JazzToday – SORBD

Black Box Münster, 24.11.2023



„Mit SORBD treffen fünf  Musikerinnen der europäischen Improvisierten Musik – und Free Jazz – Szene aufeinander, die sich als starke künstlerische Persönlichkeiten ausgezeichnet haben. Eine eigene Klangsprache, sowie die Erarbeitung zeitgemäßer Konzepte des Ensemblespiels sind die Kennzeichen der 5 Instrumentalistinnen und Komponistinnen. Die Improvisation in verschiedenen Konstellationen, sowie konzeptuelle Kompositionsskizzen lassen einen hohen Grad interaktiver Spielfreude, überraschende Geräuschmomente und sinnliche Klangbilder erwarten.“ So war es in der Ankündigung zu lesen. An dem besagten Konzertfreitag versammelten sich in der Black Box die Klarinettistin und Saxofonistin Edith Steyer, die Pianistin Rieko Okuda, die Kontrabassistin Isabel Rößler, die Perkussionistin Sofia Borges und die Altsaxofonistin Mia Dyberg.



  


Angesichts der Tatsache, dass der Jazz weitgehend männlich bestimmt ist, ist die oben genannte Besetzung eher eine Ausnahme als die Regel. Musikerinnen, ob im Jazz oder Klassik, sind häufig auf bestimmte Instrumente festgelegt, im Jazz überwiegend auf Gesang und Piano. Das war schon zurzeit von Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Nina Simone und Sarah Vaughan so. Guckt man sich die aktuelle internationale Jazzszene an, dann hat sich daran nicht viel geändert. Ja, es gibt Saxofonistinnen wie Céline Bonacina, Bassistinnen wie Esperanza Spalding, Drummerinnen wie Eva Klesse oder Trompeterinnen wie Lina Allemano und Laura Jurd, aber das sind eben einzelne. Und in den einschlägigen Hochschulen in Deutschland scheint das Fach Gesang überwiegend weiblich besetzt zu sein. So durfte man auf die fünf Musikerinnen, die in der Black Box zu Gast waren, besonders gespannt sein.

  


Vorab noch eine Bemerkung: Wenn auch Tracks wie „9 tiles“, „Pfaueninsel“ oder „Lovestory“ auf dem „Programmzettel“ standen, schienen die Benennungen der Stücke zweitrangig, nebensächlich und aus Sicht des Berichterstatters austauschbar. Vielmehr gewannen die Zuhörer den Eindruck eines klanglichen Meteoritenregens, meinte man jede der Musikerinnen sei ein bunter Baustein in einem Klangkaleidoskop. Ab und an beschlich den Berichterstatter der Eindruck, dass die beteiligten Musikerinnen sich auf unterschiedlichen Umlaufbahnen umkreisten. Sie schienen gelegentlich sehr vertieft in ihr jeweiliges Instrument.


Wer gekommen war, ein exquisiter Kreis, der aktuellen Jazz erleben wollte, wurde mit Klangkaskaden konfrontiert, bei denen jede einzelne Musikerin ihren eigenen Spuren folgte und sich dann in ein Ganzes einfügte. Ohne viel Vorrede ging es los, gelangte ein dumpfes Plong-Plong des Basses an unsere Ohren. Tztztztz – so oder ähnlich klangen die Setzungen der Trommelstöcke auf Tom und Snare, aufgebürstet, aufgekratzt, aggressiv, nervös, unstetig hier und da, getrieben auch. Aufgereihte Tastenläufen vernahm man obendrein. Strömungswellen umflossen die Zuhörer. Tatata oder ähnlich waren die Äußerungen der Altsaxofonistin. Schwirrend äußerte sich die Klarinettistin auf ihrem Holzbläser. Fliegende Finger huschten über die Tasten des Flügels zwischen Bass und Diskant hin- und hereilend. Kurz flammte mal Melodisches auf, als die Altsaxofonistin erneut das Klangwort nahm. Vereint erlebten wir die beiden Holzbläser in einem Intermezzo. Linienspiel traf auf Punktnotierungen, oder?

