Von Oslo nach Warendorf: Oddgeir Berg Trio, JazzLive 21.11.2019





Angekündigt wurde das Trio kurz und knapp mit „Scandinavian Electroacoustic Jazz“. Zugleich ließ es sich der Organisator der Jazzreihe, Armin Düpmeier, nicht nehmen, in seiner kurzen Ansprache zu Beginn des Konzerts auf die Tradition des nordischen Jazz zu verweisen und nannte namentlich Jan Garbarek. Zugleich fügte er an, dass sich auch der Jazz aus dem hohen Norden unterdessen gewandelt habe und neue Gesichter der skandinavischen Jazzszene zu begrüßen seien. Dazu gehört auch das Oddgeir-Berg-Trio mit dem Pianisten und Keyboarder Oddgeir Berg, dem Bassisten Karl-Joakim Wisloff und dem Drummer Klaus Robert Blomvik.

Das Dreigestirn war auf ihrer CD-Release-Tour unterwegs und stellte Kompositionen aus dem jüngst bei Ozilla Records erschienenen Album „In the End of the Night“ vor, aber auch Stücke aus früheren Produktionen. Marketingstrategen waren die drei Osloer Musiker nicht, denn zu keiner Zeit des Konzerts priesen sie, die Platte bzw. die CD in der Hand hochhaltend und dem Publikum präsentierend, ihr neues Album an. Auch in der Pause hatten sie keinen Verkaufstisch aufgebaut. Warum begibt man sich dann auf eine CD-Release-Tour ?

Vollmundig war die Ankündigung des Konzerts: „In ihrer Musik verschmelzen Tradition und Moderne perfekt miteinander, werden entrückte Fusion-Sequenzen in klassische Improvisationsstrukturen eingebettet, stehen Blomviks unterschwellig treibende Breakbeats neben federnden Walking-Bass-Mustern. Hinter der Floskel des „nordischen Jazz-Sounds“ verbirgt sich weitaus mehr als nur verhuschte Balladen.“

Angesichts solcher Zeilen und angesichts der Vielzahl von Jazztrios, auch weltweit für Furore sorgende Trios wie das von Keith Jarrett, fragte man sich schon, was denn die drei norwegischen Musiker als ihre Nuance des nordischen Jazz anzubieten haben.


Als Konzerteinstieg wählte das OBT mit „Way Home“ eine Komposition, die zu dem grauen Novembertag in Warendorf passte. Wolkenverhangen war der Himmel. Feuchte breitete sich aus und kroch in die Kleidung derer, die draußen unterwegs waren. Man hatte den Eindruck, die Wolken küssten die Stadt. Schwermütiges drang ans Ohr der sehr zahlreich erschienenen Zuhörer. Klassische Akzente setzte das Trio, dabei sehr stark dem Elegischen verbunden. Kurze Spitzen setzte der Drummer bei dem Spiel mit den Blechen und der Snare, auch gewischt. Derweil hatte man das Bild eines Nachtschwärmers und späten Heimkehrers vor Augen, folgte man den Linien, die Oddgeir Berg zu Gehör brachte. Er machte uns mit seinem Spiel glauben, es würde jemand durch verschneite Straßen stampfend unterwegs sein. Gedämpftes Laternenlicht war der Begleiter. Auch der Bassist war mit seinem Saitenschnarren darauf bedacht, dieses Winterbild zu unterstreichen. Eher bunt mutete mit einer sehr eingängigen und teilweise auch vorhersagbaren Melodiestruktur das nachfolgende Stück „American Dream“ an. Stürzende Wasser gleich ergoss sich das Tastenspiel, das sich im Verlauf in einen Modus änderte, der an Cannonball Adderley denken ließ, auch wenn keine Bläser mit im Spiel waren. Doch das waren allein kurze verwischte Momente.


