Kunst wird Klang: van Gogh trifft Modigliani im Bunker Ulmenwall, Florian Boos Nonett

Bielefeld 16.4.2019



Nicht allein die Gemälde von Vincent van Gogh, sondern auch dessen Biografie, waren für Florian Boos Anlass Kompositionen entstehen zu lassen, die Teil seiner Bachelor-Arbeit war. Und noch mit einem weiteren Maler, nämlich Amedeo Clemente Modigliani, hat sich Boos befasst. Diesmal im Rahmen seiner Masterarbeit. Während van Gogh als wohl der Vertreter des Expressionismus gilt und vor allem wegen seiner  gemalten Felder bekannt ist, mal abgesehen von der „Brücke von Arles“ und den „Kartoffelessern“, hat der in Livorno geborene und in Paris an einer Tuberkulose und an Alkoholsucht verstorbene Modigliani mit seinen Akten für Furore gesorgt. Sie stießen wegen der Freizügigkeit, die die Modelle an den Tag legten, vielfach auf Empörung. Neben der Malerei befasste sich Modigliani auch mit der Bildhauerei, was  dem malerischen Werk in Form und Struktur auch anzusehen ist. Die Akte scheinen wie skulptiert zu sein.

Zur Idee hinter den Kompositionen war im Vorwege des Konzerts Folgendes zu lesen: „ Jeder Film braucht einen Soundtrack. Wir finden, auch jedes Gemälde. Darum wollen wir die Emotionen klanglich zu Tage fördern, die in den Werken berühmter Künstler verborgen liegen.“




Jazz braucht Förderung

Die Band besteht seit 2016 und setzt sich aus neun renommierten Musikern aus Essen, Köln und Oldenburg zusammen, darunter viele (ehemalige) Mitglieder des Bundesjazzorchesters (BuJazzO). Alle Stücke sind Kompositionen von Florian Boos und setzen Leben und Werk bildender Künstler in Klang um, irgendwo zwischen Modern Jazz, Free Jazz, Klassik und bisweilen auch Pop, ob Indie-Pop lassen wir mal dahingestellt.  Ohne das Stipendium „JAZZ@UNDESIGNED“ der „Werner Richard – Dr. Carl Dörken Stiftung“ wäre es dieser Großformation nicht möglich gewesen am Programm zu arbeiten. Auch der Auftritt im Bunker kam nur mit Unterstützung der Werner Richard-Dr. Carl Dörken-Stiftung zustande, wie Florian Boos im Verlauf des Konzerts unterstrich.


Vincent van Gogh „verklangt“

Stets erläuterte der Tenorsaxofonist Florian Boos, der an der Folkwang-Universität seine Ausbildung absolvierte, den Hintergrund der jeweiligen Kompositionen und deren Bezüge zu den jeweiligen Künstlern. Im ersten Teil des Konzerts widmete sich das Nonett dem Werk von Vincent van Gogh, beginnend mit „Regards des Roulins“, über „Arlésienne“ und „Op de drempel van de eeuwigheid“ („An der Schwelle zur Ewigkeit“) sowie „Color Stroke“



Ein Pariser Leben mit Tuberkulose und Trunksucht

Im zweiten Konzertteil rückte das Leben des jüdischen Malers Modigliani in den Fokus. Dieser wurde nicht nur wegen seiner Werke während seiner Pariser Zeit angefeindet, sondern auch wegen der Tatsache, dass er Jude war, wie Florian Boos betonte. „Mondiantik“ ging übergangslos in „Drunk again“ auf. Zu hören waren „Blue Fog“ und „Jeanne“ - so der Name von Modiglianis Verlobter und Tochter – sowie „Toscana Blue“. Angesichts des anhaltenden Applaus derer, die gekommen waren, gab es noch eine Zugabe mit Klezmer-Anlehnungen, gleichsam eine Referenz an den jüdischen Maler, der mit 35 Jahren sehr jung verstarb. Nach dessen Tod nahm sich die schwangere „Witwe“ das Leben. Allein Tochter Jeanne überlebte die familiäre Tragödie. Beerdigt wurde Modigliani auf dem berühmten Pariser Friedhof Père Lachaise.

