Joachim Kühn & Young Lions
J
ACT
Einleitend zur Einstimmung auf das Album die nachstehenden Zeilen aus dem Text von ACT zum Album: „Wenn man Joachim Kühn um seinen 80. Geburtstag im Jahr 2024 fragte, was er über das Älterwerden denkt, fiel die Antwort erstaunlich klar aus: Es ärgert ihn.
Kein Anlass zur Sentimentalität, kein Grund zum Feiern – vielmehr ein Zustand, gegen den anzuspielen ist: gegen den Lauf der Zeit, gegen Ablenkung und Zerstreuung, gegen jeden Anflug von Stillstand. Doch fragt man ihn, wie es ihm wirklich geht, zeigt sich ein anderes, fast widersprüchliches Bild. „Ich bin produktiver denn je. Mein Tagesablauf dreht sich komplett um die Musik. Ich komponiere und improvisiere. Jeden Tag, stundenlang.“ Achtzig-plus bedeutet für Joachim Kühn vor allem eines: keine Zeit verlieren. Üben, kreieren, weitergehen. „Ich möchte noch freier spielen“, sagt er, „wie all die großen Musiker am Ende ihres Lebens – Bach etwa oder John Coltrane.“ ... Joachim Kühn ist ständig auf der Suche nach neuen Inspirationen. Und nach Musikern, die ihn herausfordern, …“. Dies hat er für das aktuelle Album umgesetzt. Nur fragt man sich angesichts des Line-up mit Marimba und Trompete, welche Rollen den Mitspielern von Joachim Kühn zufallen und welche Klänge im Fokus stehen, sprich ob der Pianist die musikalischen Linien dominiert oder nicht. Also hören wir mal rein!
„Slick Stuff“ zeichnet sich im Beginn durch das intensive Schlagwerk aus und durch das sprudelnde Tastenspiel. Danach erhebt der Trompeter seine Stimme, um das Thema aufzugreifen. Sehr hörenswert ist die Gestaltung des Dialogs zwischen Piano und Trompete, die durchaus hier und da auftrumpft und sich vom Tastenspiel abhebt, gar absondert und auf einem eigenen Orbit unterwegs ist. Überaus temporeich ist das Stück zudem gestaltet. Immer wieder hört man die Interventionen von Joachim Kühn, der den freien unbändigen Geist des Jazz in seinem Spiel aufblitzen lässt. Eine weitere Stimme, die im Verlauf des Stücks auftaucht, ist die des Marimbafons. Allerdings geht das Marimbafon in seinen Feinheiten im Schlagwerkrausch unter und schweigt, sobald der Trompeter das Thema bearbeitet. Irgendwie hat das Stück etwas von Punk, von Pogo und von The Clash, oder?
Fluten des Klangs erleben wir bei „Station i22“. Dabei ist der Trompeter durchaus als Leitfigur anzusehen und Joachim Kühn fällt die Rolle des Kommentators zu, wenn man so will. Ungebändigt agiert der Mann am Marimbafon und lässt die Klangstäbe schwirren. Gestenreich agiert der Pianist. Er lässt in seinem Spiel das Eruptive zur Geltung kommen. Eingebunden ist in das Stück das Solo von Sebastian Wolfgruber am Schlagzeug. „Every Day“ zeigt sich auch musikalisch als ein Alltag, den wir kennen, ohne Höhepunkte und Aufregungen. Die Klangfärbungen liegen maßgeblich in den Händen des Trompeters Jakob Bänsch und des Pianisten Joachim Kühn, der durchaus einen lyrischen Duktus an den Tag legt. Perlenden und kaskadierenden Tastenfluss vernehmen wir im Weiteren. Schlagwerkrauschen scheint überdies allgegenwärtig. Der Marimbafonspieler Andrés Coll phrasiert die Linien, die zuvor der Pianist vorgetragen hat. Dabei klingt es so, als würde Coll klangliche Fontänen initiieren.
Nach „Prof. Sief“ folgt der Titel „Elliot Carter“. Ist das eine Hommage an den us-amerikanischen Komponisten gleichen Namens, der der Nestor moderner amerikanischer Musik ist? „Trommelnde Tastenklänge“ nebst einem im Hintergrund agierenden Marimbafon und die spitzen Trompetenschreie sind Charakteristika des Stücks. Dieses besticht generell durch vielfältige Klangvibrationen und durch die additiven Fragmente der Musik. Dazu gehört aber ausserde. der rasende Klanglauf, den wir Joachim Kühn zu verdanken haben. Beim Zuhören meint man, die Musik sei die Interpretation von Szenen eines Läufers, der schnell querfeldein unterwegs ist. Zugleich fällt dem Zuhörer auch die Szene aus Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ ein. In diesem spielen die Treppe von Odessa und ein rollender Kinderwagen ja eine zentrale Rolle! Der Bassist, der bis dato eher Staffage war, ist in „Elliot Carter“ in einem ausgedehnten Solo zu hören. Nils Kugelmann reizt die Klangbreite des Tieftöners gekonnt aus. Anschließend zeigt der Marimbafonspieler, was das Instrument zu bieten hat. Auch hölzerne Klangstäbe haben Klangvolumen! Nach „Renata's Sleep“ rundet „Attakee“ das Album gelungen ab.
© ferdinand dupuis-panther
Musicians
Joachim Kühn piano
Jakob Bänsch trumpet
Andrés Coll marimba
Nils Kugelmann bass
Sebastian Wolfgruber drums
Tracks
01 Slick Stuff (04:30)
02 Station i22 (04:49)
03 Every Day (08:23)
04 Prof. Sief (05:02)
05 Elliot Carter (08:57)
06 Renata's Sleep (06:13)
07 Attakee (05:51)















