Le String’Blö und ein Bestiarium in der Black Box

Münster, 8-10-2020




JazzToday heißt die Reihe, in deren Rahmen die aus der Schweiz stammende Band Le String'Blö von Erhard Hirt, der guten Seele der Schwarzen Kiste im cuba Münster, präsentiert wurde. Glücklicherweise konnten die Bandmitglieder aus dem südlichen Nachbarland einreisen. In den Zeiten der Pandemie ist das ja immer bis zur letzten Minute die Frage. In der Vorankündigung des Konzerts hieß es: „Sie bringen die rüttelnde Power der jungen Garde mit der Erfahrung von Musikern zusammen, die schon länger die Szene aufmischen. Gemeinsam kreieren sie eine Musik, die von Freiheit und Energie befeuert wird. Die Interaktionen sind dicht und heftig, gleichzeitig ist eine Übersicht am Werk, die den Musikstrom selektioniert und den Sound konzentriert hält. Die Stücke stammen von den beiden in Luzern arbeitenden Bläsern Sebastian Strinning und Lino Blöchlinger. Sie gehören zu den vielseitig präsenten Köpfen der jungen Schweizer Jazzgeneration.“

Zunächst einmal muss hervorgehoben werden, dass das Quintett in einer überaus seltenen Instrumentierung zu hören war, denn welche Band hat einen Basssaxofonisten aufzuweisen. Neben dem Bandleader Sebastian Strinning (Tenorsax) waren Lino Blöchlinger am Alt- & Basssaxofon, Roberto Domeniconi am Fender Rhodes, Urban Lienert am E-Bass und Reto Eisenring am Schlagzeug zu hören.


Es gab an diesem Abend keine langatmige Vorrede, sondern die Band begann zu spielen, auch ohne Vorstellung der einzelnen Bandmitglieder. Zu Beginn röhrte und rumorte es gewaltig. Da verblasste ganz schnell das, was einst LaBrassBanda mit gewaltiger Blechmusik erfolgreich vorgetragen hatte. Le String’Blö wartet ohne folkloristischem Zungenschlag mit der geballten Kraft von zwei Holzbläsern auf und nicht wie der Name wohl glauben ließ mit Saiteninstrumenten, sieht man vom E-Bass einmal ab. Der allerdings war eher im verhaltenen Hintergrund auszumachen, zu mächtig war das Kraftgebläse des Basssaxofonisten. Orkanwellen schienen inszeniert zu werden, aber auch eher zurückgenommenes Windrauschen. Klappenperkussionen mischten sich mit dem Tastenfluss des Keyboarders, der über weite Strecken Klangflächen zeichnete. Finger strichen wie bei der Glasmusik über den Schalltrichter des Tenorsaxofons, das zudem gedämpft war. Klangstrudel um Klangstrudel ergoss sich. Bisweilen gab es Stimmbrüche, und Schlägel kreisten derweil über Trommeln und Bleche.


Unterlegt war das Spiel des Quintetts mit einem sonor gewobenen Klangbett, was Roberto Domeniconi geschuldet war. Tiefgründige Linienführungen erlebten die Anwesenden. Schnalzen traf auf Quietschtöne, die so klangen, als wären sie mit einer Ententröte erzeugt worden. Wilde Klangeskapaden inszenierte der Tenorsaxofonist Sebastian Strinning. Hochtöniges wurde zu Schraffuren gebündelt. Eruptionen des Klangs wurden erwartet. Jedoch, es waren nur kleine Geysire, die sich entluden. Harte Klangstränge und nachhaltige Beats drangen an unsere Ohren. Nahtlos ging das erste Stück in das zweite über, in dem das Kehlige und das Abtauchen in Klangtiefe auch eine besondere Rolle spielte.

Mit „Skeps“ von der Veröffentlichung „March for Nature“ wurde aufgemacht. Den Titel des zweiten Stücks konnte der Berichterstatter leider nicht genau ausmachen. Das war auch eine Frage der „wortreinen Ansage“. Wurde „Peacock“ oder „Bonobo Waltz“ gespielt – das blieb die Frage beim nachwirkenden Höreindruck.


Nachfolgend legte die Band musikalische Haiköder aus. Lino Blöchlinger griff zum Altsaxofon. Rauschen vereinte sich mit durchdringendem Pfeifen. Schmatzen, Schnalzen und Trällern hörten wir außerdem. Zwischendrin meinte man, dass auch Walgesänge angestimmt würden. Sebastian Strinning griff im weiteren Verlauf auch mal nur zum Mundstück seines Tenorsaxofons. Alt- und Tenorsaxofon befeuerten sich im Stakkatogebläse. Vogelgetschilpe wurde eingestreut. Aus den Tiefen des Raumes meldete sich der Tastenspieler an seinem Rhodes. Dazu wehte eine feine Brise durch die Schwarze Kiste, dank an die Holzbläser. Sticks wurden über das Hit-Hat gezogen und provozierten den Tinitus, oder? Brandungswellen des Klangs folgten. Die Saxofonisten schritten voran. An weißes Wildwasser wurden man erinnert, als der Keyboarder Roberto Domeniconi solistisch agierte. Nachfolgend meinte man, dem Abgesang auf den Hai beizuwohnen.

 


Zum Bestiarium von Le String’Blö gehörte auch der Phoenix. Wer oder was ist denn ein Phoenix? Es handelt sich um einen mythischen Vogel, der am Ende seines Lebenszyklus verbrennt oder stirbt, um aus dem verwesenden Leib oder aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. Und wie setzt man das nun in Klangbilder um? Sehr dynamisch begann das Stück, bei dem man ab und an wildes Flügelschlagen erinnert wurde. Imitierte nicht der Tenorsaxofonist einen Rüttelflug? Thermisches Gleiten wurde im Fortgang des Stücks evoziert. Turbulenzen waren deutlich zu erkennen. Der Keyboarder ließ sein Rhodes so klingen, als würde er die Klangstäbe eines Vibrafons vibrieren lassen. Auch ein wenig Swing wurde angestimmt.


Schließlich wurde der „March for Nature“ gespielt. Doch Marschmusik war nur ein Aspekt des Stücks, das sich ansonsten eher im Free Jazz bewegte. Stampfende Rhythmik war prägend und dank des Basssaxofons meinte man, man würde beim Zug von Elefanten und Nashörnern durch die afrikanische Steppe zugegen sein. Zwischendrin kam auch das Bild von springenden grazilen Gazellen auf, als der Tenorsaxofonist die Klangfärbung prägte. Sprunghaft erschien zudem das Tastenspiel von Roberto Domeniconi. Dialogisch bewegten sich Tenorsaxofonist und Basssaxofonist durch die Klangschleifen des Stücks. Aufbruch und Umbruch ließen sie verlauten. Fanfaren waren ebenso kurz auszumachen wie der Rhythmus eines Marsches. Doch dann überschlugen sich die Klangereignisse, wurden wir als Zuhörer von Allbekanntem weggeführt. Schließlich wurde die Schwarze Kiste von einem Klangtsunami überschwemmt, der erst mit dem letzten Ton sein Ende fand. Doch zu Ende war das Konzert noch nicht, denn eine Zugabe gab es nach dem herzlichen Beifall der Anwesenden auch noch. Und dann wurde das Bestiarium für diesen Abend geschlossen!


Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther.
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Informationen


Setlist:

Skeps
Panda Bounce
Phoenix
Yummy Chummy
March for Nature
Telemachus
Little Canon
Bonobo


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