Münsterland Festival: Alex Hendriksen / Fabian Gisler

Museum RELiGIO Telgte, 13. Oktober 2019




„Eindrucksvoller Jazz voll schlichter Eleganz“ - so wurde in der Ankündigung die Musik des aus der Schweiz stammenden Duos beschrieben. Dabei traf ein Saxofonist auf einen Kontrabassisten in der wohl intimsten Formation, die man sich im Jazz denken kann. Kommunikation als Paar war gefordert. Enge Interaktion war zu erwarten, denn keiner der Beteiligten konnte musikalisch in einem Ensemble von mehreren Musikern abtauchen.

Vorgestellt wurde an diesem Sonntagnachmittag im Kaminherdzimmer des Museums Religio in Telgte die jüngste Albumproduktion „The Song Is You“. An dessen Klangeinfärbungen habe man mehrere Monate gearbeitet und sich mehrmals in der Woche getroffen, um die Kompositionen von Billy Strayhorn und Victor Young sowie Michel Legrand einzuspielen, so sinngemäß eine Zwischenbemerkung des Bassisten Fabian Gisler.

Unplugged war das Motto, da beide Musiker auf Mikrophone, Monitore und Verstärker verzichteten und die natürliche Raumakustik, die in gewisser Weise etwas trocken war, nutzten. Ein Kirchenraum hätte die intime Musik gewiss noch besser zur Geltung gebracht. Handgemachtes war also zu erwarten!

Übrigens, Alex Hendriksen hat am Berklee College of Music (USA) studiert, Fabian Gisler an der Bern Swizz Jazz School. Beide leben in Basel, teilen nicht nur diesen Wohnort, sondern auch den Sinn für die Schönheit der Melodie. Vorweg: Besinnlichkeit, Innehalten und Kontemplation wohnte dem Jazz inne, den die beiden Musiker dem sehr zahlreich erschienenen Publikum präsentierten.


Straight ahead Jazz stand auf dem Programm, in dessen Mittelpunkt Billy Strayhorn stand, angefangen von dessen Komposition „A Flower Is A Lovesome Thing“ bis hin zu „Isfahan“, eine Zugabe, um die sich das Schweizer Duo nicht lange bitten ließ.

Der eine oder andere mag den Pianisten und Komponisten Billy Strayhorn kennen oder vielleicht auch nicht, da eine Reihe von Kompositionen Strayhorns einfach Duke Ellington zugeschlagen wurden, in dessen Orchester er von 1939 bis zum seinem Tode spielte. Strayhorn lebte als Afroamerikaner offen homosexuell und das in intoleranten Zeiten, in denen diese sexuelle Orientierung eine Straftat war. Strayhorn prägte ganz entscheidend den Sound des Duke Ellington Orchestra, was häufig vergessen wird. Strayhorn trat bei mehreren Gelegenheiten nur als Koautor mit Ellington/Strayhorn in Erscheinung, so bei "Day Dream" und "Something to Live For". Andererseits wurde trotz Beteiligung Strayhorns bei manchen Kompositionen ("Satin Doll," "Sugar Hill Penthouse," "C-Jam Blues") nur Ellingtons Namen vermerkt. Und das, obwohl Strayhorn und Ellington eine lebenslange Freundschaft verband. Über die Gründe des Verschweigens der (Mit)Autorenschaft Strayhorns kann man nur spekulieren.

Doch nun zum Konzertnachmittag in Telgte: Bei „A Flower Is A Lovesome Thing“ zeichnete Alex Hendriksen mit seinem Tenorsaxofon dahin strömende Melodielinien. Weichzeichnungen ließ er erkennen, derweil sich Fabian Gisler bisweilen den rhythmischen Strukturen widmete. Dabei ließ er auch redundante Sequenzen aufscheinen. Beim Zuhören drängte sich das Bild eines Frühlingsabends mit lauem Wind auf, der durch das frische Grün streicht, beinahe so wie es an diesem Sonntag auch in Telgte der Fall war. Nur das frische Grün fehlte, denn wir erlebten ja nur ein Hoch im westfälischen Herbst. Übrigens, das Saxofon entpuppte sich auch als Atemrohr und Windmaschine, verstärkte so das Bild eines dahin streichenden Windes. In weiteren Momenten des Stücks meinte man, die sogenannte blaue Stunde sei angebrochen, die Dämmerung längst zu nächtlichem Dunkel geworden.