  


Fallendes Metall klirrte. Das kleine Becken des Drumkit wurde zum Klingen gebracht. Strichweise wurden die Felle der Trommeln traktiert. Wie rauschende Wasserfälle klang das, was die Pianistin uns in ihren Tastenschlägen präsentierte. Wilde Klangsprünge gab es zu hören. Gerassel war wahrzunehmen, dank an die Perkussionistin. Mit der Rassel wurden auch die Felle angeschlagen, um nachfolgend in der Vibration abgefangen zu werden. Die Bassistin agierte teilweise hintergründig und verhalten. Klangformend waren vor allen die beiden Bläserinnen und die Drummerin, so der Eindruck des Berichterstatters.

Trillernde Holzbläser und zugleich ein fulminanter Trommelrausch vereinten sich. Im Weiteren signalisierte die Schlagzeugerin Tempo-Tempo, kein Wunder, dass da die Stöcke rasant über die Felle glitten. Ein Höhepunkt wurde vorbereitet und dann auch erreicht, nicht zuletzt mit „Entäußerungen“ der Klarinettistin. Doch danach erlebten wir ruhigere Fahrwasser und dann war Schluss, zunächst.

  


Kunst und Musik – das war auch ein Thema des Abends, hatte die Bassistin doch nach einer Arbeit von Sophie Taeubner-Arp eine „Partitur“ konzipiert, aus radialen Linien und schraffierten Kreisen.  Mia Dyberg zeigte diese eher ungewöhnliche Notierung den Anwesenden. Hm, na ja, wenn der Tastenarbeiter Alexander von Schlippenbach in der jüngst fertig gestellten Dokumentation ein Stück mit stufigen Linien und einem sog. Chaoskasten notierte, um mit Aki Takase und Vincent von Schlippenbach zu musizieren, dann müssen ja nicht Notenlinien, Schlüssel und Achtel-, Viertel- oder 16tel-Noten zwingend auf das Papier gebannt werden.

Die Finger der Pianistin griffen in den Flügel, schoben sich über die verspannten Saiten. Geknistere erzeugte die Perkussionistin, und die Klarinettistin demontierte ihr Instrument, um es als kurzes Atemrohr zu nutzen. Ein aufgestellter Besen fuhr über das Fell einer der Trommeln. Papierrascheln wurde beigegeben, derweil die Bassistin Holzstöckchen zwischen die Saiten des Tieftöners schob und sie leicht anschlug. Es klang dann nach Pling-Pling und nicht nach erdigem Bassplong. Fiepen und Piepen breitete sich zudem aus, dank an die Klarinettistin. Schwingungen des Basses waren die Antwort. Hier gab es Gebläsemacht und dort gedämpfte Tastenklänge der Pianistin. Auch Momente eines Unisono zwischen den Holzbläserinnen konnten wir ausmachen. Lauschten wir nicht auch dem kurzen Gesang eines tropischen Glockenvogels?


Im weiteren Verlauf waren wir gefangen in Sturm, Orkan und Wirbelwind, entwickelte sich das gemeinsame Spiel auf der Bühne doch derart im „Crescendo“.  Das Quintett erwies sich im Laufe des Konzerts nicht als Monolith, sondern zerfiel in klangliche Mosaike, fokussierte sich die Musik nicht allein auf die Holzbläserinnen, sondern durchaus auch auf die übrigen Musikerinnen, ohne dass unbedingt distinkte Soli zu hören waren. Es war bewegte und bewegende Musik, die wir hörten, teilweise schrill und schräg und nur selten einer harmonischen Melodie zugetan. Hörspiel oder Klangcollage mögen begrifflich das Gehörte charakterisieren. Und darauf ließen sich die konzentriert zuhörenden Gäste der Black Box ein.

© Text und Fotos Ferdinand Dupuis-Panther


https://www.edith-steyer.de/projekte/sorbd/


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