JazzToday - Frank Wingold

Black Box Münster, 31. März 2023







Es war ein denkwürdiger Abend in der Black Box. Zum einen standen nicht Soundtrips und freie Improvisationen auf dem Programm, sondern Standards aus dem American Songbook in frischem Gewand mit sehr gekonnten Improvisationen, zum anderen war ein Solist zu Gast, der Kölner Gitarrist Frank Wingold. Ihn kennt man vor allem mit seinem eigenen Trio und Quartett Clairvoyance sowie durch die Band Underkarl. In Münster jedoch spielte er als Solokünstler, einerseits auf einer siebensaitigen akustischen Gitarre mit Nylonsaiten und andererseits eine siebensaitige Jazzgitarre mit Stahlsaiten. Auf das Spiel mit dem Plektron verzichtete Frank Wingold während des Abends. Nur beim Spiel auf den Stahlsaiten legte sich der Musiker ein Finger Pick an.


Sehr intim war die Atmosphäre und angesichts der Zahl der Zuhörer meinte man gar, man sei zu einem Hauskonzert eingeladen worden. Neben den Standards stellte Frank Wingold auch zwei Improvisationen vor, deren Ausgangspunkt ein deutlich zu dechiffrierendes kleines Motiv war. Bisweilen hatte man gar den Eindruck, dass die Improvisationen sich aus einem einzelnen Ton heraus entwickelten.

Überwiegend waren Stücke zu hören, die auch auf dem letzten Soloalbum „To Be Frank“ zu hören sind. Doch trotz eines auf einem Bogen Papier festgehaltenen Programms variierte der Kölner Gitarrist während des Abends das Programm. Eigentlich waren auch „Alone together“ und „Oblique“ vorgesehen. Statt dessen bekam jedoch Duke Ellingtons „In a sentimental mood“ den „Vorzug“.

 


Übrigens, erwähnt sei, was in der Konzertankündigung auch zu lesen war: „Seine Gitarre kann gleichzeitig Bass, Klavier und Schlagzeug sein. Damit reiht er sich mit seiner individuellen Stimme in die Riege der großen Gitarrensolisten wie Joe Pass, Jim Hall oder neuerdings Julian Lage ein.“ Und dem konnten die sehr aufmerksamen Zuhörer nur zustimmen, die an diesem konzertanten Abend live teilhaben konnten. Darüber, dass nicht mehr Musikliebhaber den Weg in die Black Box gefunden hatten, kann man nur spekulieren. Und das ist gewiss müßig.

Volltönig begann das Konzert, auch mit einer gewissen Basslast und Nachhall. Doch daraus entwickelten sich feinste Sequenzen, die hier und da als balladenhaft anzusehen waren. „My shining hour“ stand auf dem Programm. Der Song ist Teil des Films „The Sky's the Limit (1943)“. Wollte man das Gehörte in Bilder umsetzen, so lag es nahe,  an einen Sonnenuntergang und Abendstimmungen zu denken, oder? Bei den sensibel gesetzten Klangkaskadierungen hatte man gar Flaneure vor Augen, die die Lichter der Großstadt genossen. Wollte man einen Vergleich zu den Legenden der Jazzgitarre wählen, dann ist wohl am ehesten zutreffend, das Frank Wingold stilistisch nahe bei Joe Pass ist. Und das galt auch für das Eröffnungsstück.


Frank Wingold wies bezüglich des Programms darauf hin, dass es vor allem der Jazz der 20er bis 40er Jahre ist, der es ihm angetan habe. Es ist die Schlager- und Popmusik jener Ära, in der diese Musik in Broadway-Revuen und in Musicals sowie Filmen zum Leben erweckt wurde. Wenn man so will, liegt die Wiege des Jazz in den oben bezeichneten Jahren. Keine Frage das sogenannte American Songbook ist bis heute ein wichtiges Fundament des Jazz, trotz Hardbop, Cool, Modern oder Jazz Rock.