Van Gogh hat sich Zeit seines Lebens auch und immer wieder mit dem Alltag der sogenannten kleinen Leute beschäftigt und diese porträtiert. So weilte er auch einige Zeit in der Borinage, dem Steinkohlerevier bei Mons (Belgien), oder widmete sich in seinen Werken dem Leben der Menschen auf dem flachen Land. In einer Arbeit porträtierte er die Familie eines Postboten, ein Werk, das im Essener Museum Folkwang zu finden ist, so der Hinweis von Florian Boos zu „Regard des Roulins“ - Roulin ist der Name der Familie eines Postboten aus Arles. Bei dem Essener Gemälde handelt es sich um den 17-jährigen Armand Joseph Desire Roulin (1871–1945), den ältesten Sohn des Postmeisters Joseph Roulin. Van Gogh hatte sich während seines Aufenthalts in Arles im Sommer 1888 mit der Nachbarsfamilie Roulin angefreundet.


Die Familie Roulin und die Kartoffelesser

Sanft-lyrisch erhob sich das Tenorsaxofon. Man hatte das Bild von lang gezogenen Nebelschwaden, die sich langsam heben vor Augen. Mit einzelnen Klangtropfen schien der Pianist seinen Klangreigen zu entwickeln. Das gestrichene Cello ließ sich in Verbindung mit Morgentau und ersten Sonnenstrahlen bringen. So entstand anfänglich eher ein „landschaftliches“ Klanggemälde und kein Familienporträt, oder?

Feinste Saitenperlungen trafen auf dumpfes und erdiges Bassgezupfe. Große Blechen schnarrten, dank Karl-F. Degenhardt. In gemeinsamer Klanggewalt vereinten sich die Bläser, die eher an die Lichter der Großstadt und urbane Turbulenzen und weniger an eine Familie aus dem idyllischen südfranzösischen Arles denken ließen.

Nicht zornig und gespreizt wie bei Miles war der volle Klang der Trompete, der Ryan Carniaux Sanftheit einhauchte. Im weiteren Verlauf schien das Klangwirrwarr die Oberhand zu gewinnen. Schlägel wanderten über die Felle und Becken. Untergründiges Gemurmel war zu vernehmen. Vom Bass oder dem Cello – das war die Frage?

Wie zerspringende Eiszapfen klang das, was Felix Hauptmann mittels schwarzen und weißen Tasten hervorrief. Und da war dann auch wieder ein Bassgebrumme zu vernehmen, gepaart mit einem „quietschenden Geschiebe der Sticks“ auf dem großen Blech. Das klang alles sehr urban, wenig kleinstädtisch und so gar nicht nach Familienidylle. Eher schienen pastöse Farbsetzungen mit den Klängen zu harmonieren, ebenso das Licht des Südens, auch wenn hier und da klangliche Verschattungen zu vernehmen waren.

Das in Erdfarben gehaltene Gemälde der „Kartoffelesser“ war für Florian Boos auch eine Quelle für kompositorische Ideen. Mit ausgeprägter Basslastigkeit eröffnete Felix Hauptmann am Klavier das Stück und legte darüber rhythmische Formen. Der Bass meldete sich obendrein mit aller Wucht. Die entsprechenden Vibrationen waren auch körperlich wahrzunehmen. Ohne melancholischen Zungenschlag ließ der Gitarrist Lukas Wilmsmeyer seinen Saiten freien Lauf. Sehr reizvoll war das Duo zwischen Bass und Klavier angelegt. Geschichtete Klangfolgen trafen auf klangliche Stromschnellen. Sprungschritte im Diskanten waren zudem zu hören. Blechverwirbelungen gingen in die Vereinigung der vier Bläser über. Leicht rockige Attitüden stellte der Gitarrist vor. Umbra schien sich mit sonnigem Gelb zu mischen. In einem sehr erzählerischen Duktus bewegte sich das Stück bis zum Ende. Dabei ließ sich die Gitarre in ihren Klangfärbungen nicht von den anderen Instrumentalisten übertünchen, zeigte der Posaunist, das ihm eine Bassstimme nahe liegt.



