Take 5 Jazz am Hellweg: BBS Trio

Haus Siekmann, Sendenhorst, 14.11.2021






Entlang des historischen Hellwegs, einem einst wichtigen mittelalterlichen Handelsweg, an dem unter anderem Städte wie Hamm, Unna, Soest und Dortmund liegen, findet zwischen September und Dezember auch in diesem Jahr eines der größten Jazzfestivals in NRW statt. An 30 unterschiedlichen Orten kann man aus 55 Konzerten auswählen. Das abwechslungsreiche Jazzprogramm hat  für jeden Jazz-Fan etwas im Angebot – auch für die, die es noch werden wollen. Denn die Kinder-Jazzkonzerte mit Uli Bär und der ABC Jazzband und das Regional-Nachwuchsorchester „hellway2 high big band“ sind weiterhin tragende Teile des Festivals. Eines der Konzerte, über die zu berichten ist, fand im Haus Siekmann in Sendenhorst statt.

Eine Reise in den zeitlos fesselnden Jazz mit dem Trio Bergmann-Bär-Siehoff, kurz BBS Trio, versprach die Konzertankündigung. Zudem war darin von der Fortsetzung der Traditionslinie des Hardbops in der Tradition von Kenny Barron  die Rede. So konnte man dann auf den Pianisten Sven Bergmann, den Kontrabassisten Uli Bär und Martin Siehoff am Schlagzeug gespannt sein. Und noch etwas konnte man in der Ankündigung lesen: „Die drei Musiker um Sven Bergmann gehören zu den modernen, lyrisch und rhythmisch spielenden Jazztrios. Das Programm des BBS Trios besteht überwiegend aus Jazzstandards und interessanten Eigenkompositionen.“


Windspiele – sprich Kompositionen von Sven Bergmann zu fünf der acht Winde, die rund ums Mittelmeer vorkommen – bildeten den Kern des Konzerts. Vorab sei auf diese Winde kurz und knapp hingewiesen. Dies tat auch Uli Bär in seinen Zwischenansagen. Da gibt es die bekannten Winde Mistral, auch Maestral geschrieben, und den Schirokko, aber auch Bora, Poniente, Levante oder den Tramontana. Letzterer verspricht Regen und starke Wind-Böen, gilt als nördlicher bis nordwestlicher und kalter Wind im Mittelmeerraum. Der Schirokko hingegen transportiert heiße und mit Staub versetzte Luft aus der Sahara nach Norden in Richtung Mittelmeer. Das mag als Einführung genügen.

Im Weiteren war dann Uli Bär an der Reihe, der in die mediterrane Windkunde einführte. Entstanden sind die Kompositionen im Bergischen Land, derweil Uli Bär auf Sardinien die Ausformungen der Winde verspürte. Drei Kompositionen fehlen noch, wie Uli Bär im Konzert bemerkte, aber auch dieses fünf Winde trugen die Anwesenden aus dem kühlen spätherbstlichen November in andere europäische Gefilde. So wurden wir mit Jazzkompositionen auf eine Reise mitgenommen und blieben doch in Westfalen.

Aufgemacht wurde das Konzert allerdings mit „Antigua“, sprich wir reisten musikalisch in die Karibik, ehe wir über den Atlantik ins Mittelmeer segelten. Komponiert hat dieses Stück, der aus Antigua stammende Gitarrist Roland Price. Er ist der bekannteste Jazzer des karibischen Inselstaats, so Uli Bär bei der Einführung des Stücks. Mit tanzendem Fingerspiel auf der kleinen Tom und der Snare begann das Stück. Martin Siehoff hauchte dem Stück schon bei den ersten Taktschlägen karibisches und südamerikanisches Flair ein. Nein, einen Calypso reinsten Wassers konnte man nicht ausmachen, doch Gedanken an die verführerische Barcadi-Rum-Werbung blitzten hier und da auf. Rhythmisches Bass-Spiel setzte alsbald ein und verwob sich mit dem expressiven Gentrommel.


Sobald der Pianist die aquarelligen Klangfolgen anstimmte, schien auch irgendwie „Cantaloupe Island“ im Haus Siekmann präsent zu sein, oder? Bilder von azurblauem Wasser und goldgelben Stränden – gewiss ein Klischee – drängten sich beim Zuhören auf. Surfer sahen wir vor unserem geistigen Auge über Wellenkämme gleiten. Segelboote kreuzten unter vollen Segeln.Das Besengewische und -spiel des Schlagzeugers schien Windspiele zu imitieren. Bleche wurden ins Schwirren und Flirren gebracht. Felle vibrierten sacht. Ein sanftes Rauschen breitete sich in der ehemaligen Tenne des Hauses Siekmann aus und Uli Bär nahm uns in seinem Bass-Solo auf die weitere musikalische Reise mit.


Im Weiteren umhüllte uns musikalisch der „Poniente“, ein Westwind mit gelegentlichen böigen Auffrischungen. Das Aufsteigen des Windes suggerierte der Pianist Sven Bergmann mit seinem behutsamen Tastenspiel. Nachfolgend schien sich das Windgeschehen zu verstetigen, folgte man den Piano-Sequenzen. Hier und da setzte der Schlagzeuger seine Akzente und gelegentliche Böen erfassten die Zuhörer. Kündete da Uli Bär gar Regen an? Sein Saitenzupfen hörte sich so an, als würden Wolken dahin schweben, als gäbe es ein Wind-Geschiebe, das auffrischt. Unterbrochen wurde dies durch aufwühlende Intermezzos des Schlagzeugers. Da schien sich dann eine musikalische Windhose zu bilden, die durch das Haus Siekmann fegte.

