Malstrom im Pumpenhaus, Münster 6.10.2020






Das Trio, bestehend aus dem Altsaxofonisten Florian Walter, dem Drummer Jo Beyer und dem E-Gitarristen Axel Zajac, verströmte Turbulenzen des Klangs, sorgte für Getöse, für Theaterdonner, für Klangklippen und Klangschluchten, für Enge und Weite, für Kontroverse und Dialog. Das Konzert in der Reihe „umsonst und drinnen“ war sehr gut besucht. Nein, nicht die üblichen Verdächtigen kamen zur Veranstaltung, sondern ein durchaus als jung zu bezeichnendes Publikum. Das ist bei derartigen Veranstaltungen eher das Gegenteil. Ungewöhnlich auch der Ort des Konzerts: ein ehemaliges Pumpenhaus und nun überwiegend für Theatervorstellungen genutzt.

Eigentlich muss man von Moskenstraumen (norwegisch) sprechen, wenn von Mahlstrom oder Malstrom die Rede ist, da es sich im Kern um einen Gezeitenstrom zwischen den Lofoten-Inseln Moskenesøy und Værøy in Norwegen handelt. Doch längst hat sich der Begriff für gefährliche Strömungen und starke Wasserwirbel sowie Strudel vom genannten norwegischen Ort abgelöst. Der Malstrom wurde im Laufe der Zeit mehr und mehr zu einem fiktiven gefährlichen Wasserwirbel, der in der Literatur, Malerei und Film Eingang fand, zumeist übertrieben groß dargestellt. Und nun hat sich ein Trio, das zwischen Jazz und Jazz Rock bzw. Krautrock anzusiedeln ist, dieses „Wirbelstroms“ bemächtigt.

 


Nicht so sehr das häufig im Jazz dominierende und vorwitzige Saxofon hatte das Sagen, sondern vielmehr die E-Gitarre, die ebenso basslaunig aufgelegt war wie auch in Richtung R&B sowie Hard Rock driftend. Gelegentlich hatte man den Eindruck Peter Green und Rory Gallagher würden zu einer Symbiose verschmelzen, als Axel Zajac die Saiten zum Schwingen und Schwirren brachte.

Lange gefackelt wurde nicht, sondern vom ersten Takt an ging es „in medias res“: Strudel, Wirbel, Tiefen und Untiefen, Wildwasser, Kaskaden, Wasserfälle, Klippenstürze und Gischt ergossen sich bildlich gesprochen im Pumpenhaus. Bassläufe trafen auf kurzes Snaregetippe und einen Beckentusch. Der Altsaxofonist Florian Walter inszenierte wellige Klangsequenzen, die an eine starke Brandung denken ließen. Ein Orkan schien im Anmarsch, so suggerierte das weitere Spiel des Dreigestirns, in dem der E-Gitarrist Axel Zajac ein ums andere Mal im Fokus stand. Harte Beats waren auszumachen. Sticks wanderten zwischen Hi-Hat und großem Becken hin und her. Klanggeschiebe breitete sich aus. Teilweise gab sich das Saxofon sonor, während die Gitarre in ihren Äußerungen in der Welt von Uriah Heep und Gary Moore zuhause zu sein schien. Da röhrte und rumorte es ganz gewaltig. Immer wieder schienen Zwischenhöhepunkte angesteuert zu werden. Verflachungen gab es nicht. Viel Wirbel also im Malstrom!


