BLACK BOX Münster 5.6.2026
gesehen durch die Linse von Ferdinand Dupuis-Panther

Das Doppelkonzert brachte internationale Improvisationskunst und lokale Szenepraxis in einer spannungsvollen Dramaturgie zusammen. Den Auftakt gestaltete das Duo aus dem Saxofonisten und Flötisten Martin Küchen und dem Kontrabassisten John Hughes.

Martin Küchen, 1966 in Schweden geboren, ist eine prägende Figur der europäischen Improvisationsszene. Mit einem Instrumentarium vom Sopranino- bis zum Baritonsaxophon bewegt er sich zwischen Jazz, Noise, Komposition und Klanginstallation. Beim Konzert brillierte er nicht nur am Sopransaxofon, das er mit verschiedenen Trichtern spielte, teilweise auch verbal bespielte, so der Höreindruck. Doch dabei beließ er es nicht. Dosen und Trichter wurden durcheinander bewegt, aneinander gerieben, zum perkussiven Klopfen verwendet. Das geschah eher unerwartet für den Zuhörer. Übersprungshandlung oder was? Schrill waren die Töne des Holzbläsers, bisweilen hatte man den Eindruck, es werde ein Konzert für Schwanengesang angestimmt. Hörte man nicht auch hier und da ein Jajaja, das über das Mundstück des Saxofons zu hören war? Sprachfluss in einem Blasinstrument kennen wir ja auch von Albert Mangelsdorff.



John Hughes, 1972 in Rochester, New York geboren, ist ein Kontrabassist mit tiefen Wurzeln in der amerikanischen und europäischen Improvisationsszene. Hughes leistete im Konzert wahre „sportive“ Körperarbeit, beugte sich tief über den Korpus des Basses, richtete sich auf, um dann im nächsten Moment geschwind den Bogen auf die Saiten zu setzen. Er riss an den Saiten, sodass ein metallisches Schwirren zu hören war, setzte melodische Passagen, die er dann wieder fragmentierte und „korrumpierte“. Überkreuzspiel sah man kurz. Jenseits des Stegs entlockte Hughes seinem Bass zarte hohe Töne. Saiten wurden hart angeschlagen. Tieftönigkeit wurde zelebriert. Hughes schien in seinem Spiel dem Sopransaxofonisten Küchen stets einen Schritt voraus. Oder enteilte Küchen Hughes, sodass einer von beiden dem anderen schnell folgte? Doch Gleichklang war nie das Wort. Gegensätze, Kontroverse war das Motto. Küchen schien im Übrigen eigene Umlaufbahnen zu belegen, verlängerte auch mal sein Instrument mit einem langen Plastiktrichter, spielte kurz orientalisch anmutende Sequenzen an, die er dann wieder mit dem nächsten Schritt durch freie Improvisation auflöste.


Im zweiten Set erweiterte sich der Raum: Simon Camatta, Philipp Buck, Marc-Stefan Andres und Michael Göring formierten sich zu einem Quartett, das Improvisation als kollektiven Prozess versteht.

Dabei erzeugten sie Klanglandschaften, die ohne das elektronische Tischlein-deck-dich nicht möglich sind. Links und rechts von den Gitarristen hatten die beiden Schlagzeuger, Simon Camatta und Philipp Buck Platz genommen. Beide hatten unterschiedliche Drumsets. Der von Philipp Buch war auf Snare, Tom und Becken sowie Hi-Hat reduziert. Umfänglich war in gewisser Weise das Set von Simon Camatta, der allerlei Klangspielzeuge in das musikalische Geschehen einbrachte: Glöckchen, Shaker u.a. diente ihm zur Rhythmusgestaltung.


Simon Camatta, von dem im Magazin Jazzhalo ein vor Jahren geführtes Interview zu finden ist, ist ein international gefragter Improvisations- und Jazzschlagzeuger und Absolvent der Folkwang UdK Essen, ist bekannt für seine abendfüllenden Solo-Performances ebenso wie für interdisziplinäre Arbeiten an ungewöhnlichen Orten.


Philipp Buck, Schlagzeuger, Komponist und Kurator der Reihe „JazzToday“ in der BLACK BOX im cuba wurde in Berlin geboren und studierte Jazzschlagzeug. Buck denkt Musik als Material: Er setzt, stellt und legt Töne in Reihenfolge, zerlegt sie in Einzeltöne und baut sie neu zusammen. Im Dialog mit Simon Camatta ließ er die Trommelstöcke auf den Fellen Tanzen, sensibel und mit Bedacht. Derweil agierte Camatta mit weiten Bewegung, die Perkussioninstrumente ins Klingen versetzten. Nach und nach entwickelten die beiden Gitarristen Klanglandschaften, schienen hier und da auch so zu spielen, als hätten sich Fleetwood Mac und Dire Straits zum Jammen verabredet. Das Spiel der Gitarristen war teilweise auch ein wenig hypnitisch, driftete in Richtung Elektronische Musik und Ambiet, war nie laut und aufdringlich.

Die Gitarristen Marc-Stefan Andres und Michael Göring arbeiten übrigens seit Jahren zusammen und entwickeln in ihrem Zusammenspiel dichte Klanglandschaften: mit Effekten, Loops und Wiederholungen, die sich langsam verschieben oder abrupt brechen. Und genau das, unterstrichen sie mit ihrem Spiel in der BLACK BOX.
© Fotos ferdinand dupuis-panther. Der Bericht basiert auf der veröffentlichten Vorankündigung, die passagenweise übernommen wurde, und atmosphärischen Ergänzungen.
Line-up
OPPUGN
Martin Küchen – Saxophon
John Hughes – Bass
AG/BC
Marc-Stefan Andres – Gitarre
Michael Göring – Gitarre
Simon Camatta – Schlagzeug
Philipp Buck – Schlagzeug
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