TatortJazz: "Um Pedaço do Brasil"

Kunstmuseum Bochum, 16. 5. 2018



„Erleben sie mit João Luis Nogueira Pinto ein Stückchen Brasilien.“ So las man es in der Vorankündigung des Konzerts im Kunstmuseum Bochum. Also hieß es gespannt zu sein, auch und gerade auf Jazz jenseits des „Mädchens von Ipanema“, denn Astrud Gilberto mag zwar für viele ein Synonym für Jazz aus Brasilien sein, aber sie ist eben nur eine „brasilianische Stimme“ unter vielen. Man denke da unter anderem an Baden Powell, Egberto Gismonti, Antonio Carlo Jobim, Gilberto Gil, aber auch an „europäische Jazzabenteurer“ mit einer Vorliebe für den „Zuckerhut, nämlich Toots Thielemans oder auch Stan Getz.

João Luis Nogueira Pinto wurde 1981 in Brasilien geboren und begann im Alter von acht Jahren Gitarre zu spielen. Im Oktober 1997 ging er nach Belo Horizonte, um an der staatlichen Universität von Minas Gerais zu studieren. Von 2008 bis 2013 absolvierte João Luis dann an der Folkwang Universität der Künste in Essen seine weiteren Studienjahre. Unterdessen ist er ein gefragter Gitarrist, der in der Vergangenheit mit namhaften MusikerInnen wie Tony Lakatos, Marcio Tubino, Rosani Reis, Zélia Fonseca oder Viktoria Mullova auftrat.


Bei seinem Konzertauftritt mit der „TatortJazz-Hausband“ [Alex Morsey (bass), Uwe Kellerhoff (drums), Matthias Dymke (piano)] lud er die Zuhörer zu einer musikalischen Reise durch allerlei brasilianische Klangwelten ein. Eine Komposition von Baden Powell („Berimbau“) stand ebenso auf dem Programm wie eine von Antonio Carlos Jobim („Chega de Saudade“). Aber auch Klangideen von João Donato und Caetano Veloso wie „A Rã“ oder wie „Agua e Vinho“ (Musik: Egberto Gismonti) fehlten nicht. Zum sehr unterhaltsamen abendlichen Repertoire gehörten zudem Stücke wie „Bananeira“, mit dem eigentlichen Potential, bei uns ein Sommerhit zu werden, und das überhaupt nicht getragen-schwermütige „Lamento no morro“. 

Um es mal vorwegzunehmen: Es war ein Abend der eher sanften, leisen, zarten Töne, die da durch den Saal des Kunstmuseums Bochum schwebten und oszillierten. Hier und da wurde mal ein heftiges Schlagwerkgewitter eingestreut, aber nach diesem klanglichen Starkregen glitten Klangwellen ausgewogen dahin. 


Ohne Vorrede begann das Konzert mit dem Griff in die Saiten der akustischen Gitarre. Was uns João Luis Nogueira Pinto zu Gehör brachte, das glich einem Laubrascheln, einem warmen Windhauch, der sich durch schmale Gassen und hinauf in die Favelas von Rio drängte. Palmenwedel schienen sich zu wiegen. Feierabendgetratsche war zu vernehmen. Wellen vermeinte man, sanft am Küstensaum auslaufen zu sehen.

Nach dem solistischen Entree hieß es dann „Lamento no morro“. Dabei handelt es sich um einen Song, zu dem Vinicius de Moraes die Lyrik verfasst hat. Doch auf Gesangseinlagen mussten die Zuhörer verzichten. So entgingen ihnen auch Zeilen wie „Não posso esquecer / O teu olhar / Longe dos olhos meus“. Der aus Brasilien stammende Gitarrist und Gastsolist des Abends erläuterte in wenigen Worten ergänzend zum Song, dass der Strand von Rio den Reichen, der Berg aber den Armen gehöre. Hier an den Berghängen erstrecken sich die Favelas. Dass sich ein ehemaliger Bürgermeister von Hamburg auch hier niedergelassen habe, um den Ausblick zu genießen, erwähnte  João Luis Nogueira Pinto am Rande.


