Soundtrips NRW: Paul Lovens, Paul Hubweber und Erhard Hirt

Black Box Münster, 6. Mai 2018


Auch wenn in der Vorankündigung der sonntäglichen Klangreise in der Black Box Paul Lovens zentral vorgestellt wurde, betonte Erhard Hirt bei der Eröffnung des Abends, dass es im Kern nicht um die solistischen Profile jedes Einzelnen gehe, sondern um das Zusammenspiel des „Dreigespanns an sich“. Dennoch scheint es geboten, der Konzertbesprechung einige Zeilen über Paul Lovens voranzustellen.



Paul Lovens, eine zentrale Musikerpersönlichkeit

„Paul Lovens ist eine zentrale Musikerpersönlichkeit aus Nordrhein-Westfalen. Er ist Miterfinder und Mitbegründer jener europäischen Improvisationsmusik, die sich seit den 1960er Jahren des letzten Jahrhunderts als Folge und europäische Antwort auf den amerikanischen Free Jazz entwickelt hat. Längst aber hat diese Musizierhaltung die engeren Grenzen des Jazzbezugs überwunden und zu Formen gefunden, die sich durch absolute Selbstbestimmtheit und Eigenständigkeit auszeichnen.“ So liest man es in der Konzertvorankündigung.

Was ist noch wichtig, um den Schlagzeuger Paul Lovens einordnen zu können? Das Folgende: Er war/ist Mitglied im „Globe Unity Orchestra“, im „Berlin Contemporary Jazz Orchestra“, im „Quintett Moderne“ und bei „Company“ von Derek Bailey in England. Außerdem gehörte er zur Kernformation der VARIO-Projekte von Günter Christmann und formte ein Duo mit Paul Lytton. Schließlich war er Gründungsmitglied des langlebigen Trios mit Alexander von Schlippenbach (Piano) und Evan Parker (Saxophon). Diese Bandprojekte und die Zusammenarbeit mit den oben genannten Musikern stehen für die maßgebliche Entwicklung der freien und improvisierten Musik in NRW und umzu – und das zu Recht!

Bei einem Bericht zu freien Improvisationen stellt sich stets die Frage der Darstellung, denn unser Begrifflichkeit, aus Vokalen, Konsonanten und Umlauten bestehend, bilden nur näherungsweise, wenn überhaupt, die Klangwelten ab, auch wenn an diesem Abend Paul Hubweber seine Posaune nicht nur als Atem-, sondern im wahrsten Sinne auch als Sprachrohr nutzte.


Tonale Sprechblasen in der Black Box

Lautmalerische Beschreibungen, gar die Sprechblasen von Comics, könnten dazu geeignet sein, die Musik, manche würden Geräuschmusik sagen, einzufangen, die in der Black Box zu hören war. Für einen vorsommerlichen Abend waren erstaunliche viele Besucher gekommen, die das Dreigespann Lovens-Hirt-Hubweber hören wollten.


Schnarren, röhren, reiben – bizarre Klangwelten

Pingzwingzwing – so äußerte sich die Gitarre, deren schwirrende Saiten wir hörten, als sie von Erhard Hirt angezupft wurden, Erhard Hirt spielte an diesem Abend auf einer Resonanzgitarre, die im Klang an ein Banjo erinnerte und zugleich eine gedankliche Brücke zu Country und Country Blues schlug, wenn auch das, was zu m Besten gegeben wurde, nun gerade nicht in diesem Fahrwasser anzusiedeln war.

Schnarrschnarr und Tickticktick – so brachte uns Paul Lovens das Schlagwerk zu Beginn des Konzerts näher, derweil Paul Hubweber seine Posaune so erklingen ließ, als würde ein Dampfkessel pfeifen und zischen. Gejaul traf auf ein kurzgehaltenes Tickticktick und einen rhythmischen Saitenschlag. Brummelndes und Gedämpftes aus dem Atemrohr war zu vernehmen und hatte den Anschein, als höre man Dödodadadöff. Schlägel trafen für die meisten Zuhörer unvermittelt aufs Blech.