Südliches Licht und die Schwelle des Lebens

Nach der „Hymne auf die Kartoffelesser“ folgte eine Klangreise in den Süden Frankreichs. Dabei wies Florian Boos zuvor daraufhin, dass van Gogh in seine Arles-Bilder Kinder und junge Frauen einband. Diese schienen jedoch eher Staffage und für van Gogh nicht so sehr von Bedeutung zu sein. Die Widersprüchlichkeit in vielen Arbeiten van Goghs fing das Nonett mit Melodien in zwei Tonarten ein, die gleichsam im Kontrast zueinander gesetzt wurden. Ehe das Cello, gespielt von Conrad Noll, in einen melodischen Modus verfiel, schien es sich ein wenig zu zieren, nur kurze Toneinsichten zu zeigen. Doch nach und nach verstetigte sich das Spiel. Während die Bläser mit einer zweiten melodischen Linie ihre Stimmen erhoben, verharrte das Cello in Redundanzen. Überlagerungen waren auszumachen. Man hatte das Bild von Sedimentschichten vor Augen, die in Geschiebe geraten.


Schwermut machte sich breit, als „Op drempel van de eeuwigheid“ angestimmt wurde. Anmutungen eines Chorals waren auszumachen. Sehr konzertant, so schien es, war die Komposition ausgelegt. Frühlingshaftes in hellem Grün war mit Herbstlichem in Rostrot verknüpft. Im solistischen Vortrag des Cellisten bündelte sich eine gewisse Weinerlichkeit, Schmerz und Traurigkeit: „An der Schwelle zur Ewigkeit“.

Den Duktus, mit dem van Gogh arbeitete, sprich die kurzen Farbschläge und Farbstriche, die er nebeneinander und ineinander setzte, fing das Ensemble mit „Color Stroke“ ein. Auch Farbtupfer schienen eine Rolle zu spielen, verfolgte man das Fingerspiel des Bassisten Moritz Götzen. Drückte gar der Posaunist aus, dass van Gogh mit seinem Malstil den Neo-Impressionisten und ihren Farbpunktsetzungen durchaus sehr nahe war? Im weiteren Verlauf schien man eher geneigt, das Klanggemälde, an dem auch der Trompeter Ryan Carniaux maßgeblichen Anteil hatte,  in die Nähe des Informel zu rücken. Auch die Jungen Wilden kamen dem einen oder anderen Zuhörer vielleicht in den Sinn, auch wenn van Gogh nach den Vorstellungen von Florian Boos im Fokus zu stehen hatte.



Die Tragik eines Malerlebens

Van Goghs Felder, durch die der Wind sacht streicht, fand eine klangliche Entsprechung in „Floating“. Mit diesem bewegten Stück ging es dann in die Pause. Dies war eine willkommene Zäsur, denn im zweiten Konzertteil stand vor allem das Leben von Modigliani im Zentrum des Interesses.

Zu Beginn hatte man den Eindruck, dass man einem Kirchenlied folge, als „Mondiantik“ zu hören war. Der Charakter der Linien und Schraffuren schien eher Renaissancemalerei zu evozieren als die Modiglianis. Beinahe übergangslos wechselte das Ensemble in die Komposition „Drunk again“, eine Anspielung auf die Trunksucht Modiglianis. Man vernahm einen „Streit“ zwischen Cello und Piano. In sehr freiem Spiel wurden Untiefen ausgelotet. Wie ein dahinfließender Lavastrom klang das, was die Bläser gemeinsam hervorbrachten. Waren da nicht auch Cage, Kagel und Ligeti im Geiste anwesend? Aufschrei und Getöse gab es zu hören. Gestisch war der Duktus . Es schien alles eine Art Happening. Oder wurde nicht doch nur der schwankende Gang eines Volltrunkenen und dessen Delirium in Klangformen transponiert?

Blauer Nebel und eine Chansonette

Nach „Blue Fog“ –  eine gewisse Anmutung eines Kirchenliedes konnte nicht von der Hand gewiesen werden – lauschten die Anwesenden der „Chansonette“, einer Referenz an die Pariser Zeit des italienischen Malers und Bildhauers Modigliani. Der deutsche Maler Ludwig Meidner beschrieb seinen Künstlerfreund mit folgenden Worten: „Unser Modigliani […] war ein charakteristischer und gleichzeitig hoch begabter Vertreter der Bohème vom Montmartre; wahrscheinlich sogar der letzte echte Bohémien.“

Tiefstimmig und von einem gewissen Phlegma getragen eröffnete der Posaunist Jonathan Böbel das Stück über die Chansonsängerin. Anschließend schien das Ensemble die Türen zur Popwelt der 1970er Jahre weit geöffnet zu haben. Hier und da musste man ein wenig an Songs von Elton John denken. Rummelmusik schien sich mit der Musik einer Zirkuskapelle gepaart zu haben. Auch eine Reminiszenz an Chicago ließ das Nonett aufblitzen.