Bei „List“ schienen Fragmente von Harmonien bekannter Kompositionen aufgenommen worden zu sein. Tauchte da nicht gar Barry Ryans „Eloise“ auf? Liedhaftigkeit war nicht von der Hand zu weisen. Der Zeitgeist von Schubert und Schumann schien heraufbeschworen zu wenden. Jazz in romantischem Gewand? Doch nicht allein das fiel auf, sondern auch die Schwere, die bereits „Way Home“ auszeichnete und die einen Brückenschlag zu Kompositionen von Edvard Grieg bildete. Dabei waren keine Adaptationen von Grieg zu hören, aber Hinweise und Querverbindungen. Die Schwere wurde bisweilen  durchbrochen und nicht stringent bis zum Ende durchgehalten, sodass sich auch Bilder wie das ausgelassene Tanzen zu Mittsommernacht aufdrängten.

Im Laufe des Abends begaben wir uns auch auf kleine Fluchten („Escape“). In der Inszenierung war dies eines der nachhaltig im Gedächtnis gebliebenen Stücke. Da war Dynamik jenseits eines teilweise aquarellierten Klavierspiels vorhanden. Was allerdings die Delays und andere Effekte sollten, erschloss sich dem Berichterstatter nicht. Malströme und röhrende Wasser waren auch so auszumachen. Folkloristisch angehaucht war „Vagabond“, auch dies ein sehr dynamisches Stück und in A-Tempo gezeichnet. Doch wie in allen anderen Kompositionen zuvor, gewann man den Eindruck einer gebundenen Struktur. Räume für musikalische Ausschweifungen schienen nicht freigeräumt zu werden. Das Herunterbrechen des Trios in seine Elemente, ob Soli oder Duos, war eine Seltenheit. Die Dominanz des Klaviers als Klangkörper war nicht zu überhören.


Das war auch bei den beiden Kinderliedern, die Oddgeir Berg für seine älteste Tochter und seinen Sohn geschrieben hatte, nicht anders. Eingängige, zum Mitsummen ausgelegte Melodien trafen auf den Geschmack des Publikums, das mit Beifall nicht geizte. Nun ja, Jazz ohne Ecken, Kanten, Brüche und Aufbrüche war zu hören. Vertrackte Changes und Bridges gab es nicht. Alles schien wie ein stetes Rinnsal und eingebettet im klanglichen Fluss. Konzertant war durchaus das, was zu hören war, aber es fehlte dann doch an Ausschweifungen und an dem Unvorhersehbaren, wofür im Kern Jazz steht.

Auffallend war auch die Kürze der Stücke, die auf weite Improvisationen und auf das Wechselspiel zwischen den Musikern nicht wirklich ausgelegt waren, so auch bei „Future has come“, das wenigstens aus dem weitgehend lyrischen Ansatz ausbrach.

 


Ausbruch war im Ansatz bei „Here come the toughest“ zu konstatieren. Dabei schien Funk im Geiste von Eddie Harris auf dem Programm zu stehen. Auch „Travellers“ verließ die lyrischen Pfade, blieb aber erzählerisch. Schlussendlich ließ uns das Trio mit dem letzten Stück des Abends wieder in den grauen November ankommen. Noch mehr als in „Way Home“ schien die vermittelte Stimmung von dunkler Melancholie bestimmt. Nicht nur beim gestrichenen Bass musste man an Bilder vom Totentanz denken. Insgesamt meinte man, ein Lament würde angestimmt.

Fotos und Text © ferdinand dupuis-panther


Informationen
https://www.oddgeirbergtrio.com


our partners:

Clemens Communications


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée

 

Special thanks to our photographers:

Ron Beenen
Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Paul De Cloedt
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Federico Garcia
Robert Hansenne
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Nina Contini Melis
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken


and to our writers:

Mischa Andriessen
Robin Arends
Marleen Arnouts
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Federico Garcia
Paul Godderis
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Etienne Payen
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Iwein Van Malderen
Jan Van Stichel
Olivier Verhelst