Was dann musikalisch als Lament an unser Ohr drang, war eine gekonnte Bossa-Samba-Melange, die so gar nichts von der Alltagsgewalt der Favelas ausstrahlte. Besen wischten über Felle, derweil Saitenschwünge im Bossa erklangen. Der eine oder andere Anwesende wähnte sich dabei tiefenentspannt in der Hängematte. Tänzelndes und Tänzerisches war zu vernehmen, auch als der Pianist des Abends, Matthias Dymke, seine Finger mit den Tasten spielen ließ. Laszive Hüftschwünge und ausgefeilte Schrittpassagen konnte man sich gut zum Gehörten vorstellen. Auch Uwe Kellerhoff stimmte sich an seinem Schlagwerk auf kleine Tanzschritte ein.


Durchaus spröde war der Titel eines weiteren Songs: „Unverträglichkeit der Charaktere“, so die Übersetzung aus dem Portugiesischen. Sehr flott ging es bei diesem Samba-Funk zu. Eigentlich fehlten noch Trillerpfeifen, Shakers, Rasseln, Bongos, Kuhglocken und Congas, um sich in wahres Sambafieber zu versetzen. Faszinierend war es, das Fingerspiel des Bassisten Alex Morsey und des Gitarristen João Luis Nogueira Pinto anzuschauen, die sich in der Melodielinie ergänzten. Beinahe meinte man, dass sich beide in ihren jeweiligen Lagen zu Höchstleistungen anstachelten und vorantrieben. Nachfolgend war es an Uwe Kellerhoff sich solistisch an den Fellen von Toms und Snare „auszutoben“.

Fast zerbrechlich wirkende Gitarrenpassagen waren im Anschluss zu hören. Konzertant ging es zu. Schwere war abwesend. Schwerelosigkeit war präsent. Eine gewisse Leichtigkeit war zu spüren. Dabei sorgte der Bass für eine gewisse Erdung. Mit einer Komposition von Milton Nascimento endete schließlich der erste Set des sehr gelungenen Abends.


Der Song „Eine Fröschin“ – so wäre die korrekte Übersetzung von „A Rã“ – eröffnete den zweiten Teil des Konzerts. Nun ja, wenn ein Literaturnobelpreisträger  ein Buch namens „Die Rättin“ schreiben kann, warum kann es dann im brasilianischen Jazz nicht auch eine Fröschin geben? Gewiss auch von dem Songtitel geleitet, konnte man sich bei den ersten Takten, die dem Bass gehörten, das Hin- und Herhüpfen eines agilen Laubfrosches vorstellen.

Nach dem sehr bewegenden Samba-Funk präsentierten der Gastsolist und die Hausband einen langsamen Samba, einen Coro, bei dem man denken konnte, es sei schon die „blauen Stunde“ angebrochen. Mit allem ausgestattet, ein Sommerhit zu werden, ist „Bananeira“ („Bananenbaum“). Nein, ein Popsong im engen Sinne ist es nicht, doch Afrobeats und -rhythmen durchziehen die Komposition vom Anfang bis zum Ende.

Dass man auch auf Basssaiten den Eindruck erwecken kann, ein Berimbau sei zu hören, unterstrich Alex Morsey nachfolgend bei dem Vortrag einer der elf Kompositionen über dieses so typische brasilianische Einsaiteninstrument (auch Musikbogen genannt), die Baden Powell zu verdanken sind. Sein Talent als Scat Vocalist unterstrich Alex Morsey im weiteren Fortgang des Stück, was die Anwesenden mit entsprechenden Beifallsbekundungen würdigten. Überhaupt waren die, die gekommen und auch nach der Pause geblieben waren, sehr von der Musik angetan, was sich im Schlussbeifall auch widerspiegelte. So war es dann auch kein Frage, dass noch ein Zugabe gegeben wurde: Mit „Tempo amor“ von Antonio Carlos Jobim ging es dann in die Bochumer Nacht.


Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons.


Informationen

Tatort Jazz
http://milli-haeuser.de/tatort-jazz/konzerte/

Musiker
https://www.joaoluis.de/


Interview Alex Morsey
http://www.jazzhalo.be/interviews/alex-morsey-interview-mit-dem-bassisten/



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