JO im Schloss Borbeck (Essen), 5. Oktober 2018

Zwischen Busfahrten in Aarhus und Agentenentenrennen ...



Die seit etwa zwei Jahren existierende Band JO besteht aus dem Schlagzeuger Jo Beyer, der auch für die Kompositionen zeichnet, dem Tenorsaxofonisten Sven Decker, dem Pianisten  Roman Babik, der allerdings am Konzertabend im Schloss Borbeck durch Thomas Rückert vertreten wurde, und an der E- und Akustik-Gitarre Andreas Wahl.


In der Vorankündigung des Konzerts war über die Band und den Bandleader Jo Beyer Folgendes zu lesen: „Komponist und Schlagzeuger Jo Beyer gewann verschiedene Awards, u.a. den Getxo International Jazz Competition Award 2017 und den Europäischen Burghauser Jazz Preis 2015, war im Hörfunk und Fernsehen mit verschiedenen Kombinationen wie Isthmus und Sund zu hören. 2016 gründete er seine Band „JO“.  …  Der Gedanke der Band ist ein Zusammenschluss unterschiedlicher musikalischer Ideen und Vorstellungen. Im Vordergrund steht ein akustischer, minimalistischer, transparenter und druckvoller Klang. Die Kompositionen fügen Elemente von Improvisation mit vertrackten und trotzdem eingängigen Melodien zusammen. ...


Kompositionen des Drummers Jo Beyer

Es war ein munter inszenierter Konzertabend, auch wenn eine Komposition über einen eher traurigen Silvestertag ohne Feierstimmung für melancholische Einfärbungen sorgte. Der Konzertsaal war sehr gut gefüllt. Einige wenige Besucher gingen zur Pause, da sie die präsentierten Kompositionen als zu anstrengend empfanden. Doch die Lücken waren kaum zu bemerken. Jo Beyer bedankte sich vor dem zweiten Set dafür, dass so viele Zuhörer geblieben seien. Das sei ja nicht immer der Fall, so seine Anfügung!


Nun gut lassen wir das mal so stehen. Präsentiert wurden  an einem lauen Oktoberfreitag eine Anzahl an Kompositionen, die auch auf der jüngst veröffentlichten CD zu finden sind, worauf Jo Beyer nachdrücklich  hinwies. Teilweise skurril mutete der eine oder andere Titel an, so „Wart ihr schon mal auf einer Bobbahn?“. Nicht immer rief wohl auch ein Titel ungeteiltes Verständnis hervor. Man denke dabei an „Ach komm schon! Aber so wie es die deutschen Synchronsprecher in amerikanischen Filmen sagen“. Die Wortkrönung war jedoch „Agentenenten rennen ein Agentenentenrennen“. Das erinnerte dann schon eher an Sprachübungen für angehende Mimen, doch es war schlicht und ergreifend der Titel einer der von Jo Beyer stammenden Kompositionen!


Busfahren in Aarhus und ...


Die Eröffnung des Abends hatte anfänglich eine gar klassisch-etüdenhafte Anmutung. Auffällig war die sich wiederholende „Basshand“ des Pianisten Thomas Rückert. Dazu nahmen wir emsige Besenarbeit von Jo Beyer wahr. Rhythmisch gestimmt zeigte sich die Gitarre in den Händen von Andreas Wahl. Doch sobald Sven Decker seinen Holzbläser an die Lippen führte, änderte sich der Charakter des Stücks, begleiteten wir den Saxofonisten auf seinem „Triumphzug“. Sanfte Pfade, die Decker zunächst einschlug, wurden zu Hohlwegen. Zwischenräume nutzte Thomas Rückert für seine Klangregenwand. Saitenfluss traf auf diese Tastensetzungen, derweil Jo Beyer am Drumskit wirbelte. Tacktacktack im Stakkato drang an die Ohren der Zuhörer. Tonale Wasserspiele führte uns Andreas Wahl im Nachgang vor. Auf diese stieg Sven Decker ein; Phrasierungen und Paraphrasierungen bestimmten die Folgezeit. Thematische Zwischenspiele unterbrachen die Wortgewalt des Holzbläsers und ließen fein gedrechselte Klangwelten durchscheinen. Dass das alles etwas mit einem Auslandssemester in Aarhus und morgendlichen Busfahrten zu tun hatte, verriet der Bandleader nach dem Ende des Stücks.


