Graziano Gatti Quadri & Massimo Betti: The Nest Duo - A Whisper of Roots

Graziano Gatti Quadri & Massimo Betti: The Nest Duo - A Whisper of Roots

G

AUTRecords

„Dieses Werk, das Ergebnis einer fünfzehnjährigen Zusammenarbeit und Freundschaft, erzählt eine Geschichte von Zuflucht und der Suche nach einem Neuanfang. Mit Hilfe von Elektronik, Fragmenten aus Volksliedern, Kinderreimen und Glockenmelodien verwandeln die beiden Musiker diese Suche in eine lebendige Klangwelt, die sich zwischen melodischer Form und klanglicher Erforschung bewegt. Die Kompositionen entstehen aus einer Überarbeitung von Volksmusikmaterial: Fragmente von Liedern, melodische Linien und rhythmische Zellen tauchen als ferne Spuren wieder auf, neben originellen Themen, die rhythmisch von Volkstraditionen inspiriert sind. Die Musik wechselt zwischen zweizeiligen und dreizeiligen Takten, wobei letztere ein charakteristisches Merkmal der lombardischen Volksmusik sind.“ Das ist die deutsche Übersetzung des Labeltextes zum vorliegenden Album.

Ein Duo ist eine sehr fragile Formation, die sich mit großer Sensibilität dem Mitmusiker gegenüber zeigen muss. Und das ist bei den beiden Musikern der Fall. Bezeichnend ist, dass das Cover ein, wenn auch leeres, Nest zeigt, getreu dem Namen der Band.

Kurz ist die Einführung in die Musik des Albums: „Intro - Volar via“. Wabernder Klang als Beigabe trifft auf Klanglandschaften, die der Gitarrist schafft, teilweise elektronisch verfremdet, sodass die Gitarre hier und da an Wurlitzer erinnert. Voller ausdifferenzierter Klang des Kornetts ist in „Restituire alla luna le maree“ zu vernehmen. Zuhörer meinen, einen Trompeter zu erleben, doch die Instrumentierung ist aus dem Line-up genau zu ersehen. Klanglich gibt es für einen Aussenstehenden zwischen Kornett und Trompete kaum eine Differenz. Mit gleich bleibendem Akkordmuster begleitet der Gitarrist die „verwegenen Trompetenklänge“. Sie dominieren den Klangraum ohne Frage. Wenn der Gitarrist zum Solo ansetzt, dann schwingen Synth-Verschiebungen mit. Aus dem Off meldet sich der Kornett-Spieler, der sich in die Höhen schwingt, ehe er dann in eine Art Loop verfällt. Der Gitarrist klingt teilweise so, als wäre er eine Mischung aus Rhodes, Wurlitzer und Fender Rhodes. Das scheint wohl nur den elektronischen Beimischungen zu verdanken zu sein. Dankenswerter Weise spielt der Kornett-Spieler klare Linien und nimmt uns wie in „I Feel Sunset“ auf eine musikalische Reise in den Süden mit, so das mögliche Bild, das sich beim Hören einstellt. In langsamem Tempo entwickelt der Kornettist seine „mediterranen Klangbilder“, so wie auch der Sonnenuntergang ein allmählicher ist. Phrasierend agiert der Gitarrist, der sich des Themas bedient. Lauschen wir dem Kornettisten im Weiteren so ist es so, als würden wir auf Klangwölkchen dahingleiten. Ob man allerdings von einer hypnotischen Qualität des Stücks, so eine Passage im Pressetext, sprechen kann und eine Referenz zu Pharoah Sanders und Don Cherry sieht, muss der Zuhörer selbst entscheiden, auch beim Gesang, der Teil des Vortrags ist und dem Track eine Pop-Music-Note gibt. Zudem denkt der eine oder andere Zuhörer vielleicht auch an „Save Our Children“ von Sanders, oder?

Nachfolgend wird die Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Hund durch Klangformen beschrieben. Dazu gehört auch ein Plop-Plop des Gitarristen und die langwelligen Kornettklänge. Graziano Gatti Quadri weiß, wie in anderen Stücken, durch die Klarheit seines Spiels zu überzeugen, derweil der Gitarrist seine Gitarrensaiten ins Schwingen bringt und an Jimi Hendrix erinnert. Eingesprochene Texte sind zu vernehmen, ohne diese wirklich verstehen zu können.
„Leeres Nest im Winter“, so die Übersetzung von „Nido vuoto d’inverno“, hören wir anschliessend. Gitarrenklänge, einem Glockenschlag der Turmuhr angelehnt, dringen mit Plong-Plong an unser Ohr. Leise und dunkel gefärbt ist das Kornett, dessen Klang nur zu erahnen ist, während das Plong-Plong des Gitarristen seine Fortsetzung findet. Danach erleben wir einen Kornettisten, der wohl mit Dämpfer spielt und zudem sich auch auf Loops und Nachhall sowie musikalische Flic-Flacs versteht. Dabei entsteht eine Musik, die entfernt an die von Mike Oldfield erinnert, oder? „ A Whisper of Roots“ ist ein weiterer englischsprachiger Titel des Albums. Neben dem gedämpften Klang des Kornetts hören wir ein intensives Geräusch von Fahrtwind, oder? Danach entwickelt der Kornettist Klangflächen inklusive „Nachhall“ der angespielten Motive, sodass man den Eindruck erhält, man höre mehrere Bläser. Der Gitarrist verharrt in Plop-Plop, auch wenn der Kornettist sein Spiel intensiviert. Die Melodie ist eingängig und lässt sich mitsingen. Dem Gitarristen fällt in Folge zu, eine Art Klangteppich auszurollen. Darüber legt der Kornettist seine sonoren Klänge. Übrigens, sobald der Gesang einsetzt, hat man von den Harmonien her den Eindruck, man höre "San Francisco (Be Sure to Wear Flowers in Your Hair)". Nach „L’è stacc ol vent“ und „Il nido della cincia“ folgt dann der Schlussakkord: „ Away with the Robins”.

© ferdinand dupuis-panther 2026


https://www.autrecords.com/

Musicians
Graziano Gatti Quadri: cornet, electronics, vocals
Massimo Betti: guitar, electronics

TRACKLIST
01. Intro - Volar via 1’ 21”
02. Restituire alla luna le maree 4’ 57”
03. I Feel Sunset 7’ 13”
04. Seizampe: storia di un’amicizia tra
un Ragazzo e un cane. 5’ 47”
05. Nido vuoto d’inverno 6’ 14”
06. A Whisper of Roots 0’ 41”
07. L’è stacc ol vent 7’ 53”
08. Il nido della cincia 4’ 56”
09. Away with the Robins 6’ 06”
Total Time: 45:36


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