JazzToday: Ganz unten, oben im Norden, Black Box Münster, 6.11.2021







Ausverkauft stand an der Eingangstür. Wie in Zeiten der Pandemie schon üblich, fand das Konzert vor einem kleinen, sehr interessierten Kreis von Jazzliebhabern statt, die ein siebenköpfiges, von Bläsern dominiertes Ensemble hören wollten. Der Saxofonist Wolfgang Schmidtke und der Schlagzeuger Peter Weiss präsentierten mit „Ganz unten, oben im Norden“ das neueste Projekt des Jazzpool NRW.  „Drei der Mitglieder stammen aus dem hohen Norden, wo die Sonne bekanntlich tief steht – womit sich der Titel spielerisch erklärt.“ So las man es in der Konzertankündigung. Bei den Grußworten von Wolfgang Schmidtke jedoch fehlte dieser Hinweis. Er wolle zu dem Projekttitel nichts weiter sagen, denn man sei ja nicht in einem literarischen Zirkel, sondern in einem Konzert. So waren sinngemäß die Worte des Projektinitiators.

Im Ankündigungstext war zudem Folgendes zu lesen: „Kern des Projektes ist es, das Verhältnis von Komposition und Improvisation neu auszuloten. Zwei Formen sollen dabei durchbrochen werden: Erstens die klassische Jazzkomposition, die aus einem fortlaufend wiederholten und improvisatorisch variierten Thema besteht und zumeist die Form des Rondo verfolgt – mithin da endet, wo sie begonnen hat. Und zweitens die komplett freie Improvisation, die fraglos aus dem Drang entstanden ist, das sich immerfort drehende Rondo zu verlassen.“



Begonnen wurde das Konzert mit einer Improvisation, bei der der Bassist gleichsam der ruhende Pol inmitten von Surren, Schwirren, gebrochenen Klangsequenzen, Windgetöse, Schwingenklang und Sirenengesang war. Forsche Saitensprünge trafen auf treibendes Schlagwerkspiel. Kehliges war auszumachen, kein Wunder bei der „Allmacht“ der „Windmaschinen“, sprich der Saxofone. Dezentes Blechvibrieren drang an die Ohren der Zuhörer. Hochfrequentes wurde einem Sopransaxofon abgerungen, dank an Lotte Anker. Hier und da drängte sich das Bild von zerspringendem Kristallglas auf und zudem die Filmsequenzen aus „Die Blechtrommel“, in der Oskar Matzerath mit seiner schrägen und schrillen Stimme Glas zum Bersten brachte. Exaltiertes drängte sich auf, paarte sich mit Sonorem, ging über in Sequenzen von Vibrationen. Immer dann wenn der „Bläserchor“ sich in den Fokus schob, war auch durchaus Tieftöniges auszumachen. Aus Klangsprüngen heraus entwickelte Jan Klare zerfließende Linien. Das Prinzip des Dialogischen, im vorliegenden Fall zwischen Alt- und Sopransaxofon wurde ab und an erkennbar. Waren da nicht auch Ansätze eines tragischen Lamentos zu vernehmen? Elektronische Klangschlieren schienen die Black Box zudem zu füllen, oder? Nach und nach baute sich ein Furioso auf, schien der Höhepunkt angesteuert zu werden, um nachfolgend aus der Spannung in die Entspannung zu wechseln.


Das Ensemble wurde bereits beim Konzertbeginn in unterschiedliche Einheiten gebrochen, standen Solos auf dem Programm, so auch durch den Tenorsaxofonisten Wolfgang Schmidtke, der sich auf das Zusammenspiel mit den Schlagakzenten von Peter Weiss einließ. Schmidtke lotete dabei die gesamte Klangvielfalt seines Instruments aus, das er auch röhren ließen, wenn er verknotete Klangschleifen zeichnete. Auch wenn der Bassist im Bühnenraum hinten stand, so rückte er immer wieder in den Klangfokus. Man hatte als Zuhörer jedenfalls nicht den Eindruck, dass das Ensemble als Monolith agiere. Feingliedrig erschien der Gesamtkörper des Klanges, zu dem jedes Ensemblemitglied einen wesentlich Teil beitrug.