Dem Komponisten Jerome Kern und dem Texter Oscar Hammerstein II ist „The Song is You“ zu verdanken, ein Song, den wir nachfolgend hörten. Sehr melodisch und mit fließenden Linien kam der Song daher. Teilweise spielte Frank Wingold sehr behutsam, zurückgenommen und man hatte den Eindruck, man höre leise Sandkorn um Sandkorn rieseln. Obendrein nahmen wir aber auch wahr, dass durchaus in den Vordergrund drängende Sequenzen gespielt wurden, so als würde die Gitarre einen Bläsersatz oder zumindest ein solistisch agierendes Saxofon in Saitenklängen umsetzen. Mit einem nahezu „klassischen Ansatz“ wurde „I’ll be seeing you“ vorgetragen. Beim Zuhören musste der eine oder andere an Revuefilme mit Fred Astaire und Ginger Rogers denken, oder? Der Song machte übrigens Teil des Broadway-Musicals “Right This Way” aus und entführte uns in die 1930er Jahre. Doch Frank Wingold sorgte für eine klangliche Frischzellenkur und das tat dem Standard überaus gut. Dabei wurden Bass- und Diskant-Linien vom Gitarristen aufgefächert und  gleichsam klanglich feinst gesponnen.  Bing Crosby und das Tommy Dorsey Orchester mit dem Vokalisten Frank Sinatra hatten sich, das sei hier angemerkt, nach dem Zweiten Weltkrieg des Songs angenommen.


Doch auch Eigenes stellte der Kölner Gitarrist vor, so „Escapade“. Tatsächlich erlebten wir Ausbrüche und Ausschweifungen. Bildlich gesprochen meinte man, man sehe bei den fliegenden Linien, die an unser Ohr drangen, die bildenden Künstler des Informel vor sich, die mit gestischem Quasten-Schlag die Leinwand mit Farbstrukturen überziehen. Rhythmische Durchsetzungen waren auszumachen, aber auch Fingerpickings und Beschwingtheit, wenn nicht gar Swing im klassischen Sinne. Die Ausschweifungen durchbrachen im Übrigen die durchaus vorhandenen geschlossenen Formen, die Ausgangspunkt der Wingoldschen  Eskapaden waren.

Zweimal am Abend entwickelte Frank Wingold aus kleinen Motiven Improvisationen. Bei einer der beiden Improvisationen meinte man, aus der Ferne hohe Glockentöne zu vernehmen, die Teil eines etüdenhaften Ansatzes waren. Irgendwie erinnert Wingold in dem Kontext seiner Improvisationen an das Spiel André Segovias. Die Klassik schien dabei näher als der Jazz, die Variation näher als die Paraphrasierung des Jazz. Oder?


Wie es klingt, wenn ein Gitarrist sich darin versucht, eine Marching Band mit Saitenspiel zum Leben zu erwecken, erlebten wir am Ende des ersten Konzertteils. Die Musik und die Musikkultur stand dabei ebenso Pate wie eine Serie namens „Tremé“, in der sich alles um die Musikstadt New Orleans nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina dreht. „Feel like funkin’ it up“ lautete der Titel der Komposition, bei der man meinte, J. J. Cale würde geradewegs vorbeischauen und Bo Diddley sei in seinem Schlepptau. Selbstverständlich war auch der Bläsersatz aus dem Saitenspiel Wingolds herauszuhören.

Mit einem Hohelied für den Frühling wurde das Konzert nach der Pause fortgesetzt: „It might as well be spring“. Danach widmete sich der Gitarrist einem Stück, das auch Dean Martin, Shirley Horn, Doris Day, Mario Lanza und Nat King Cole in ihrem Repertoire hatten: „On the street where you live“. Dieses Stück kann man, so Frank Wingold, nur fröhlich spielen, strahlt es doch unbändige Lebenslust aus. Beim Vortrag des Gitarristen swingte es von A bis Z und erinnerte bezüglich der Stimmung an „On the sunny side of the street“.


Übrigens,  nicht nur die Popmusik der 20er bis 40er Jahre waren beim Konzert zu hören, sondern auch „Umbrella“ von Rihanna, So hieß es denn „Under my umbrella, ella, ella, eh, eh, eh“ – rein instrumental natürlich. Auch auf einen sehr bekannten Evergreen verzichtete Frank Wingold nicht: „In a sentimental mood“, wahrlich eine Art Ohrwurm der Jazzgeschichte. Ähnlich melodisch und mit hohem Wiedererkennungswert war zum Schluss „Joshua“, bekannt geworden auch durch das Miles Davis 5tet und beinahe so eingängig wie „So What“. Damit ging ein sehr gelungener, konzertanter und entspannter Abend zu Ende. Im Programm der Black Box war dies durchaus ein Kontrapunkt zu der sonst sehr avantgardistischen Musik, die in der Black Box in Münster ansonsten ihren Raum hat.

Text und Photos © ferdinand dupuis-panther 2023


Info

https://www.wingold.de/wordpress_wingold_de/
https://www.wingold.de/wordpress_wingold_de/sounds-2/

https://www.jazzhalo.be/reviews/cdlpk7-reviews/various/the-art-of-guitar-3/

http://www.blackbox-muenster.de/index.php?id=programm#c3746825


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