunst gelichtet hat, erlebt man ein „Lichterflackern“ dank des Flötisten Laurence Cousseau. Das Moment des Dunklen, will sagen eines dunklen Waldes, liegt in den Händen des Klarinettisten Luis Miguel Aguilar. Kleine lyrische Passagen hören wir vom Pianisten Joseph Nowell, der sein Spiel auch den Basstönen widmet und diese mit dem Diskant paart. Die Musik scheint geeignet um ein Papiertheater zu untermalen, das Kinder in einen Märchenwald entführt.
Nahtlos geht der Besuch des Nebelwaldes in den der Donau, siehe den Track „Danube“, über. Hier scheint es so, als würde ein Fluss im Nebel musikalisch umgesetzt werden. Durchdringend sonor erhebt der Bassklarinettist in einem Solo die Stimme, begleitet vom umsichtigen Drummer und abgelöst in seinen melodischen Setzungen durch den Flötisten. Umtriebig ist der Klarinettist nachfolgend unterwegs, im Solo. Sensibel ist die Begleitung durch den Pianisten, auch in den sehr tiefen Lagen des Klarinettisten. Hört man da nicht auch ein Vibrafon oder sind das nur elektronische Effekte? Der Klarinettist scheint sich dem Treiben auf dem Fluss zu widmen, den Fischerkähnen und dem sonstigen Schiffsverkehr, den Fähren und dem hektischen Hin und Her am Fluss von der Quelle bis zum Delta. So jedenfalls könnte man sich eine Geschichte zur Musik zusammen spinnen, auch wenn man ein Synth vernimmt und sich elektronische Klangwelten entfalten. Oder wird da ein moduliertes E-Piano gespielt, das sich der Welt von Elektronika verbunden fühlt? Nach dieser Zwischenphase des stark in Effekten Ruhenden erfreuen wir uns an den zarten Flötenlinien, Vogelstimmen gleich.
Nachdem wir musikalisch dem „Le Roi des Aulnes“, dt „Erlkönig“, mit beeindruckendem Flötensolo begegnet sind, folgt zum Abschluss „Les Voussures du Tympan“ (dt. Die Gewölbe des Tympanon). In der Architektur sind das die Bogenläufe, die das Bogenfeld über den prächtigen gotischen Kirchenportalen umschließen. Auch in diesem Stück fällt dem Flötisten eine entscheidende, die Klangfärbung prägende Rolle zu. Fazit: ein Album mit sehr reizvollen Klangsegmenten jenseits des Bekannten, teilweise auch durchaus ein wenig verklärt-poetische Musik.
© f. dupuis-panther 2026
Musicians
Laurence Cousseau: alto flute, composition
Luis Miguel Aguilar: bass clarinet
Joseph Nowell: piano, FX
Emanuel Van Mieghem: double bass
Pierre Ferrand: drums
Tracks
1. Tierre de Sienne
2. Forêt de Nuages à l'Aube
3. Danube
4. Le Roi des Aulnes
5. Les Voussures du Tympan
