Danach wurden wir mit der Frage nach den Erfahrungen auf einer Bobbahn konfrontiert. Spannung lag in der Luft. Signalisierte Thomas Rückert nicht auch die Anspannung der Bobfahrer vor dem Anschub und auf den ersten Metern, ehe der Sprung in den Bob anstand? Der Weichklang des Tenorsaxofons ließ den einen oder anderen Zuhörer an Kurvenlagen denken, an Kufen, die sich durchs Eis fräsen.

Auch ein wenig Fahrtwind schien mit dem Spiel von Sven Decker eingefangen zu werden. Was aber hatte es mit der wimmernden Gitarre auf sich? Wurde da ein Bob aus der Kurve getragen? Kippte er um und glitt auf der Seite liegend durch die Bahn? Bop war außerdem zu vernehmen, als Sven Decker seinen Holzbläser erneut ins Spiel einbrachte. Schnell fließende Kaskaden präsentierte uns der Pianist. Und dann, ja dann war wohl der Auslauf der Bahn erreicht, oder?


Agentenrennen mit Enten

Während des weiteren Konzertabends galt es auch Schwermut und Melancholie auf sich wirken zu lassen. Balladenhaftes wurde zum Besten gegeben, zudem Weichzeichnungen des Holzbläsers, die mit zarten Pastellfarben verbunden waren. Gestrichene Felle und Bleche spielten eine wesentliche Rolle.


Drängeln, eilen, sausen, sich hier und dorthin wenden, Geschwindigkeit aufnehmen, überholen, einholen – all das tauchte klanglich im „Agentenentenrennen“ auf, dem wir musikalisch beiwohnten. Entengespräche hörten wir allerdings nicht. Thomas Rückert ließ uns zum Beispiel glauben, jemand würde mit schnellem Schritt über Kopfsteinpflaster rennen. Auch die übrigen Musiker setzten alles daran, ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen zu inszenieren.


Villeroy & Boch in Klangform

Auch eine Bearbeitung des Radiohead Songs „15 Step“ stand an diesem Abend auf dem Programm. Dabei gewann man gelegentlich den Eindruck, dass Andreas Wahl in seinem Saitenspiel durchaus auf den Spuren von Abercrombie und Metheney wandelte.


Zu den eher skurrilen Titeln des Abends gehörte „Villeroy & Boch“, geschrieben an der Uni Osnabrück, an der Jo Beyer studierte. Gemünzt, so Jo Beyer, ist der Titel auf die stillen Örtchen an der Uni. Nun ja, auch das sind also Anregungen für musikalische Ausflüge, wie man zur Kenntnis nehmen konnte: Dass man ein Quintett in Fragmente teilen kann, unterstrichen Jo Beyer und seine Mitmusiker beim genannten Stück. Andreas Wahl eröffnete mit „hohen Frequenzen“, die in den Bass abfielen, ehe dann Jo Beyer mit seinem behutsamen Schlagwerkspiel hinzutrat. Hufschlägen glich die wahrzunehmende Rhythmik des Stücks. Nervös anmutendes Schlagwerk traf auf stufig gesetzte Saitenläufe. Schwebendes Jazzgebläse füllte den Saal. Grazile Tastenpirouetten wurden beigemischt. Wie ein sich windendes Gebirgsbächlein mutete das an, was Thomas Rückert dem Tastenmöbel in der Folgezeit abverlangte. Ohne ein aufbrausendes Saxofon schien schließlich auch dieser Song nicht vollständig zu sein. Gilt also die Formel Jazz gleich Saxofon bzw. Saxofon gleich Jazz?

Text und Fotos © ferdinand dupuis-panther – Text und Fotos sind nicht public commons!


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