Wolkenverhangene Landschaften, nicht allein strichweise Regen und ein nordwestlicher Wind standen nachfolgend auf dem Programm. Dabei wurde der „Tramontana“ verjazzt präsentiert. Uli Bär sprach im Zusammenhang mit dieser Komposition von einem Blue-Note-Feeling. Ausladend und bedächtig war der Duktus, den wir Anwesenden erlebten. Schlägel pochten auf die Felle der Trommeln. Irgendwie hatte man den Eindruck von Wetterfühligkeit, als sich der Bassist zu Wort meldete. Kleine Klangstrudel entlockte Sven Bergmann seinem schwarzen Tastenmöbel. Nachfolgend wurden wir Zeuge eines dramatischen Wetterverlaufs, so der Höreindruck. Gab es da nicht auch ein wenig Wetterleuchten zu beobachten? Doch eigentlich wurde ja nur ein Mittelmeerwind aus Nordwest in Klangbilder umgesetzt.


Mit dem „Mistral“ stand ein weiterer Wind im Fokus des Konzerts, ehe sich das Trio dann dem „Schirrokko“ widmete. Uli Bär schien in der Ankündigung des Stücks richtig ins farbige Schwelgen zu kommen. Sehr plastisch schilderte der Bassist des Trios den Wind mit seiner Sandlast, die gelblich-rötliche Verfärbung des Himmels, die von Saharastaub bedeckten Autos und das Aufkeimen von tropisch anmutenden Wirbelstürmen. Gestisches Besenspiel war zu erleben. Strichweise wurde die Snare zum Schwirren gebracht. Man schien dabei ein wenig knirschenden Sand unter den Füßen zu spüren, oder? Blechschläge und das Antippen des Randes der großen Bleche folgten. Hörte man da das Läuten der Glocken vielleicht? Martin Siehoff dynamisierte sein Spiel, ließ die Bassdrum wie eine Pauke erscheinen. Über die Hi-Hat tanzte der Stockschlag.  Und dann war da ja noch Uli Bär mit zupfenden Fingern, die das Erdige aufscheinen ließen. Klangsprünge hingegen waren die Sache von Sven Bergmann. Aufhorchen ließ dann gegen Ende des Stücks ein furioses Schlagwerksolo von Martin Siehoff. Es schien, als würde der Schirrokko mit all seiner Sandlast sich auf einmal entladen.

Wie Uli Bär bemerkte, hörten die Zuhörer im Haus Siekmann eine Uraufführung, da Sven Bergmanns Kompositionen noch nie zuvor zu hören gewesen  waren. Mit „Sail away“, einer Komposition des us-amerikanischen Jazztrompeters Tom Harrell wurde die musikalische Reise unter südlicher Sonne fortgesetzt - welch ein Kontrast zu dem regenschweren Novemberwetter in Sendenhorst! Einen gemächlichen Segeltörn unternahm das Trio. Das Segelgewässer schien nicht aufgewühlt, sondern eher spiegelglatt. Der Wind schien fast erloschen zu sein.  Eher die Zeit für Optimisten erste Segelversuche zu unternehmen. Die lyrische Songhaftigkeit des Stücks war nicht zu überhören. Uli Bär meinte gar, es klinge nach einem Schlaflied. Jedenfalls war man gewiss tiefenentspannt angesichts der gehörten Melodielinien.

Nein, ein klassisches Schlaflied hörten wir anschließend nicht, sondern folgten eher dem unruhigen Schlaf von Sven Bergmann, der sich den nun folgenden Titel ausgedacht hat. Da meinte man, das unruhige Hin- und Herwälzen im Bett vor dem geistigen Auge zu sehen, den Gang treppauf und treppab, um einen Ruhepunkt und körperliche Erschöpfung zu finden. Auch das Glas Milch mit Honig als Schlaftrunk kam dem einen oder anderen beim Zuhören in den Sinn. Ein wenig schlafwandlerisch ausgelegt war nicht nur das Klavier-, sondern auch das Bass-Spiel, oder etwa nicht? In der Zugabe entführte uns das Trio in die Welt von Walt Disney: „Some day my prince will come“. Dies ist ein Song aus dem Walt-Disney-Zeichentrickfilm „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (Snow White and the Seven Dwarfs, 1937). Die Komposition wurde von Frank Churchill geschrieben.

© Text und Fotos Ferdinand Dupuis-Panther


Infos

Sven Bergmann – piano
https://www.svenbergmann.com
https://www.svenbergmann.com/cds-demos.html

Uli Bär – double bass

Martin Siehoff – drums





Weitere Festivalberichte werden bei Jazzhalo folgen:

Triple Trouble Trio – JIGS Sunday Morning Jazz
So. 05.12.2021 | 11.00 Uhr, Brasserie Lamäng, Soest

Maurizio di Fulvio Quartett – Süditalienischer Jazz
Do. 09.12.2021 | 18.00 Uhr, Emil Schumacher Museum, Hagen


Mehr

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