Das zog sich durch das gesamte Konzert, wer auch immer die Kompositionen verantwortete und ob sie nun „Shift“ oder „Nichts weiter wirklich“ zum Titel hatten. Immer wieder verstanden es die Mitglieder des Ensembles die Zuhörer zu überraschen, auch als sich Jan Klare, Flöte spielend, und Stefan Meinberg, an der Trompete zu hören, zu einem Duo einfanden. Verhalten war das Spiel des Trompeters, der auf eine gedämpfte Trompete zurückgriff, derweil Jan Klare Zerbrechliches zu Gehör brachte. Der „Lautraum“ bestand aus Rauschen,Windgesäusel, Gewitterdrohungen und dichten Wolkenzügen, um ein plastisches Bild zu gebrauchen. Klangschwaden wurden aufgelöst. Schraffuren wurden gezeichnet. „Abstrakte Linienspiele“ hörte man außerdem, gerade dann, wenn Lotte Anker und Wolfgang Schmidtke an ihren Sopransaxofonen zu hören waren. Da stand dann nicht Melodisches im Fokus, sondern Kantiges, Eckiges, Kubistisches. Im weiteren Verlauf war auch Stefan Meinberg mit seinem Euphonium zu hören, wurden Bilder von Wellengängen, Wogenkämmen und einem Malstrom musikalisch umgesetzt. Sah man gleichsam klangliche Farbmeere vor dem geistigen Auge. Außerdem wurden „Klang- Galoppaden“ ins Spiel eingebunden, vereinten sich Trompete und Altsaxofon zum gemeinsamen Spiel. Stimmüberschläge und zerbrechlich erscheinende Phrasierungen machten den weiteren Teil des musikalischen Vortrags aus.


Oszillierende Bassklänge eröffneten das dritte Stück des Konzerts. Dabei hatte man auch den Eindruck, dass der Bass im Klang zu einem Cello mutierte. Düsternis traf auf Klagendes, für einige Momente jedenfalls. Singsang eines Sopransaxofons vereinte sich mit dem Klang einer Piccolo-Trompete. Klangcollagen entwickelten sich. Der Ensemblekorpus steuerte gemeinsam auf einen Klanghöhepunkt zu, ließ gleichsam Lavaströme entstehen und Eruptionen erahnen. Ausbrüche, Einbrüche, Stürze und „klangliche Klippensprünge“ fanden sich im Gehörten.


Mit klassischen Anmutungen ging es nach einer kurzen Pause weiter. Das Euphonium schien sich in ein Waldhorn zu verwandeln. Man meinte im Folgenden, dem Gurgeln einer Bachquelle zu lauschen. Die Kulisse einer Bergwelt mit zackigen Graten und Kaminen baute sich vor dem geistigen Auge der Zuhörer auf. Hall unterlegt waren die Passagen, die wir hörten. Waren da nicht auch Loops eingebaut worden? Wie in einer Doppelhelix verbanden sich Spielstränge miteinander, so auch die von Jan Klare und Stefan Meinberg. Klangrotationen durchzogen die Black Box. Beim Zuhören hatte man das Bild von wogenden Getreideähren vor Augen, musste man an die expressiv gemalten Felder van Goghs denken, vor allem, wenn die Holzbläser sich als Windmaschinen erwiesen.


Schließlich meinte man, dass auch Afrika in Münster gegenwärtig war. Funkiges ging in Afro Beats über. Jan Klare tauschte sein Altsaxofon für ein Baritonsaxofon, das mit einer gewissen stampfenden Rhythmik daherkam. Manu Dibango, Fela Kuti, Osibisa – oder was? Das fragte sich wohl der eine oder andere Anwesende, der bei einem entfesselten Klangspiel zugegen war. Und ganz zum Schluss gab es noch eine Zugabe, eine kurze Zugabe mit einem überraschenden Ende – auch für die beteiligten Musiker, so der Eindruck.

© Text und Fotos Ferdinand Dupuis-Panther


Infos

Line-up

Stephan Meinberg – Trompete, Piccolotrompete, Euphonium
https://soundcloud.com/user-680103483/sets

Jakob Riis – Electronics & Laptop

Lotte Anker – Alt- und Sopransaxofon
http://www.lotteanker.com



Jan Klare – Bariton- und Alt-Saxofon, Flöte
http://www.janklare.de


Wolfgang Schmidtke – Sopransaxofon, Tenorsaxophon
https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Schmidtke



Dieter Manderscheid – Kontrabass
https://www.hfmt-koeln.de/personen/lehrende/prof-dieter-manderscheid/biografie/


Peter Weiss – Schlagzeug
https://www.weisspeter.com



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