Jo Beyer führte ein wenig durch das Programm, gab ab und an Fingerzeige zu den einzelnen Stücken, so auch zum nachfolgenden namens „Der Schwadronierer“, also einer Person, die sehr lautstark und sehr aufdringlich zu Wort kommt, aber eigentlich nichts Substantielles zu sagen hat. Bisweilen meinte man, dass die E-Gitarre dem Klang einer verstärkten Harfe gliche. Glöckchen schellten vernehmbar, waren ein Intermezzo im nachhaltigen Saitenfluss. Windrauschen füllte den Raum, dank an Florian Walter, der seinen Holzbläser auch mal jenseits des „Melodischen“ einsetzte. Wiederkehrend waren die Klangmuster, die zu hören waren. War das ganz im Sinne von viel Gerede, aber keiner Sinntiefe? Perkussives verfing sich in kurzen Loops, oder? Eingeflochtene rockige Passagen rieben sich an eher melodischen Vokalen, die Florian Walter zu verdanken waren. Im Verlauf des Stücks meinte man, die abendliche Weite einer flachen Landschaft werde beschworen. Doch dann war wieder das Klanggerede, langatmig und auf die rhythmische Gegenrede treffend, die Axel Zajac losließ. Stellenweise gab es Annäherungen zwischen Saxofon und E-Gitarre. Dumpfe Basstrommelschläge verschmolzen mit einem Tstststs. Klangschlieren nahm man wahr und auch auch das Hinabsteigen in die Tiefe der Basslage. Immer aber gab es ein rhythmisches Korsett, in dem das „Klanggeschwätz“ eingebunden war.


Anlehnungen an den Klang eines Hackbretts oder an eine Santur – das war die Frage im Fortgang des dritten Stücks des Abends. Nein, einen Instrumentenwechsel hatte es nicht gegeben. Nach wie vor standen Gitarrist, Drummer und Saxofonist auf der Bühne des Pumpenhauses. Sanfte Passagen gab es neben der Wucht des Rockigen. Fein ziseliert war das, was Florian Walter zu Gehör brachte. Zwischenzeitlich konnte man den Eindruck gewinnen, man werde von einem Nieselregen benetzt, der in einen Platzregen überging. Implosionen folgten auf Explosionen. Eruptives und Klanglava ergossen sich. Zitternde Klangschalen waren auch mit im Spiel. Und so erlebten wir den „Malstrom“, eine Komposition von Axel Zajac.

Bisweilen gewann der Zuhörer den Eindruck, dass die Titel der Kompositionen  sehr aus dem Situativen entstanden sind, so auch: „Eine grüne Wiese mit bunten Blumen drauf“. Flirren und Schwirren drang an die Ohren der Anwesenden. Gedanken an Myraden von fliegenden Käfern und anderen Insekten blitzten vielleicht bei dem einen oder anderen auf. Zugleich schlich sich das Bild von ausgelassenen Kindern ein, die durch das hohe Wiesengras rennen, Purzelbäume schlagen, aufstehen und weiter rennen. Wie ein perlender Quell erschien das Saitenspiel von Axel Zajac. Doch Idylle gab es nicht, schließlich steht der Name der Band für ein Konzept von Aufbruch und Unruhe, Entäußerung und Entladung!


Welche Konsequenzen der Genuss von Bubble Tea haben kann, zeigte schließlich die Komposition „Bubble Tea Ache“ aus der Feder des Gitarristen, der nicht nur wegen seines langen roten Bartes ein Hingucker war, sondern auch wegen seines ausgefuchsten Saitenspiels auf der bundlosen E-Gitarre. Und auch Florian Walter sorgte mit passageweisem Spiel auf dem Mundstück und S-Rohr für ein Aha-Erlebnis. Chaos und „Synapsen-Überschläge“ gab es bei dem fernöstlichen Gesöff, dass sich nun auch wieder in Deutschland ausbreitet. War es nicht wegen giftiger Substanzen im Gebräu verboten? Nun gut, das ist ein anderes Kapitel. Und was gab es noch: einen Konzertschluss, der keiner war, denn der fordernde Applaus lockte die drei Musiker für eine Zugabe nochmals aus dem Backstage auf die Bühne. Ein gelungener Abend jenseits kopflastiger Improvisationen ging zu Ende. Der Malstrom war dann aber auch irgendwann mal versiegt, jedenfalls der Klang-Malstrom!

Text und Photos © ferdinand dupuis-panther
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