Reibungen und Klang

Kleine Metallscheiben wurden von Paul Lovens übers Snarefell geschoben. Die Reibung erzeugte dann einen „sandigen“ Klang. Leise Passagen folgten. Das war wohl eine Überraschung für diejenigen, die Rabatz und Krawall erwartet hatten. Wie eine gebogene Säge, über die ein Bogen streicht, hörte sich das an, was Erhard Hirt seiner „Klampfe“ entlockte. Kochte da nicht irgendwo Wasser und warf blubbernde Blasen auf?

Paul Hubweber setzte seine Posaune mit Klanggewalt ein, die Wortgewalt entsprach. Eine Nähe zu dem legendären Beuys-Projekt „Ja Ja Ja Ja Ja, Nee Nee Nee Nee Nee“ meinte der Berichterstatter im weiteren Verlauf des Konzerts auszumachen. Weckrufe kamen von der Basstrommel. „Hi-Hat-Geraschel“ folgte auf den Fuß. Krächzen und Röhren waren zu vernehmen, als Paul Hubweber seine Lippen ans Mundstück setzte. War da nicht auch ein kurzes Swing-Intermezzo von Erhard Hirt eingestreut? Nach zusätzlichem Klanggemurmel war dann Schluss. Für das Erste war alles gesagt.


Ein Schrei ohne Munch

Ein Schrei wurde durch den Rohrlauf der Posaune getrieben. Kurze Hiebe mit den Sticks auf die Snare waren die „Antwort“. Angerissen wurden die Saiten der Resonanzgitarre. Verschluckte Töne waren das Resultat. Spitztönig und säuerlich schien die Posaune gestimmt. Hrrrhrrr folgte auf Hohohoho. Windzüge waren im Nachgang zu stumpfen Blechklänge wahrnehmbar. Irgendwie hat man dabei die Geräusche in einer Walzwerkhalle vor Augen.

Eine Klangschale in Paul Lovens' Hand kreiste über das Fell der Snare. Sphärische Eindrücke lieferte Erhard Hirt für wenige Momente. Sirenenhaftes breitete sich in der Black Box aus. Blechmelangen wurden kredenzt. Und da gab es außerdem ein trockenes „So“ von Paul Lovens zur Kenntnis zu nehmen. Schien dies das Ende des freien Spiels anzudeuten? Nein, der „gerissene Faden“ wurde schnell repariert und die Enden miteinander klanglich verknotet. Es nahm alles seinen Lauf.


Kein Monolith

Der laufende Rasenmäher schien eine Rolle zu spielen. Rotierende Schleifscheiben glaubte man, außerdem wahrzunehmen. Eingeschoben wurde obendrein ein „Duett“ zwischen Paul Lovens und Paul Hubweber. Das Trio „zerfiel“ bewusst. Es war kein monolithischer Block, sondern eine flexible Einheit, ein Ganzes mit drei Teilen, die jeweils andersgeartete klangliche Allianzen eingingen.

Während des Konzerts griff Paul Hubweber auch zu einem Klarinettenmundstück, dass er seinem ausziehbaren Atemrohr aufsetzte. Klangschnalzen lieferte der Posaunist, aber auch Wortgewalt, geballt ins Zugrohr gesprochen. Bisweilen meinte man, man höre auch einen Herold rufen. Doch mittelalterliche Turnierreiterspiele mit Trab und Galopp wurden nicht inszeniert.

Am Ende gab es noch eine Zugabe, für die Erhard Hirt seine Gitarre nochmals stimmte, hatte er doch die Klangfärbungen mittels Manipulationen an den Wirbeln immer wieder mal verändert. Paul Lovens kommentierte dies mit den Worten: „Für die drei Minuten ist das doch egal.“ Dabei bezog er sich dann auf den kurzen Klangnachsatz, der ihm wohl vorschwebte und der auch Realität wurde.


Fazit

Ein gelungener Abend mit allem Zipp und Zapp, mit Spielwitz, mit feinen Interaktionen und mit freier Musik, die in keinem Moment aufgesetzt daherkam.


Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons.



Informationen

cuba Black Box
http://www.blackbox-muenster.de

Erhard Hirt
http://www.erhardhirt.de/

Paul Lovens
https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Lovens

Paul Hubweber
https://paulhubweber.wordpress.com/about/


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