Johannes Enders: Zeitgeistmaschine

Johannes Enders: Zeitgeistmaschine

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Laika Records, LAIKA 3510315.2 / EAN Code: 40 177 86 143152

Wäre danicht Sebastian Merk (drums), dann gäbe es nur die geballten Klangwelten von Saxofonen zu erleben. Tenorsaxofonist Johannes Enders belegt mit seinem Tenorsaxofon den rechten Kanal des Stereosounds, sein Kollege Lutz Häffner (alto/tenor saxophone) den linken Kanal. Warum das von Bedeutung ist? So ergibt sich ein besonderer Klangdialog zwischen den beiden Saxofonisten, in denen sich aber auch der Altsaxofonist Vincent Herring, der Baritonsaxofonist Herwig Gradischnig und bei ausgewählten Einspielungen auch der Alt- und Baritonsaxofonist Glenn Müller einmischen.

 

Um es vorweg zunehmen: Das Album präsentiert eine überaus feine Melange an Klangbildern. Es wäre auch nicht falsch von einem Grand Cru der Saxofonklänge zu sprechen. Einzuordnen ist die Musik gewiss in der Nähe zu Hard Bop. Der Sound ist teilweise weich und samtig, teilweise auch holzig und knurrend, besonders dank der Baritonsaxofone, die irgendwie als Querköpfe und Nörgler unterwegs sind. Hören wir, was der Bandleader und Professor für Jazz-Saxofon an der Leipziger Hochschule für Musik und Theater selbst über seine Combo sagt: „Ein Saxofon-Quartett habe ich schon immer als Herausforderung empfunden, denn Musik in dieser Besetzung kann auf den Hörenden schnell eintönig wirken.“ Warum er auf den Drummer Sebastian Merk als Begleiter zurückgegriffen hat, beantwortet Enders mit folgenden Worten: „Sebastian ist jemand, der nie auf Auto-Pilot schaltet, sondern sich dynamisch perfekt anpassen kann – von extrem leise bis kraftvoll.“

Das Prinzip des Dialogs ist es, dem Enders ausgiebig in allen Kompositionen frönt. Dabei muss er dann auch die Kommentierung durch seine Mitspieler am Baritonsaxofon ertragen. Auf dem rechten Kanal darf er dann bei „Sun of the Son“ über der Basslinie des Baritonsaxofons von Glenn Müller phrasieren. Der lässt in seinen „Widerworten“ jedoch nicht nach. Ganz zart angestimmt wird ein Glockenspiel, das überhaupt nicht auf der Besetzungsliste erscheint. Auch zu diesem Klangbild muss das Baritonsaxofon seine Meinung knurrend abgeben. Wenn sich alle vereint im Spiel finden und den „Sonnentanz“ tanzen, dann ist auch das Schlagzeug vernehmbar am Werk. Gefällig ist die Melodielinie. Es gibt kaum Abgleiten in die Obertöne. Ähnlich wie im Cool Jazz bleibt es beim linearen Spiel. Jubelschreie, wenn es sie denn gibt, sind sehr verhalten, tiefes Brummen des Baritonsaxofons ebenso. Auf den Bass hat Enders eh verzichtet, sodass nicht noch ein weiterer brummender Tieftöner sich zu Wort melden kann.

Nach dem ersten Titel können sich die Zuhörer auf weitere elf freuen, die einem ähnlichen Klangbild wie bei „Sun of the Son“ folgen. Auch wenn die Modulationsbreite der musikalischen Themen überschaubar ist, Langeweile kommt beim Zuhören nie auf. Eher gibt es eine Form von starker Wiedererkennung, die aber nicht zum Ohrwurm abgleitet.

Schon die ersten Töne von „West Enders“ lassen an den Film „Round Midnight“ denken und an so manchen Titel von Ben Webster und Dexter Gordon. Ruhe und Beschaulichkeit strahlt die Musik aus. Der Feierabend ist schon da, in Greenwich, Brooklyn oder anderswo. Die Komposition klingt so, als würden wir bei Gil Evans vorbeischauen und träfen in der Wohnung Charly Parker, Miles Davis und andere Jazzgrößen beim entspannten Jammen. Nachhaltig im Ohr bleiben bei Enders Musik seine Phrasierungen über dem „röhrenden Hirsch" namens Baritonsaxofon. Das Thema des Stücks gleitet dahin wie ein langsam fahrender Raddampfer auf der Elbe. Doch wieso ist da so eine Aufregung und ein Saxofongeschnatter? Bei der Schreibweise „Ho Bo“ käme man nie darauf, dass es eigentlich „Hobo“ (Amerikanisch für Vagabund, Streuner, Obdachloser) heißen muss. Gewidmet ist das Stück einem Obdachlosen, mit dem Enders in der New Yorker U-Bahn ins Gespräch kam. Der Mann namens Thunder verdingte sich als Straßenmusiker, um zu überleben. „Es schien mir, als hätte er mehr Freude am Leben, als die Menschen, die mit angespannten Mienen durch die Wall Street hetzen.“ So erinnert sich Enders an die Begegnung. Nicht etwa in den Central Park entführt uns Enders, sondern in den „Lonley Park“. Warum? Das kann nur Enders selbst beantworten.

Nur in Ansätzen ist in „Ex March“ ein Marschlied zu erkennen. Kein Wunder, es heißt ja „Ex March“ und nicht „March“. Ob man auf „Moon Waltz“ wirklich Walzer tanzen kann? Eigentlich nicht, denn der typische Walzertakt fehlt völlig. So ist auch die Frage nach dem Rechtsherum oder Linksherum nicht zu stellen. Was kann man von einer Komposition wie „Spieldose“ eigentlich erwarten. Eine flotte Weise mit tonalen Spitzen, oder?Doch davon ist die Einspielung auf der CD meilenweit entfernt. Eher fühlt man sich an typische Big-Band-Musik erinnert. Ein fließender Klangteppich wird vor uns ausgebreitet, über dem sich die Kaskaden des Tenorsaxofons erheben.
Fernab jeder Nostalgie kann man als Hörer den Sound von Cool Jazz und Hard Bop genießen, den Enders in der Version revisited erklingen lässt. Die Kompositionen sind alle frisch, überhaupt nicht verkopft, sondern für jeden nachvollziehbar. Dass sich Enders mit einigen Solos von seinen Kollegen abhebt, ist nicht störend, denn keiner der Titel wird zur Einmannshow. Im Übrigen hat auch Lutz Häffner seine Minuten für Solos. Einem Baritonsaxofonisten muss man nicht unbedingt Zeit für Solos gewähren, dessen tiefe Stimmlage ist eh stets herauszuhören.

Fazit: Man wünscht sich mehr derartige Klangwolken und Klangzaubereien, zumal stimmgewaltige Nur-Saxofonbesetzungen eher selten geworden sind. Zumeist findet man sie als Teil von Big-Band-Besetzungen, die dann eher Duke Ellington oder Gil Evans nachzueifern versuchen.

© ferdinand dupuis-panther

Informationen

Label

www.laika-records.com

Musiker

Johannes Enders
http://www.johannes-enders.com/de/

Lutz Häffner
http://www.lutzhaefner.de/

Vincent Herring
http://www.vincentherring.com/

Herwig Gradischnig
https://de.wikipedia.org/wiki/Herwig_Gradischnig


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