Vom Charakter her schien „Jeanne“ eine Art Trauerlied zu sein. Dazu trug auch das Basssolo bei, das dem Tragischen verschrieben war. Schwarz schien die vorherrschende Klangfärbung, als der Pianist die Finger auf die Tasten des Flügels setzte. Mit „Toskana Blue“ wurde das eigentliche Konzert beschlossen.

Ja, es gab eine Zugabe. Mit Klezmer gewürzt war die Komposition, die sich mit dem „jüdischen Maler“ Modigliani befasste. Dazu bedurfte es denn keines Akkordeons oder einer Klarinette. Ausgelassenheit vereinte sich beim letzten Stück des Abends mit Schmerz und Wehmut. Ein musikalisch grandioser Abend fand sein Ende. Man darf auf das Album gespannt sein, das das Nonett hoffentlich bald veröffentlichen wird.

Text und Fotos: © ferdinand dupuis-panther – Der Text und die Fotos sind nicht Public Commons!!!


Informationen

Line-up

Florian Boos. Tenor Saxophon & Komposition
http://www.florianboos.com/sehen/

Ryan Carniaux. Trompete
http://www.ryancarniaux.com/html/

Sebastian Gerhartz . Alt-Saxophon


Jonathan Böbel
. Posaune
https://www.hellwegeranzeiger.de/Holzwickede/Jonathan-Boebel-hat-es-von-der-Schulband-ins-Bundesjugendjazzorchester-geschafft-Plus-1335824.html

Conrad Noll . Cello
http://www.real-live-jazz.de/musiker-einzeln/Artist/show/noll.html

Felix Hauptmann . Piano
http://www.real-live-jazz.de/musiker-einzeln/Artist/show/hauptmann.html
https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Hauptmann_(Musiker)

Lukas Wilmsmeyer . Gitarre
https://www.facebook.com/people/Lukas-Wilmsmeyer/100000887278980

Moritz Götzen . Kontrabass
http://inventrio-music.de/?page_id=53
http://www.real-live-jazz.de/musiker-einzeln/Artist/show/goetzen.html

Karl-F. Degenhardt . Schlagzeug
https://www.facebook.com/people/Karl-F-Degenhardt/100000624582915


our partners:

Clemens Communications


Silvère Mansis
(10.9.1944 - 22.4.2018)
foto © Dirck Brysse


Rik Bevernage
(19.4.1954 - 6.3.2018)
foto © Stefe Jiroflée

 

Special thanks to our photographers:

Annie Boedt
Klaas Boelen
Henning Bolte

Serge Braem
Cedric Craps
Christian Deblanc
Paul De Cloedt
Cindy De Kuyper

Koen Deleu
Ferdinand Dupuis-Panther
Anne Fishburn
Federico Garcia
Robert Hansenne
Stefe Jiroflée
Herman Klaassen
Philippe Klein

Jos L. Knaepen
Tom Leentjes
Hugo Lefèvre

Jacky Lepage
Olivier Lestoquoit
Eric Malfait
Nina Contini Melis
Arnold Reyngoudt
Jean Schoubs
Willy Schuyten

Frank Tafuri
Jean-Pierre Tillaert
Tom Vanbesien
Jef Vandebroek
Geert Vandepoele
Guy Van de Poel
Cees van de Ven
Donata van de Ven
Harry van Kesteren
Geert Vanoverschelde
Roger Vantilt
Patrick Van Vlerken
Marie-Anne Ver Eecke
Karine Vergauwen
Frank Verlinden

Jan Vernieuwe
Anders Vranken


and to our writers:

Mischa Andriessen
Robin Arends
Marleen Arnouts
Henning Bolte
Danny De Bock
Ferdinand Dupuis-Panther
Federico Garcia
Paul Godderis
Jean-Pierre Goffin
Bernard Lefèvre
Mathilde Löffler
Claude Loxhay
Etienne Payen
Herman te Loo
Georges Tonla Briquet
Iwein Van Malderen
Jan Van Stichel
Olivier Verhelst