 


Auf Strayhorn folgte dann Thelonious Monk, auch wenn kein Grand Piano im Raum stand: „We See“ stand auf dem Programm. Dabei war es an Fabian Gisler das für Monk so typische Pling-Plong zu Gehör zu bringen. Alex Henriksen konzentrierte sich auf sanfte und samtene Luftsprünge, ohne aus dem Rahmen zu fallen, wenn auch ausgeprägte Körperbewegung des Saxofonisten mit im Spiel war.

„Day Dream“ schrieb Strayhorn, als er einmal nicht mit dem Orchester von Ellington unterwegs sein konnte. Seiden und transparent klang das Spiel von Alex Hendriksen, der das Stück eröffnete. Von den melodischen Konturen her konnte man den Eindruck haben, es werde eine Revue am Broadway aufgeführt, bei der auch Tanzeinlagen mit und ohne Fred Astaire eine Rolle spielten.

Passend zu den milden, beinahe sommerlichen Temperaturen in Telgte erklang nachfolgend „You Must Believe in Spring“ (Michel Legrand). Dabei schien auch der Aufbruch, die Losgelösheit, der Ruf nach Freiheit zum Ausdruck gebracht zu werden. Bei diesem Vortrag erlebte man das dichte Wechselspiel der beiden Musiker, erlebte in Phrase und Paraphrase die Verschränkungen, die Jazz ausmachen.

Der eine oder andere Zuhörer mag bei „Lulu‘s Back in Town“ an die eingespielte Version von Fats Waller aus den 1930er Jahren gedacht haben, bei der eine Melange von Ragtime und New Orleans Jazz nicht zu überhören ist. Doch das Schweizer Duo löste sich gänzlich von diesem „Vorbild“, ließ vergessen, dass ein solcher Titel schlicht auch Tanzmusik war.

Der an Speiseröhrenkrebs erkrankte Billy Strayhorn schrieb „Blood Count“ und „Upper Manhattan Medical Group“, als er bereits hospitalisiert war. In beiden Stücken erahnt man das nahe Ende des Musikers. Wehmut wohnte der Musik inne. Tragische Momente waren auszumachen. Gedämpfte Stimmung verbreitete das Schweizer Duo, ohne in den Duktus eines Requiems zu verfallen. Eher hatte man die Vorstellung von einer sentimentalen Rückschau auf das Leben.

Im Verlauf des Konzerts sollten noch weitere Strayhorn-Kompositionen folgen. Bei „Chelsea Bridge“ (B. Strayhorn) drängten sich Schwarz-Weiß-Aufnahmen von New York auf, die Andreas Feininger zu verdanken sind, auch wenn Feininger Brooklyn Bridge und nicht Chelsea Bridge ablichtete. Nichtsdestotrotz konnte man sich beim Zuhören das urbane Chaos vorstellen, das Stop and Go, die Umtriebigkeit, den Brückenschlag, den nicht enden wollenden Fluss von fahrenden Autos, den Dschungel der Großstadt mit all seiner Hektik bis hin zu melodramatischen Wendungen.

 


Mit einem sehr schönen Basssolo versandte das aus Basel stammende Duo „Love Letters“ (Victor Young). Und auch bei „In The Wee Hours Of The Morning“ drehte sich alles um Sehnsucht und Gedanken an die Liebste. Auf Frank Sinatra und die lyrischen Zeilen „In the wee small hours of the morning/While the whole wide world is fast asleep/You lie awake and think about the girl/And never even think of counting sheep“ mussten die Konzertbesucher zwar verzichten, aber das war kein Beinbruch. Die morgendlichen Gedankenspiele und die aufkommende Sentimentalität wurden von Fabian Gisler und Alex Hendriksen ohne Frage vermittelt. Nach den eher als Balladen angelegten beiden oben genannten Stücken folgte dann mit „Johnny Come Lately“ eine eher flotte Weise. Im Original „Duke Ellington at the piano“ hört man ein sehr akzentuiertes Tastenspiel, bei dem man an schnelle Schritte und Sprünge denken muss. Die Schritte eines eiligen Menschen, der es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt, sich aber seiner Verspätung bewusst ist, fing das Duo Gisler/Hendriksen sehr gekonnt ein und ließ Duke Ellingtons energiegeladenes Tastenspiel dabei vergessen.

Als Zugabe gab es „Isfahan“, erneut eine Komposition von Billy Strayhorn und ein Stück mit einem hohen Wiedererkennungswert. Damit schloss ein in Erinnerung bleibender Konzertnachmittag, bei dem der schönen Melodie die Aufmerksamkeit gehörte.

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther



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https://www.muensterland-festival.de/programm-2019/
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