Trinkhallen Tour Ruhr 2018

„Die Verwechslung“ in der Dortmunder Nordstadt, 20. 7. 2018



Die Verwechslung war wieder einmal auf Tour. Nach internationalen „(Um)Wegen“, die vor einigen Wochen nach Lüttich führten, zeigten sich die drei Bassklarinettisten Felix Carlos Fritsche, Florian Walter und Lutz Streun dem heimischen Publikum. Eine Woche war dieses Dreigestirn, das sich „Die Verwechslung“ nennt, nebst zwei Gästen aus Manchester, der aus Litauen stammenden Vokalistin Greta Buitkutė und dem englischen Gitarristen David Birchall, bereits unterwegs, ehe beim „Bergfest“ in Dortmund gleich vier Konzertorte unter freiem Himmel angesteuert wurden.


Im Großstadtgetöse

Wie stets bei der Trinkhallentour standen das jeweilige Büdchen und die Musik im Vordergrund. Vorbeilaufende Passanten, Straßenlärm und auch der eine oder andere verbale oder nonverbale Kommentar sind Bestandteil der Tour, die experimentelle, avantgardistische, improvisierte Musik aus der Nische holt und öffentlich zur Debatte stellt.

Bei Filmaufnahmen des Westdeutschen Rundfunks für die Sendung Lokalzeit Dortmund fiel bezüglich der Musik der Begriff „schräg“ - und das ist gewiss eine Frage der Betrachtung. Nein, keine Kaffeehausmusik und auch keine Jazzstandards präsentierten die drei umtriebigen Jazzmusiker, alle Absolventen der renommierten Folkwang-Universität. Da waren nicht nur großer Spielwitz, Humor und Spontanität mit von der Partie, sondern auch eine Musik, die aus dem Moment heraus entstand.


Ironie und Sprachwitz

Sinn für das Humorige, auch für Ironie und Sarkasmus lässt sich leicht in den Titeln zu den jeweiligen Stücken ablesen, darunter „Omma, wir sind im Fernsehn“ oder „ Die Musik muss doch einen Namen haben“ oder „Lieber Rumliegen als Rumkugeln“. Bezüge zu Kommentaren während der Konzertreihe bestätigte Florian Walter, einer der wesentlichen Macher der Tour. So hätten zwei ältere Damen bei dem Auftritt in Duisburg die Frage nach den Namen für die Musik aufgeworfen, was ja schon für ein Interesse an der nicht leicht bekömmlichen musikalischen Kost spricht. Und was machte „Die Verwechslung“ daraus? Na klar das Stück „Diese Musik muss doch einen Namen haben“.


Papa Afrika schaute auch vorbei

Auch in Dortmund gab es Kommentierungen, wenn auch verhalten und eher unterschwellig. Ein Mann mit grauen langen Haaren, sie waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, lief am Büdchen in der Münsterstraße 101 vorbei, legt den Kopf seitlich ab, blieb kurz, sehr kurz stehen, ging weiter und schüttelte sich. Das bedeutete wohl, dass die vorgetragene Musik nicht auf sein Verständnis traf. Einige Vorbeigehende zückten ihr Smartphone, um Filmaufnahmen zu machen. Wo werden diese wohl zu sehen sein?

Die Fernsehaufzeichnung des WDR für die Lokalzeit Dortmund zog auch den einen oder anderen an, war doch endlich mal was los im Kiez. So kam dann auch „Papa Afrika“ des Weges, hatte schon Kleingeld in der Hand und suchte nach dem Hut, den es nicht gab. Zumindest ließ er sich nicht nehmen, die Musiker mit Faust-zu-Faust statt Handschlag zu begrüßen.


Eier in der Pfanne

Wer zuhörte, der hatte den Eindruck, die Musik habe auch etwas Alltägliches, sei eine Symbiose mit Alltagstätigkeiten eingegangen. Wie sonst ist ein Titel wie „Hau mir doch mal zwei Eier in die Pfanne“ zu begreifen? Musikalisch erwies es sich nicht so einfach, wie man denken konnte. Stritten sich da nicht die drei Klarinettisten über das Wie? Aufgeregtheit schuf sich Raum, auch durch vokale Beigaben. Eigentlich kann es noch nicht so kompliziert sein, Spiegeleier zu machen. Doch vielleicht musste man sich einigen, ob Margarine oder Butter zum Braten benutzt werden soll. Daher schien es, so der Eindruck, einen veritablen musikalischen „Streit“ zwischen den Musikern zu geben, der aber am Ende beigelegt war.

Eher bedächtig, fast schon kontemplativ hingegen war „Diese Musik muss doch einen Namen haben“ angelegt. Hörte man da nicht das Tuscheln und Wispern der beiden älteren Duisburgerinnen, die über die Musik rätselten? Neben den drei Klarinetten, die es verstanden neben einer „Melodiekontur“ auch das Rhythmische gekonnt umzusetzen, war es an David Birchall das Feld der hohen Töne auszuloten. Auf Nachfrage betonte er, dass es ihm darum ginge, die Noten zwischen den Noten zu erkunden. Er nutzte dazu einen Bottleneck, den er aber nicht im klassischen Sinne anwendete, sondern mit dem er nur leicht die Saiten antippte, gleichsam als ein Trigger nutzte. Überhaupt manipulierte er seinen Saitenträger, schob auch mal einen Stift zwischen die Saite, ließ einen Stift über den Tonabnehmer kreisen, spielte oberhalb der Griffhand und setzte so feine „Kontrapunkte“ zu den „hölzernen Tieftönern“.

Beinahe wie ein Sirenengesang klang das, was Greta Buitkutė ihren Stimmbändern entlockte. Sie schlüpfte in die Rolle der Gegenspielerin zu den Klarinetten. Teilweise überlagerte der Lärm des urbanen Dschungel ihre Stimmkraft. Nun ja, das ist eben die Spielsituation im Stadtraum.


Ein Mundstück reicht aus

Zu hören waren schnalzende Sequenzen, flirrend-samtene Klangausgestaltungen, einfallende Wechselgesänge, stufige Passagen mit unterschiedlicher Intensitäten. Auch Assoziationen an Musik mit Klangschalen stellten sich im weiteren Verlauf der Performance ein. Zugleich dachte man an Wasser, das über treppenförmig angelegte Becken von oben nach unten rinnt – und das bei 30 Grad im Schatten und einer unbarmherzig brennenden Sonne.

Dass eine Klarinette auch ohne das Bewegen der Klappen ihre Funktion erfüllt, unterstrich Felix Carlos Fritsche, der zeitweilig nur das Mundstück als „Atemrohr“ nutzte. Rhrhrrrr drang an die Ohren der Umstehenden. Hähalülu kam hinzu. Musikalisches Dada auch ohne Herrn Ball wurde geboten, teilweise durchaus mit kurzer Ekstase.


Ovomaltine und …

Turbulenzen in der Luft fingen die Musiker nachfolgend nicht ein, als sie sich mit dem Stück „Im Flugzeug muss man zum Rauchen vor die Tür treten“ präsentierten. Leise Zwischentöne mischten sich mit einem stimmlichen Überschlag. Von Rede und Gegenrede wurde man überzeugt. Ging es wirklich um das Pro und Contra des Rauchens? Lassen wir das einmal stehen, denn nur kurz waren die Pausen zwischen den Stücken, die in ihrer Länge überschaubar waren. Zehnminütige Improvisationen hätten die Zuhörer sicherlich auch überfordert. Gut also, dass der musikalische Fluss überschaubar war. Vor allem die in Nordstadt wohnenden Migranten, die vorbeikamen, schienen nicht nur bei diesem Stück irritiert, was in ihrem „Wohnzimmer“ geschah.

Muhammad Ali war bei dem Auftritt auch zugegen, jedenfalls in Gestalt eines „Songs“, der lautete: „Muhammad Ali advertising Ovomaltine“. Kein Witz! Angeschmiegt an das „Sphärische“ der Gitarre zeigten sich die Klarinettisten und die Sängerin. Zugleich aber hatte man den Eindruck, die Instrumentalisten würden einen Klang bildenden Staffelstab weiterreichen.

Schließlich konnten die Anwesenden auch miterleben, wie eine sogenannte Tages abdeckende Mahlzeit in Klangbildern umgesetzt werden kann. Das bot nämlich ein Büdchen in Oberhausen an, das „Die Verwechslung“ im Rahmen der Tour besuchte. Danach war noch nicht Schluss, denn zum letzten Konzert an diesem Tag, zogen die Musikkarawane und ihre Begleiter zum Nordmarkt. Und in der letzten Juliwoche findet das Spektakel an weiteren Orten im Ruhrgebiet eine willkommene Fortsetzung.

Text und Fotos © A. Panther/F. Dupuis-Panther – Text und Fotos sind nicht Public Commons

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